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Das Kalenderblatt Ein Funkelstein des Bayerischen Rundfunks

Klein und fein: Das Kalenderblatt auf Bayern 2 erzählt seit 30 Jahren spannende, skurrile und berührende Geschichten aus der Geschichte

Von: Daniela Wartelsteiner

Stand: 23.10.2015

Illustration zum Kalenderblatt | Bild: Angela Smets

Nur der dunkle Schatten auf dem Titelbild mit der zarten Dame lässt erahnen, dass sich hinter diesem Motiv eine Geschichte wie ein Schauermärchen mit Liebe, Mord und Rache verbirgt. Um den spektakulären Tod von Inês de Castro, am 7. Januar 1355, ranken sich noch Legenden. Sie war eine Adelige aus dem 14. Jahrhundert: In Portugal kennt sie jedes Kind, weil sie die große Liebe und Geliebte des damaligen portugiesischen Königs Pedro war. Er durfte sie niemals heiraten, und so hatte er eine makabre Idee ...

Das ist "Das Kalenderblatt", gesendet am 7. Januar 2015, mit dem Titel "Mord an Inês de Castro". Mit der Sendung taucht man täglich um 9.50 Uhr in die Historie ein, hört fasziniert zu und staunt oder schmunzelt.

Die Idee mit dem "Kalenderblatt" kam auf, als nach einer Programmreform vor drei Jahrzehnten ein paar Minuten Sendezeit auf Bayern 2 übrig blieben. Ursprünglich sollte dort ein Heiligenporträt gesendet werden, dabei blieb es nicht. Die Idee wurde geboren, schräge Daten in Form eines Kalenders zu machen. "Wir versuchen, nicht über Kriege, Herrscher, große Daten zu erzählen, sondern scheinbar nebensächliche Geschichten, die einen im besten Fall überraschen und anrühren", sagt Susanne Poelchau, Leiterin der Redaktion Wissen und Forschung. Damit das auch gelingt, braucht es viele kreative Köpfe. Die Redaktion Wissen und Forschung produziert zwei Stunden Sendezeit täglich. Sie gestaltet Sendungen wie "radioWissen", "IQ – Feature" und eben "Das Kalenderblatt".

Die Leiterin der Redaktion Wissen und Forschung Susanne Poelchau

Für dieses sind zwei Redakteure verantwortlich: Susi Weichselbaumer und Frank Halbach. Sie planen oft schon Monate im Voraus, auch in regem Austausch mit anderen Autoren, und suchen nach Themen. "Das sind eher unrunde Daten, wir würden nie den 250. Geburtstag von Goethe, eher seinen 249. thematisieren. Da geht es eher um eine Patentanmeldung für den Zahnstocher oder darum, wann Marylin Monroe das erste Mal Aktfotos gemacht hat", erklärt Poelchau. Nach der Vorplanung werden die Themen an die Autoren vergeben. "Es gibt auch andere Kalenderblätter, zum Bespiel beim Deutschlandfunk, die erzählen, was an diesem Tag war", sagt Poelchau: "Bei uns geht es eher darum, eine berührende, witzige oder skurrile Geschichte hinter dem Datum zu entdecken und zu erzählen".

Für diese wahren Geschichten müssen die Autoren zum Teil viel und mühsam recherchieren. Das Schwierige dabei: Sie haben nur dreieinhalb Minuten, um eine kleine, feine Story zu erzählen. Die Sprecherinnen und Sprecher des BR, viele von ihnen sind Schauspieler, sprechen anschließend den Text ein. Gustl Weishappel und Horst Raspe waren dabei und andere große Stimmen wie Ilse Neubauer, Andreas Wimberger, Christa Posch, Johannes Hitzelberger, Hans-Jürgen Stockerl und Caroline Ebner prägen heute die Sendung. Die "pure Form" des Wiedergebens ist ein weiteres Markenzeichen der Sendung. Ein Sprecher erzählt eine Geschichte – ohne Musik oder Geräusche. "Das Höchste der Gefühle ist, dass ein Sprecher selbst singt oder ein Instrument nachmacht. Wir hatten neulich etwas über die Rocky Horror Picture Show, und die Sprecherin Caroline Ebner hat tatsächlich Teile davon gesungen."

Illustration von Tobias Kubald zum Start des Apollo-Sojus-Test-Projekts

Wenn der Beitrag gesendet ist, kann der Hörer diesen bei Bayern 2 im Internet nachlesen oder im Podcast nachhören. Dort erwartet ihn eine weitere Besonderheit: wunderschöne Zeichnungen. Seit Anfang Juli 2015 illustriert Tobias Kubald die "Kalenderblatt"-Seiten. "Besonders herausfordernd sind die historischen Themen, denn der Leser soll mit einem Blick erkennen können, worum es geht", sagt der 29-jährige Programmassistent, der die Entstehung jedes "Kalenderblatts" damit von Anfang bis zum Ende betreut. Zu seinen Kernaufgaben gehören das Einteilen der Sprecher für die Texte, das Betreuen der Internetseite, nebenbei zeichnet er. Dass diese Art von Illustrationen aufwendig ist, bestätigt auch die ehemalige Illustratorin des "Kalenderblatts" und Multimedia- Designerin beim BR, Angela Smets, die zuvor fünfeinhalb Jahre dort gemalt hat. "Auch für die Zeichnungen muss man viel recherchieren. Und bis das Bild fertig ist, braucht es schon vier Stunden", sagt Smets. Dennoch: als Künstler zehre man viel davon, denn sie sei "berauscht" gewesen ob der Themen und Bilder. Zudem habe sie viel gelernt: "Das war nochmal Geschichtsunterricht, den ich so nie in der Schule oder im Studium hatte."

Susanne Poelchau und ihr Team werden auch weiterhin mit diesen amüsanten und überraschenden Anekdoten die Hörer beschenken. "Es ist eines dieser Funkelsteinchen in der Schmuckschatulle des BR: Nur dreieinhalb Minuten lang, aber eine Preziose – eine Kostbarkeit mit Audio, Bild und unseren tollen Sprechern! Radio sollte sich so etwas leisten", sagt Poelchau.


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