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Waldrapp Skurriler Waldrapp soll wieder heimisch werden

Mit seinem langen gebogenen Schnabel, seiner schwarzen Halskrause und seiner punkigen Frisur auf dem geierähnlichen Kopf zählt der Waldrapp sicher zu den skurrilsten Vögeln. Bis ins 17. Jahrhundert war der Ibisvogel auch in Bayern und Österreich heimisch. Doch dann wurde er ausgerottet. Heute zählt der Waldrapp zu den am stärksten bedrohten Vogelarten weltweit.

Stand: 10.06.2021

Begegnet ein Waldrapp (Geronticus eremita) dem anderen, legen sie ihre Köpfe in den Nacken, verneigen sich und begrüßen sich mit einem heiseren "ChruuChruu". Auffällig ist jedoch nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Aussehen: Aufgrund der wilden Frisur wird der Waldrapp auch Schopfibis genannt. Seine Kehle ist unbefiedert und rot. Der Schnabel bis zu 15 Zentimeter lang und hochsensibel: In ihm stecken Tastorgane, mit deren Hilfe der Vogel im Erdboden Würmer und andere Tierchen aufspürt.

Früher landete der Waldrapp im Kochtopf

Früher war der Vogel mit dem schwarz-grünlich glänzenden Gefieder in Europa weit verbreitet. Zeitgenössischen Schriften aus dem 16. Jahrhundert zufolge galten die Waldrappe als "Schleck mit lieblich Fleisch und zart Gebein". So landeten viele Exemplare des noch bis ins 17. Jahrhundert auch in Bayern und Österreich heimischen Ibisvogels damals im Kochtopf. Heute ist der Waldrapp in der Roten Liste der IUCN als bedrohte Zugvogelart gelistet.

Der Waldrapp kehrt zurück

Dass es den Waldrapp heute überhaupt noch bei uns gibt, hat er zunächst Zoos zu verdanken. 2004 startete dann im Rahmen eines europäischen Artenschutzprogramms die Wiederansiedlung des Ibisvogels in Burghausen.

Der Waldrapp in Bildern

Wiederansiedlungsprojekt Waldrapp

Die Europäische Union entschied nach einer Machbarkeitsstudie Anfang der 2000er-Jahre den Waldrapp wieder anzusiedeln und startete ein Schutzprojekt für die Vogelart. Projektträger von LIFE+ ist der österreichische Förderverein Waldrappteam. Insgesamt sind bislang sieben Partner aus Österreich, Deutschland und Italien beteiligt. Projektstandorte sind: das Brutgebiet im bayerischen Burghausen, die Brutgebiete in Kuchl und Rosegg in Österreich, das Trainingscamp für die menschengeführte Migration in Hödingen/Überlingen am Bodensee und das italienische Wintergebiet WWF Oasi Laguna di Orbetello in der Toskana. Das erste Projekt zur Förderung der Waldrappe ist bereits ausgelaufen, der Antrag zur Förderung des Folgeprojekts ist eingereicht. Über ihn entscheidet die EU-Kommission im Juni 2021. Das Folgeprojekt soll ab 2022 bis 2028 laufen. "Danach müssten Waldrappe nach unserer Berechnung selbstständig überlebensfähig sein", sagt Johannes Fritz, Leiter des Projekts.

"Ziehmütter" zeigen Waldrapp-Jungen in Leichtflugzeugen die Route

Die beiden Ziehmütter führen in Leichtflugzeugen die jungen Waldrappe über die Alpen (hier im Jahr 2017)

Eine der größten Herausforderungen für die Biologen: Die Waldrappküken haben das Zugverhalten und die Zugroute nicht von ihren Eltern geerbt. Beides muss ihnen wieder antrainiert werden. Deshalb ziehen Wissenschaftler Waldrapp-Küken per Hand auf, um sie auf ihre Person zu prägen. Dadurch folgen die Jungvögel ihren "Ziehmüttern" Mitte August über die Alpen in die Toskana. Die Biologinnen reisen in Ultraleichtfliegern und weisen den Jungtieren den Weg.

Auf diese Weise sollen sich die Waldrappe ihre Vogelzugstrecke einprägen und sie an ihre Nachkommen weitergeben. 2007 startete von Burghausen aus diese besondere, von Menschen geleitete Waldrapp-Migration. Und 2011 war das erste Jahr, in dem gleich sechs Vögel eigenständig nach Bayern zurückgefunden haben. Im selben Jahr wurde auch erstmals ein Jungvogel von einem erfahreneren Artgenossen über die Alpen in die Toskana geführt. Mittlerweile gelingt es immer mehr Tieren, den Weg zurück über die Alpen zu finden.

"Damit der Waldrapp sich als wilder Kulturfolger bei uns zu Hause fühlt, muss er sein altes Verhalten, nämlich das Wegziehen im Winter, erst wieder erlernen. Findet der junge Waldrapp nicht im ersten Lebensjahr die Zugroute zu seinem Winterquartier in der Toskana, fällt das Lern-Zeitfenster zu und er wird es nie schaffen, auf eigenen Beinen zu stehen."

Klaus Hackländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wildtier Stiftung

Erfolg des Projekts: Waldrapp-Kolonien wachsen trotz Beschränkungen an

Waldrapp-Vogelzug über der Toskana

Trotz der Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie wuchs der Bestand der Vögel 2020 in den verschiedenen Projektstandorten von insgesamt 142 auf 158 Tiere an. Das Forscherteam des EU-Projekts freut sich besonders über die Erfolge der Standorte im österreichischen Kuchl und im bayerischen Burghausen. In Burghausen wuchsen laut Jahresbericht 13 Jungvögel trotz fehlenden Managements aufgrund der Pandemie auf, in Kuchl waren es sogar 14 Jungtiere. Bis Juni 2021 schlüpften in den Nischen der Burgmauer in Burghausen 16 Küken in fünf Nestern (Stand Juni 2021).

2020 war noch ein weiterer Erfolg zu verzeichnen: Erstmals sind 16 Waldrappe aus dem Wintergebiet an den Projektstandort in Überlingen am Bodensee zurückgekehrt.

Und am 5. Juni 2021 ist am Standort Überlingen auch das erste Küken in freier Wildbahn geschlüpft, das erste Mal seit 400 Jahren, so das Waldrappteam. Drei weitere Nester sind belegt, mit vermutlich je zwei bis drei Eiern. Noch geschieht das in einem künstlichen "Vogelhaus", aber ab 2022 sollen die Brutpaare dann in Felsnischen oberhalb des Bodenseeufers verbracht werden.

Gefährliche Reise für Waldrappe

Flugtraining für Waldrappe: Die beiden Ziehmütter sitzen mit ihren Jungvögeln auf der Landewiese.

Immer noch werden Waldrappe – obwohl sie streng geschützt sind – vor allem in Italien gejagt. Vermutlich durch die Pandemie sind die in den vergangenen Jahren rückläufigen illegalen Abschüsse der Tiere 2020 wieder angestiegen. Von 17 Prozent (mittlerer Wert im Projektzeitraum 2014 bis 2019) auf 28 Prozent 2020, heißt es in dem Jahresbericht des EU-Projekts.

Neben der Wilderei sind auch Strommasten eine große tödliche Gefahr für die Ibisvögel. Immer wieder sterben Waldrappe, weil sie auf ungesicherten Masten rasten wollen, durch einen Stromschlag. 2020 waren Stromschläge für 44 Prozent der Waldrapp-Todesfälle verantwortlich.

Ziel: Eigenständige Zugvögel mit Überlebenschance

Ziel des Waldrapp-Projektes LIFE+ ist, dass Waldrappe wieder selbstständig in der Natur überleben können. Johannes Fritz, Leiter des Projekts, ist zuversichtlich, dass das klappt – zumindest, wenn auch das gleichnamige Folgeprojekt bis 2028 bewilligt wird.

  • Waldrapp - der Punkvogel kehrt zurück. Abenteuer Wildnis, 28.05.2021 um 14.45 Uhr, BR Fernsehen
  • Waldrapp-Auswilderung - Wie ein Zugvogel über die Alpen gelotst wird. Unkraut, 03.08.2020 um 19:00 Uhr, BR Fernsehen
  • Brutzeit der Waldrappe in Burghausen beginnt. Abendschau - Der Süden, 26.04.2019 um 17:30 Uhr, BR Fernsehen
  • Der Punkvogel kehrt zurück: in "Abenteuer Wildnis", BR-Fernsehen, 15.09.2017
  • Waldrappen auf dem Weg in den Süden: in "Sommernotizbuch, Bayern 2, 25.08.2017, 10.05 Uhr
  • Vogelflug - Was ist das Geheimnis?: in "X:enius", ARD-alpha, 28.07.2017, 16.30 Uhr
  • Waldrapp: Zurück aus dem Winterquartier: in "Abenschau", BR Fernsehen, 05.04.2017, 17.30 Uhr
  • Markus Unsöld zum Waldrapp: in "Habe die Ehre", BR-Heimat, 09.11.2016, 10.05 Uhr
  • Nach 300 Jahren zurück in Bayern: Der Waldrapp: Welt der Tiere, 15.06.2014, 15.15 Uhr

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