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Rettung des Zugvogels Skurriler Waldrapp soll wieder heimisch werden

Mit seinem langen gebogenen Schnabel, seiner schwarzen Halskrause und seiner punkigen Frisur auf dem geierähnlichen Kopf zählt der Waldrapp sicher zu den skurrilsten Vögeln. Bis ins 17. Jahrhundert war der Ibisvogel auch in Bayern und Österreich heimisch. Doch dann wurde er ausgerottet. Heute zählt der Waldrapp zu den am stärksten bedrohten Vogelarten weltweit.

Stand: 18.10.2018

Früher war der Vogel mit dem schwarz, grünlich glänzenden Gefieder in Europa weitverbreitet. Zeitgenössischen Schriften aus dem 16. Jahrhundert zufolge galten die Waldrappe als "Schleck mit lieblich Fleisch und zart Gebein“.  So landeten die letzten Exemplare im Kochtopf. Dass es den Waldrapp heute überhaupt noch bei uns gibt, hat er zunächst Zoos zu verdanken. 2004 startete dann im Rahmen eines europäischen Artenschutzprogramms die Wiederansiedlung des Ibisvogels in Burghausen.

Wiederansiedlungsprojekt Waldrapp

Die Europäische Union entschied nach einer Machbarkeitsstudie Anfang der 2000er-Jahre den Waldrapp wieder anzusiedeln und startete ein Schutzprojekt für die Vogelart. Noch bis 2019 wird die Wiederansiedelung des Waldrapps in Deutschland und Österreich als heimischer Zugvogel gefördert. Projektträger ist der österreichische Förderverein Waldrappteam. Insgesamt sind acht Partner aus Österreich, Deutschland und Italien beteiligt. Projektstandorte sind: das Brutgebiet im bayerischen Burghausen, das Brutgebiet Kuchl im österreichischen Salzburg, das Trainingscamp für die menschengeführte Migration in Hödingen/Überlingen am Bodensee und das italienische Wintergebiet WWF Oasi Laguna di Orbetello in der Toskana. Ein Antrag auf Verlängerung der Förderung des Projekts von 2020 bis 2027 ist derzeit in Arbeit.

"Ziehmütter" zeigen Waldrapp-Jungen in Leichtflugzeugen die Route

2017 führen die beiden Ziehmütter in Leichtflugzeugen die jungen Waldrappe über die Alpen.

Eine der größten Herausforderungen für die Biologen: Die Waldrappküken haben das Zugverhalten und die Zugroute nicht von ihren Eltern geerbt. Beides muss ihnen wieder antrainiert werden. Deshalb ziehen Wissenschaftler Waldrapp-Küken per Hand auf, um sie auf ihre Person zu prägen. Dadurch folgen die Jungvögel ihren "Ziehmüttern" Mitte August über die Alpen in die Toskana. Die Biologinnen reisen in Ultraleichtfliegern und weisen den Jungtieren den Weg.

Auf diese Weise sollen sich die Waldrappe ihre Vogelzugstrecke einprägen und sie an ihre Nachkommen weitergeben. 2007 startete von Burghausen aus diese besondere, von Menschen geleitete Waldrapp-Migration. Und 2011 war das erste Jahr, in dem gleich sechs Vögel eigenständig nach Bayern zurückgefunden haben. Im selben Jahr wurde auch erstmals ein Jungvogel von einem erfahreneren Artgenossen über die Alpen in die Toskana geführt.

Waldrapp-Kolonien wachsen an

Das Ziel des Projekts bis Ende 2019 ist es, Brutkolonien mit 120 Vögeln zu haben. Johannes Fritz, der Leiter des EU-Projekts, geht davon aus, dass dies klappt. In Burghausen und Kuchl bei Salzburg haben 2018 immerhin vier und sechs brütende Pärchen 26 Küken großgezogen.

Erfolgreiche Reise ins Winterquartier 2018

Auch 2018 startete eine menschengeführte Migration mit handaufgezogenen Tieren von Überlingen am Bodensee aus ins italienische Winterquartier. Nach zwei Wochen, fünf Etappen, einer unbeschadet überstandenen Adler-Attacke und 885 Flugkilometern landeten 29 junge Waldrappe am Ziel in Orbetello in der Toskana. Sie waren den beiden Fluggeräten gefolgt. Dabei zeigte sich, dass die Vögel wohl auch aufgrund einer starken Bindung zu ihren beiden menschlichen Ziehmüttern extrem motiviert waren und daher die anstrengende Strecke relativ schnell und ausdauernd bewältigten. So die Erklärung des Waldrappteams.

Gefährliche Reise für Waldrappe

Flugtraining für Waldrappe: Die beiden Ziehmütter sitzen mit ihren Jungvögeln auf der Landewiese.

Waldrappe sind stark gefährdet, denn immer wieder werden die streng geschützten Tiere in Italien gejagt und getötet. So weiß man sicher, dass im Herbst 2016 fünf Vögel auf ihrem Weg ins Winterquartier von italienischen Jägern in der Toskana erschossen wurden. Allein in den ersten zehn Jahren wurden rund 50 Tiere getötet. Aber nicht nur die Jagd macht dem Waldrapp zu schaffen. Auch Windräder, die Wetterlage, angreifende Greifvögel oder der Flugverkehr beeinflussen und beeinträchtigen ihren Vogelzug.

Die häufigste Todesursache bei den wildlebenden Waldrappen sind derzeit allerdings ungesicherte Strommaste: Seit 2014 wurden bis August 2018 28 Todesfälle durch Stromschlag registriert. Fünf Vögel der Kolonie in Burghausen starben im Juli 2018 durch Stromschlag auf einem Mast in Österreich, als sie dort rasten wollten. Die Vögel aus dem Brutgebiet in Burghausen suchen ihre Nahrung bevorzugt über der Salzach in Oberösterreich. Dort waren bislang alle Masten ungesichert, so Fritz.

Ziel: Eigenständige Zugvögel mit Überlebenschance

Waldrapp-Vogelzug über der Toskana

Auch wenn das Ziel des EU-Projekts, dass die frei lebenden Waldrappkolonien bis 2019 mindestens 120 Vögel zählen, erreicht wird: Für ein selbstständiges Überleben der Vogelart reicht das noch nicht. Daher sollen bis 2025 viele weitere Waldrappe in die Freiheit fliegen. Denn für ein eigenständiges Überleben sind mindestens 300 bis 400 frei lebende Waldrappe nötig – die gelernt haben, wie das mit dem Vogelzug funktioniert. Also Tiere, die im Herbst selbstständig den Weg in ihr Winterquartier finden und im Frühjahr wieder allein aus der Toskana über die Alpen nach Bayern und Österreich fliegen. Deshalb ist auch für 2019 wieder eine menschliche Handaufzucht geplant, voraussichtlich in der Nähe von Salzburg.

  • Brutzeit der Waldrappe in Burghausen beginnt. Abendschau - Der Süden, 26.04.2019 um 17:30 Uhr, BR Fernsehen
  • Der Punkvogel kehrt zurück: in "Abenteuer Wildnis", BR-Fernsehen, 15.09.2017
  • Waldrappen auf dem Weg in den Süden: in "Sommernotizbuch, Bayern 2, 25.08.2017, 10.05 Uhr
  • Vogelflug - Was ist das Geheimnis?: in "X:enius", ARD-alpha, 28.07.2017, 16.30 Uhr
  • Waldrapp: Zurück aus dem Winterquartier: in "Abenschau", BR Fernsehen, 05.04.2017, 17.30 Uhr
  • Markus Unsöld zum Waldrapp: in "Habe die Ehre", BR-Heimat, 09.11.2016, 10.05 Uhr
  • Nach 300 Jahren zurück in Bayern: Der Waldrapp: Welt der Tiere, 15.06.2014, 15.15 Uhr

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