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Tiger vom Aussterben bedroht Die letzten Raubkatzen ihrer Art

Einst streifte der Tiger in großer Zahl durch riesige Gebiete. Heute leben weniger als 4.000 Großkatzen in freier Wildbahn. Der Mensch zerstört ihren Lebensraum und macht skrupellos Jagd. Illegaler Handel stellt heute die Hauptbedrohung für den Tiger dar. Doch möglicherweise erholen sich die Zahlen.

Stand: 11.04.2016

Das letzte Rückzugsgebiet des Amur-Tigers liegt im Schutzgebiet Leopardowy, rund 60 Kilometer von der Hafenstadt Wladiwostok entfernt, im Fernen Osten Russlands. Die Wildkatze, die auch als Sibirischer Tiger bezeichnet wird, steht auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) für stark gefährdete Tiere.

Die Zucht von Tigern für Produkte soll verboten werden.

Der Amur-Tiger ist der größte unter den rund Tigern. Er ist der einzige, der mit Schnee und tiefen Temperaturen klar kommt. Das liegt daran, dass er das dichteste, längste und schönste Fell von allen besitzt. Der Amur-Tiger lebt in der größten zusammenhängenden Tiger-Population der Welt. Das ist außergewöhnlich, denn eigentlich sind Tiger Einzelgänger. Meist nimmt man die scheuen, bis zu 300 Kilogramm schweren Wildkatzen nur indirekt wahr: durch Kratzspuren an Bäumen und Fährten. Im Mai 2013 ist zum ersten Mal ein Amur-Tiger in eine Kamerafalle getappt: im chinesischen Wangging-Reservat nahe der russischen Grenze. "Es mehren sich die Anzeichen, dass der Tiger langsam seinen ehemaligen Lebensraum zurückerobert", meint Markus Radday vom WWF. Doch die Lage bleibt ernst für die größte Raubkatze der Welt. In der Wildnis braucht das Tier ein Revier von bis zu 200 Quadratkilometern, um seinen gigantischen Appetit zu stillen.

Tiger in Gefahr

Lebensraum

In 13 Ländern sind Tiger heute noch in freier Wildbahn anzutreffen: Bangladesch, Bhutan, Birma, China, Indien, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Nepal, Russland, Thailand und Vietnam. Vor hundert Jahren stromerten dort etwa 100.000 Großkatzen durch die Wildnis, heute wird ihre Zahl weltweit auf weniger als 4.000 geschätzt.

Arten

Von einst neun Tiger-Unterarten existieren heute weltweit noch sechs: Bengaltiger, Sibirischer oder Amur-Tiger, Indochinesischer Tiger, Malaiischer Tiger, Südchinesischer Tiger und Sumatratiger. Ausgestorben sind Balitiger, Javatiger und Kaspischer Tiger.

Bedrohungen

Weltweit sind die Tiger durch Wilderei, den Verlust ihres Lebensraumes und ihrer Beutetiere bedroht. Der Handel mit Tigerprodukten ist seit 1975 durch das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES verboten. 1993 erließ China ein nationales Handelsverbot. Doch viele Fälle von Tiger-Wilderei werden bis heute nicht geahndet. In Indonesien zum Beispiel sind lediglich zwei Unterarten gesetzlich geschützt: der Sumatra-Tiger und der Java-Tiger, der bereits als ausgestorben gilt.

Strengere Gesetzgebung

"Indonesien muss die Gesetzgebung so schnell wie möglich anpassen, um sicherzustellen, dass alle Unterarten des Tigers umfassend geschützt und Wilderei sowie illegaler Handel strafrechtlich verfolgt werden", sagt NABU-Artenschutzexperte Tom Kirschey. "Dies gilt auch für andere Staaten. Alle Verbreitungsstaaten müssen die größtmöglichen Anstrengungen unternehmen, um Wilderei und internationalen Handel mit Tigerprodukten zu stoppen."

Internationaler Tigerschutz

Im Jahr 2010 hat erstmals ein Tigergipfel stattgefunden, an dem alle 13 Nationen mit Tigerbeständen teilgenommen haben. In St. Petersburg haben sie sich auf Schutzmaßnahmen geeinigt. Wichtige Lebensräume sollen identifiziert und zu Kernschutz-Zonen erklärt werden. "Das Abholzen der Wälder in Russland und China muss aufhören, denn damit schrumpft der Lebensraum des Tigers", erklärt Maria Woronzowa, Leiterin des Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW).
Die Nachfrage nach Tigerprodukten soll mit Kampagnen gesenkt werden. Wilderer und Schmuggler sollen stärker bekämpft werden. In einer "St. Petersburger Resolution" beschlossen die 13 Länder, die Zahl der Großkatzen bis zum "Jahr des Tigers" 2022 zu verdoppeln. Im Jahr 2010 wurden nur noch 3.200 Tiger gezählt, ein Allzeittief.

Kleiner Lichtblick 2016

Seitdem haben sich die Zahlen um rund ein Fünftel erhöht, innerhalb von nur vier Jahren Jahren. "Zum ersten Mal seit einem Jahrhundert steigt die Zahl der wild lebenden Tiger wieder an", sagt Eberhard Brandes vom WWF im April 2016. Zumindest in einigen Ländern, und zwar auf knapp 4.000 Tiere. Den größten Zuwachs gab es in Indien, dort legte die Population um rund 500 Tiere zu. Auch in Nepal leben wieder 200 Tiger mehr, das ist eine Erhöhung um zwei Drittel. Nicht überall sieht es so gut aus: Bangladesch meldet 300 Tiger weniger.

Bedrohter Lebensraum der Tiger

Immer wieder sind in den eigentlich geschützten dichten Laub- und Nadelwäldern karge Flächen zu sehen - hier wurde illegal Holz geschlagen. Die Jagdgebiete der Raubkatzen und ihrer Beute werden so zerstückelt. Auch Pipelines, Straßen und Ackerflächen zerstören den Lebensraum der Amur-Tiger. Bedroht wird eine Population vor allem durch Wilderer. Der Handel mit Tigerfellen und Knochen, aus denen vorwiegend in China vermeintliche Wunder-Medizin gemacht wird, ist nach wie vor lukrativ. 1993 hat der chinesische Staatsrat diesen Handel eindeutig verboten. Doch Käufer zahlen pro Tier über 15.000 Euro - das ist viel Geld in einer Region, in der das Durchschnittseinkommen bei rund 400 Euro liegt. Und selbst wenn ein Wilddieb von den wenigen Rangern erwischt wird, erhält er nicht zwangsläufig eine Strafe.

Steckbrief Amur-Tiger

Der Amur-Tiger (Panthera tigris altaica) ist auch bekannt als Sibirischer Tiger. Er ist die größte Katzenart, die noch auf der Erde lebt. Ursprünglich streifte der Amur-Tiger durch ein riesiges Gebiet, das sich vom Amur im Westen bis zum Japanischen Meer im Osten erstreckte. Wegen des Einflusses des Menschen kommt der Amur-Tiger heute nur noch auf einer winzigen Fläche vor, die etwa halb so groß ist wie Deutschland und im russischen Fernen Osten und dem angrenzenden Gebiet in Nordost-China liegt. (Quelle: WWF)

Steigende Zahl bei der indischen Dschungelkatze

Die Zahl der Tiger in Indien ist gestiegen.

Nach dem Amur-Tiger ist der indische Bengal-Tiger (Panthera tigris tigris) die größte Unterart, auch Königstiger oder Indischer Tiger genannt. Er spielte schon im Dschungelbuch eine tragende Rolle. Gejagt und bedrängt, ist er heute noch schutzbedürftig, auch wenn seine Zahl in Indien gerade wieder steigt. Verlust an Lebensraum und Wilderei gefährden die Bestände. Die meisten Bengal-Tiger leben nach Angaben der Umweltorganisation WWF in Indien, kleinere Populationen kommen auch in Bangladesch, Nepal, Bhutan, China und Myanmar vor.

Indien vermeldete zu Beginn des Jahres 2015, der Bestand der Tiger auf dem Subkontinent habe erheblich zugenommen. So sei die Zahl der Tiger in Indien in den vergangenen Jahren um fast ein Drittel angestiegen. 2.226 der bedrohten Raubkatzen sollen 2014 in den Wäldern des Landes gezählt worden sein, sagte der indische Umweltschutzminister Prakash Javadekar noch im Januar 2015. Vier Jahre zuvor seien es nur 1.706 Tiger gewesen, also rund 500 weniger. Zur Zählung wurden mehr als 9.700 Kameras eingesetzt, die die Tiere anhand ihres individuellen Streifenmusters identifizieren. Bei früheren Untersuchungen hatten sich die Wissenschaftler nur auf Tatzen-Abdrücke stützen können. Tierschützer werteten die ansteigende Tigerpopulation als einen großen Erfolg.

Einer neueren Studie vom Juli 2015 zufolge ist aber wohl die Zahl der Tiger im größten Mangrovenwald der Erde, den sogenannten Sundarbans, stark zurückgegangen. An der Grenze von Indien zu Bangladesch leben viel weniger Tiger als bislang angenommen. Eine Zählung der Regierung in Dhaka kommt auf rund 106 Tiger, die im Bangladesch-Teil der Sundarbans umherstreifen. Bei einem Zensus im Jahr 2004 waren dort noch 440 Tiere registriert worden. Im indischen Teil des Waldes waren erst kürzlich 74 Tiger gezählt worden. Auch Roland Gramling von der Umweltorganisation WWF glaubt, dass bisher zu positiv geschätzt wurde: "Wir denken, dass die jetzigen Zahlen realistisch sind."

Tiger nutzen Wald-Korridore

Indischen Tigern bleibt heute nur noch ein Bruchteil ihres früheren Lebensraums, berichtet Sandeep Sharma vom amerikanischen Smithsonian Conservation Biology Institute. Durch die Zerstückelung der ehemals riesigen Waldflächen Indiens ist die Population in 76 Teile aufgespalten worden, deren Lebensraum zum Teil durch kleinere Wälder miteinander verbunden sind. Die Korridore erfüllen ihre Funktion, indem sie die Wanderung von Tieren zwischen den Kerngebieten erleichtern, wie der Forscher betont. Die Daten zeigen, dass die Indischen Tiger immer noch eine große genetische Varianz haben, obwohl ihre Zahl in den vergangenen 150 Jahren auf nur noch ein Zehntel sank.

Der Bengal-Tiger zum Durchklicken

Tag des Tigers

Am 29. Juli wird jedes Jahr der Internationale Tag des Tigers begangen. Er wurde 2010 auf dem Tigergipfel in St. Petersburg ins Leben gerufen. Ziel ist es, an diesem Tag auf die gefährdeten Lebensräume der Tiger hinzuweisen und das Bewusstsein für den Schutz der Großkatzen zu schärfen. Außerdem hatte sich die Internationale Staatengemeinschaft in St. Petersburg verpflichtet, bis 2022 die Zahl der wild lebenden Tiger von rund 3.200 auf mehr als 6.000 Tiere zu steigern. Mit erstem Erfolg: Im Jahr 2014 zählten die Experten erstmals wieder mehr Tiger weltweit: 3.890 Tiere.

  • Big Five Asien - Der Amurtiger: 24. April 2018, 20.15 Uhr, alpha-expedition, ARD-alpha.
  • Big Five Asien - Der Amurtiger: 4. September 2017, 10.25 Uhr, Abenteuer Wildnis, BR Fernsehen.
  • Der Tiger - Inbegriff von Kraft und Schönheit: 2. März 2017, 15.05 Uhr, radioWissen, Bayern 2.
  • Der Tiger - Inbegriff von Kraft und Schönheit: 10. Februar 2017, 9.05 Uhr, radioWissen, Bayern 2.
  • Tiger in Gefahr - Wie Indien sein Nationaltier retten will: 7. August 2016, 23.15 Uhr, ARD-alpha.
  • Die geheime Welt der Tiger - Junge Abenteuer: 10. November 2012, natur exclusiv, BR Fernsehen.

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