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Bedrohter Nerz Verdrängt vom amerikanischen Bruder

Der Europäische Nerz gilt als stark gefährdet. Nur noch rund 1.000 Tiere leben in ganz Europa. Schuld am Schwund der Tiere ist unter anderem der Mink, der sich in Europa ausbreitet.

Stand: 06.05.2015

Ein Europäischer Nerz schaut hinter einem Stamm hervor. Die Tierart gilt als stark gefährdet. | Bild: picture-alliance/dpa

Anfang des 20. Jahrhunderts ging es dem Mardertier an den Kragen. 1925 wurde in Deutschland das letzte bekannte, wilde Exemplar erlegt. Mustela lutreola, so sein lateinischer Name, wurde wegen seines Fells in Massen gejagt, sein natürlicher Lebensraum zerstört. Schließlich machte den restlichen Tieren sein amerikanischer Verwandter, der robustere und anpassungsfähigere Mink, fast den Garaus. Doch Biologen haben die europäischen Mardertiere noch nicht aufgegeben und versuchen sie nachzuzüchten und auszuwildern.

Gejagt und verdrängt

Ein Amerikanischer Nerz, angesiedelt in Finnland.

Die kleinen, flinken Tiere waren zunächst wegen ihres Fells sehr begehrt. Vor allem in Russland wurden in den 1920er-Jahren bis zu 50.000 Tiere jährlich getötet. Und das, obwohl ihr Fell nicht so wertvoll ist wie das der Amerikanischen Nerze. Doch nicht nur die Jagd dezimierte ihren Bestand: Auch der natürliche Lebensraum der Einzelgänger wurde immer stärker zerstört. Flüsse wurden begradigt, Seeufer eingefasst, Wälder gerodet, Kraftwerke gebaut, das Wasser verschmutzt und die Nahrung der Nerze, wie Frösche, kleine Säugetiere, Vögel oder Insekten immer weniger. Zu all dem kam auch noch der Amerikanische Nerz nach Europa und stritt sich mit dem heimischen Nerz um die Beute.

Der große Bruder aus Amerika

Der Mink, wie der Amerikanische Nerz auch genannt wird, ist größer, robuster und anpassungsfähiger als sein europäischer Verwandter. Deshalb und weil sein Fell schöner ist, wird der Mink als Pelztier gezüchtet, während der Europäische Nerz sich nicht dazu eignet. In den 1950er-Jahren holten Pelztierfarmer den Amerikanischen Nerz zur Zucht nach Europa. Doch zahlreiche Exemplare entkamen, andere wurden freigelassen. Der Wettstreit in freier Natur begann.

Europaweites Zuchtprojekt

Der Amerikanische Nerz wird auch Mink genannt.

Um die Tierart vor der Ausrottung zu retten, wurde 1998 von Biologen der Universität Osnabrück der Verein "EuroNerz" gegründet. Die Forscher beteiligen sich am europaweiten Projekt zur Nachzucht und Auswilderung der hundeartigen Raubtiere. Vor einigen Jahren gelang ihnen erstmals in Europa ein Zuchterfolg. Die ersten Tiere wurden 2006 im Saarland und in Niedersachsen in die Freiheit entlassen. Die Tiere zeigten in Freiheit arttypisches Verhalten und über die Hälfte der Tiere überlebte bislang das harte Leben in der Wildnis. Auch der Zoo in Tallin hat erste Zuchterfolge. Dort begann Ende der Neunziger Jahre die Wiederansiedlung der Tiere auf der einsamen Ostseeinsel Hiumaa.

Freiheit mit Hindernissen

Marder | Bild: picture-alliance/dpa zum Audio Die Familie der Marder Hühnerdiebe und Pelzlieferanten

Als Kulturfolger leben Marder in der Nähe des Menschen in Städten und Dörfern. Sie gelten als Hühnermörder und zernagen mit Vorliebe Autoschläuche. Zur Familie der Marder gehören aber auch Zobel und Hermelin. Autor: Rolf Cantzen [mehr]

Doch auch auf dieser Insel hatten sich die Minks schon breit gemacht. Deshalb wurden sie zunächst mit Lebendfallen eingefangen, bevor die ersten Europäischen Nerze freigelassen werden konnten. Erst als die Insel minkfrei war, wurden ab dem Jahr 2000 immer mehr heimische Marder auf der Insel freigelassen. Sie zu überwachen ist aber nicht einfach: Die Tiere sind scheu und verlieren oft ihre Sender. So wurden nur vereinzelt ausgewilderte Tiere wiedergefunden. Die schwierigste Aufgabe, die die freigelassenen Nerze bewältigen müssen, ist die Futtersuche. Und die ist, so denken die Forscher, für an Menschen gewöhnte Tiere kaum zu lösen.

Gefahr durch Befreier

Nur Minks werden als Pelztiere gezüchtet.

Eine ernsthafte Gefahr für ihre Auswilderungsprogramme sehen die Biologen aber auch in den Tierschützern, die Minks aus Pelztierfarmen befreien, wie zum Beispiel auf zwei Farmen in der norddeutschen Tiefebene. Wenn bei solchen Aktionen Tausende von Minks befreit werden, haben die Biologen mit ihren eropäischen Mardern keine Chance mehr. Deshalb bezweifeln sie auch, dass die Nerze auf dem europäischen Festland überleben werden. Die Biologen konzentrieren sich daher auf die Insellösung, wie auf Hiumaa, und möchten ihr Projekt auch auf die Nachbarinsel Saaremaa ausweiten.


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