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Artensterben durch Klimawandel Mit jedem Grad wird das Sterben schneller

Mit jedem Grad Erwärmung infolge des Klimawandels wird sich das Artensterben beschleunigen. Zu diesem Schluss kam der US-Forscher Mark Urban im April 2015. Er hat mehr als 130 Studien zum Thema analysiert und neubewertet.

Stand: 03.04.2015

Salamander auf trockenem Laub: Weiter steigende Temperaturen durch den Klimawandel bedroht viele Tier- und Pflanzenarten weltweit, so das Ergebnis einer Metastudie von Mark Urban. | Bild: dpa/Science/Mark Urban

Viele wissenschaftliche Studien befassen sich damit, wie viele Arten aufgrund veränderter Klimabedingungen zukünftig verloren gehen. Dabei gehen die Schätzungen weit auseinander: Je nach Studie liegen sie zwischen null und 54 Prozent.

Metastudie: 130 Studien ausgewertet

Der Biologe Mark Urban von der US-Universität von Connecticut in Storrs bewertete 131 entsprechende Studien neu. Er analysierte für die Zeitschrift Science im April 2015 unter anderem, welchen Einfluss der Temperaturanstieg, die geografische Region und die taxonomische Zugehörigkeit einer Art – also, ob es sich etwa um einen Vogel oder ein Reptil handelt – darauf hat, dass sie aussterben könnte. Zudem überprüfte er, wie die Art des eingesetzten Modells oder vorab gesetzte Annahmen das Ergebnis beeinflussen.

Je wärmer es wird, desto mehr Arten sterben aus

Dabei fand Urban heraus, dass die unterschiedlichen Angaben für den angenommenen Klimawandel entscheidend waren. Die im April 2015 veröffentlichte Studie ergab, dass sich das Risiko für Arten auszusterben beschleunigt, je stärker die Temperatur steigt. Für Urban ergab das folgende Szenarien:

  • Bleibt es bei einer angestrebten Temperaturerhöhung von zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter, steigt das Aussterberisiko von 2,8 auf 5,2 Prozent.
  • Bei einer Temperaturerhöhung von drei Grad beträgt das Aussterberisiko schon 8,5 Prozent.
  • Würde die Temperatur im jetzigen Maße weiter ansteigen, erhöhen sich die Temperaturen rund um 4,3 Grad Celsius. In diesem Fall würden 16 Prozent der Arten verschwinden. Etwa jede sechste Art sei dann vom Aussterben bedroht.

Besonders stark gefährdet seien endemische Arten, die nur in einem eng umgrenzten Gebiet vorkommen. Zudem sei vor allem die Tier- und Pflanzenvielfalt in Südamerika, Australien und Neuseeland bedroht. In Nordamerika und Europa sei das Risiko geringer. Unklar sei, inwieweit sich Arten an Klimaveränderungen anpassen und sie durch verändertes Verhalten abpuffern könnten.

Sterberate tausendmal höher

Die globale Aussterberate pro Jahr ist derzeit etwa 1.000 Mal höher als die natürliche, so Thomas Hickler vom Senckenberg-Forschungszentrum für Biodiversität und Klima in Frankfurt. Dafür spiele zurzeit der Klimawandel aber noch keine wichtige Rolle.

"Derzeit tragen vor allem die Habitatzerstörung, aber auch die Überdüngung und die Invasion fremder Arten maßgeblich zum globalen Artensterben bei. Das wird sich allerdings höchstwahrscheinlich ändern, wenn sich die eher wärmeren Klimaszenarien bewahrheiten."

Thomas Hickler, Senckenberg-Forschungszentrum für Biodiversität und Klima, Goethe-Universität Frankfurt

Schnell steigende Temperaturen, langsame Evolution

Wir blasen immer mehr Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Steigende CO2-Emissionen Jahr für Jahr mehr Treibhausgase

Der Ausstoß an Treibhausgasen muss verringert werden, um den Klimawandel aufzuhalten. Doch statt weniger bläst die Menschheit immer mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre. Regelmäßig werden neue CO2-Höchststände erreicht. [mehr]

Forscher um Rachel Warren vom Tyndall Centre for Climate Change Research aus Norwich warnten im Mai 2013, dass die Temperaturen bis 2100 weltweit um vier Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau steigen könnten, wenn die CO2-Emissionen und damit der Temperaturanstieg nicht begrenzt werden.

Mit gravierenden Folgen für die meisten Lebewesen unseres Planeten: Für mehr als die Hälfte aller Pflanzen- und mehr als ein Drittel aller Tierarten könnte sich der geeignete Lebensraum halbieren. Besonders gefährdet sind Amphibien, Reptilien und Pflanzen, weil sie sich nicht so schnell an neue Lebensräume anpassen können. Würde es gelingen, die weltweiten Emissionen schnell, deutlich und konsequent zu reduzieren, würden die Arten bis zu vier Jahrzehnte mehr Zeit haben, sich an die Klimaveränderungen zu gewöhnen.


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