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Feldhasen kämpfen um Lebensraum Hasenbestand stabil auf niedrigem Niveau

Im Frühling bevölkern Feldhasen die Felder: Insgesamt gibt es zwar weniger der schnellen Sprinter als früher, doch der Bestand ist seit Jahren stabil - wenn auch auf niedrigem Niveau. 2018 war allerdings ein sehr gutes Hasenjahr.

Stand: 02.07.2019

Ein paar aktuelle Zahlen vorneweg: Zwei bis drei Millionen Feldhasen hoppeln über die Felder und Wiesen in Deutschland, schätzen Experten. 2018 haben Jäger durchschnittlich zwölf Feldhasen pro Quadratkilometer gezählt. Das ist einer mehr als vergangenes Jahr. Der Bestand ist seit rund zehn Jahren stabil, bleibt aber auf niederigem Niveau. Die Zahl der Hasen schwankt regional stark. 2018 haben die Jäger bundesweit im Herbst 18 Prozent mehr Feldhasen gezählt als im Frühjahr. Das ist die beste sogenannte Nettozuwachsrate seit 2007. Vergangenes Jahr war damit ein hervorragendes Hasenjahr. Das liegt auch daran, dass das Frühjahr warm und trocken war - und damit ideal für Junghasen.

Junghasen in Gefahr

Junghasen leben nicht wie Kaninchen in einem Bau, sondern im Freien auf dem Feld. Nässe und Kälte sind sie ungeschützt ausgeliefert: Das Fell der Junghasen durchnässt und sie erfrieren. Auch Nässe allein ist für die Tiere nicht gut, weil sie zu tödlichen Infektionen führen kann. Rund 60 Prozent des Hasennachwuchses überlebt das erste Jahr nicht.

Zählung bei Nacht

Die nachtaktiven scheuen Hasen werden nachts gezählt - mit Auto und Scheinwerferlicht auf vorgegebenen Wegen.

Die hier genannten Daten stammen aus dem Wildtier-Informationssystem: Dafür zählen Jäger die Hasen im Frühjahr und im Herbst in rund 450 Referenzgebieten in Deutschland. Die Zählung erfolgt bei Dunkelheit: Entlang festgelegter Strecken suchen die Jäger mit speziellen Scheinwerfern aus dem fahrenden Auto die Felder ab und registrieren die charakteristischen Augenreflexionen der Tiere.

Was den Hasen das Leben schwer macht

Viele Hasen werden überfahren. Laut Jagdstatistik wurden 2018 mehr als 180.000 Hasen erlegt oder überfahren. Nach DJV-Schätzungen wird mehr als ein Viertel der zur sogenannten Jagdstrecke gerechneten Tiere im Straßenverkehr getötet. "Die Jäger sind keine Bedrohung für die Hasen", erklärt Andreas Kinser, Wildbiologe von der Deutschen Wildtier Stiftung in Hamburg. "Hauptursache für den Rückgang im Vergleich etwa zu den 1950er-Jahren ist die Verschlechterung der Lebensräume", sagt Kinser. Es fehle an Wildkräutern und Deckung. Bis in die 1960er-Jahre hinein habe der Hase als Kulturfolger fast ideale Bedingungen vorgefunden. Bis Ende des vergangenen Jahrhunderts seien die Zahlen dann drastisch eingebrochen. Dennoch meint Kinser: "Der Feldhase läuft nicht Gefahr auszusterben."

Damenwahl bei der Paarung

Im Boxkampf gilt Damenwahl.

Leicht hat es der Feldhase nicht: Er muss nicht nur generell ums Überleben kämpfen, sondern auch noch gegen seine eigenen Artgenossen. Bei den Feldhasen herrscht Damenwahl und die körperlich überlegene Häsin sucht sich ihren Partner beherzt selbst. Bevorzugt natürlich den Rammler mit dem vermeintlich besten Erbgut. Der wird auf "Hochzeitsgesellschaften" in spektakulären Wettläufen und Boxkämpfen ermittelt: Feldhasen können bis zu 70 Kilometer pro Stunde schnell werden, bis zu zwei Meter hoch und drei Meter weit springen. Nur die schnellsten und ausdauerndsten Männchen erhalten die Chance auf eine nur wenige Sekunden dauernde Begattung. Monogam sind Hasen nicht.

Fortpflanzung und Aufzucht im Schnelldurchlauf

Von Januar bis September ist die Häsin etwa alle 38 Tage empfängnisbereit. Die Tragezeit variiert aufgrund eines Fortpflanzungstricks zwischen 38 und 42 Tagen. Bis zu sechs Jungen wirft sie, allerdings nicht in einem Bau. Feldhasen leben ausschließlich oberirdisch und ducken sich tagsüber mit ihrem graubraunen Fell in Mulden.

Der Fortpflanzungstrick: Superfötation

Die Häsinnen haben im Laufe der Evolution eine Besonderheit entwickelt, um den Bestand zu erhöhen: Sie können während der Tragezeit nach dem 38. Tag erneut befruchtet werden. Durch diese sogenannte Superfötation können Embryonen unterschiedlicher Entwicklungsstadien in der Häsin heranreifen: In der Gebärmutter werden die geburtsreifen Föten ausgetragen, während im Eileiter schon die neuen befruchteten Eizellen heranreifen können. Das erhöht die Wurfzahl deutlich.

Hasenmama ist kurz angebunden

Nicht anfassen, nicht mitnehmen

Die Jungen werden oft und lange allein gelassen, das ist aber ganz normal. "Wer Hasennachwuchs entdeckt, darf die Jungtiere auf keinen Fall mitnehmen. Die Kleinen wurden nicht, wie oft vermutet, von der Häsin verlassen", sagt Andreas Kinser, Deutsche Wildtierstiftung. Auch Streicheln ist tabu: Das verschreckt die Mutter - unter Umständen für immer. Auch Hunde sollten deshalb dringend an die Leine genommen werden. Ihr Geruch würde die Häsin ebenfalls vertreiben.

Die neugeborenen, 100 bis 150 Gramm schweren Hasen sind Nestflüchter: Sie haben schon ein Fell, können sofort sehen und sich bewegen. Drei bis fünf Wochen lang werden sie täglich nach Sonnenuntergang und manchmal nochmal morgens gesäugt, allerdings im Schnelldurchlauf: Nur zwei bis drei Minuten bleibt die Hasenmama bei ihren Kleinen. Ihr Geruch könnte Fressfeinde anlocken. Dann drücken sich die Jungen auf den Boden, verharren regungslos und fallen so weniger auf, als wenn die Häsin anwesend wäre. Das Trinken muss im Schnelldurchlauf geschehen: Bis zu einem Zehntel ihres eigenen Gewichts nehmen die Jungtiere an Muttermilch auf, die viermal fetter ist als Kuhmilch. Die Häsin bleibt auch während der Säugezeit allein, Feldhasen sind Einzelgänger durch und durch.

Hase oder Kaninchen?

Hier hoppelt ein Kaninchen übers Feld.

Feldhasen besitzen längere Ohren und Hinterbeine als Kaninchen. Die Langohren leben allein auf weiter, offener Flur, die Kleinohrhasen dagegen gerne gesellig im Bau. Während der Feldhasennachwuchs mit Fell und offenen Augen zur Welt kommt, sind die Kaninchenjungen noch nackt und blind.

Hasen bevorzugen Abendessen

Als Pflanzenfresser stehen Gräser, Klee, Kräuter, Kohl, junges Getreide, Raps, Knollen, Knospen von Bäumen und Sträuchern, im Winter auch die Rinde von Obstbäumen oder die Triebe junger Laubbäume auf ihrem Speisezettel. Die scharfen Nagezähne helfen beim Absäbeln, kleingeraspelt und feingemahlen wird dann mit den Backenzähnen. Auf Nahrungssuche begeben sich Feldhasen allerdings erst bei Einbruch der Dämmerung.

Das verflixte erste Jahr

Mehr als die Hälfte der Hasenbabys überleben ihr erstes Jahr nicht.

Bis zu zwölf Jahre kann ein Feldhase alt werden, allerdings schaffen es mehr als 60 Prozent der Tiere nicht über das erste Lebensjahr hinaus. Die meisten überleben nicht einmal die ersten Wochen, erzählt Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung: "Ihr Lebensraum sind Ackerflächen. Aber die werden als Folge der intensiven Landwirtschaft immer größer und monotoner. Und auf solchen Flächen finden die Junghasen nur wenig Schutz vor ihren Feinden." Dazu gehören Füchse, Marder, Wildschweine und Greifvögel wie Bussarde oder Rabenvögel.

Auf den Feldern und Wiesen sind die Kleinen auch schutzlos dem Wetter ausgeliefert: "Ist das Frühjahr nass und kalt, sterben viele von ihnen", erklärt Kinser. Trockene Kälte könnten die Jungtiere ganz gut aushalten. "Aber wenn das Fell nass wird, führt das wegen der fehlenden Energiespeicher zur sogenannten Verklammung." Laut Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdschutzverbandes, vermehren sich die Hasen zwar nach wie vor fleißig. Doch wenn der Winter mit Schnee und Kälte bis in den März hinein dauert, würden viele Tiere nicht überleben.

Intensive Landwirtschaft gefährdet Feldhasen

Frisches Gras, Wildkräuter und Sichtschutz, das mag der Hase.

Und wenn im Frühjahr die Äcker bearbeitet werden, lauert die nächste große Gefahr: "Die kleinen Feldhasen werden von den landwirtschaftlichen Maschinen oft einfach untergepflügt oder beim Walzen der Wiesen erdrückt", sagt Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Die werden auch den längst erwachsenen Hasen gefährlich, genauso wie der nicht mehr ganz so reich gedeckte Tisch.

Das perfekte Hasen-Dinner besteht aus Klee als Vorspeise, Wildkräutern an Fenchelgemüse mit Karotten als Hauptgang und als Nachtisch junge Halme vom Klatschmohn. "Feldhasen futtern am liebsten fetthaltige Kräuter", erzählt Kinser. Doch all das wird den Hasen nur noch selten aufgetischt, denn das Angebot an Wildkräutern ist in der intensiv genutzten Agrarlandschaft dürftig. Wenn Ackerflächen zusammengelegt werden, verschwindet das reichhaltige Buffet der Feldränder.

Forderung: Mehr Hasenfreundlichkeit in Feld und Flur

In einer natürlich belassenen Wiese fühlt sich der Feldhase wohl.

In Deutschland wird rund die Hälfte der Fläche bewirtschaftet. Der Deutsche Jagdschutzverband fordert seit Jahren mehr Schutz für Tiere und hasenfreundliche Blühstreifen an Äckern, wo sie in Ruhe mümmeln können. Landwirte werden dafür momentan nicht subventioniert. Dafür aber für den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen. Das hatte zur Folge, dass auf einem Viertel der Fläche nur noch Raps, Mais und Weizen angebaut wird. Mehrjährige Brachen mit wertvollen Wildkräutern sind dagegen innerhalb eines Jahrzehnts stark geschrumpft: von fast 9.000 Quadratkilometern auf etwa 3.000 in 2018.

In manchen Regionen in Bayern werden gezielt Feldfrüchte angebaut, zwischen denen sich die Feldhasen verstecken können. Manche Wiesen werden nur noch ein bis zwei Mal pro Jahr gemäht. Auch die Deutsche Wildtier Stiftung setzt sich für ein Umdenken in der Agrarpolitik ein: "Wir forden, dass eine wildtierfreundliche Bewirtschaftung von Wiesen und Feldern besser honoriert wird", sagt Kinser. "Nur so kann es den Feldhasen zukünftig besser ergehen als den Schoko-Osterhasen."

Vom Feld- zum Osterhasen

Der Osterhase

Mit seiner schnellen Fortpflanzungsrate hat es der Feldhase zum Osterhasen geschafft. Als Symbol für Fruchtbarkeit, Leben und Wiedergeburt passen Hasen und Eier nicht nur gut zusammen, sondern auch zum Frühjahr.

Schon vor vielen Jahrhunderten war es zu Ostern Brauch, in der Kirche Nahrungsmittel - und eben auch Eier - weihen zu lassen. Irgendwann wurden diese Eier versteckt und von Kindern gesucht. Als österliche Eier-Verstecker mussten erst der Fuchs, der Esel, der Kuckuck und der Storch herhalten.

Zuerst im Westen

Als Job des Feldhasen wurde der Brauch erstmals vor über 300 Jahren in der Pfalz, dem Elsass und am Oberrhein verbürgt: Die Belege stammen aus dem Jahr 1678 von Georg Franck von Franckenau, einem Medizinprofessor aus Heidelberg, der ausgerechnet davor warnte, zu viele dieser Eier zu essen.

Nützlicher Glaube

Soll man Kindern tatsächlich erzählen, dass der Osterhase ihre Oster-Nester versteckt? Auf jeden Fall, meinen Psychologen.
"Der kindliche Glaube an Fantasiegestalten ist durchaus gut für die kognitive Entwicklung", sagt die Psychologin Jacqueline Woolley von der Universität von Texas. "Das regt die Fantasie an und lässt Kinder Möglichkeiten erwägen, die in der realen Welt nicht existieren."

Ute Bayen, Psychologin an der Universität Düsseldorf, rät Eltern, in dieser besonderen Glaubensfrage auf die Kinder einzugehen: "Wenn sich alle Spielgefährten im Kindergarten auf den Osterhasen freuen, dann ist es schon schade für ein Kind, wenn es zu Hause zu hören bekommt: Den gibt es doch gar nicht." Die kindliche Begeisterung soll ihrer Meinung nach nicht gedämpft werden. Genauso rät sie aber auch dazu, kritische Fragen zu unterstützen, wenn Kinder anfangen zu zweifeln.

Das Osterpostamt

Aber warum überhaupt zweifeln? Den Osterhasen muss es geben, schließlich hat er eine eigene Adresse: Hanni Hase, Am Waldrand 12, in 27404 Ostereistedt.

In diesem Ort bei Bremen wartet er nun schon seit mehr als dreißig Jahren auf Post von Kindern aus der ganzen Welt. Seine Helfer beantworten die mehr als 35.000 Briefe und Karten, die pro Jahr eintreffen. Und einer seiner Helfer, der pensionierte Postbeamte Hans-Hermann Dunker, plaudert sogar etwas über den Osterhasen aus: "Als Chef ist er friedlich und nett, nur kann er nicht selbst schreiben. Das haben wir für ihn übernommen."

  • Wie viele Feldhasen gibt's in Bayern? Abendschau - Der Süden, 26.04.2019 um 17:30 Uhr, BR Fernsehen
  • Die Hasenzählung. Aus Landwirtschaft und Umwelt, 21.04.2019 um 07:05 Uhr, B5 aktuell
  • Lage der Feldhasen. radioWelt, 17.04.2019 um 06:05 Uhr, Bayern 2
  • Lange Ohren, flinke Beine Feldhasen und Kaninchen: 28.03.2018, Abenteuer Wildnis, BR Fernsehen.
  • Meister Lampe & Co - Von Hasen und Kaninchen. radioWissen am Nachmittag, 29.03.2018 um 15:05 Uhr, Bayern 2.

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