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Ursachen des Artensterbens Kein Platz, keine Potenz

Bis zu 150 Pflanzen- und Tierarten sterben derzeit aus - pro Tag. Viel mehr, als sich durch natürliche Evolution erklären lässt. Jagd, Wilderei oder knapper Lebensraum: Die Gründe für das Artensterben sind vielfältig. Wir zeigen, warum so viele Tiere und Pflanzen aussterben.

Stand: 01.03.2021

Junge vor zerstörtem Regenwald. Die Abholzung tropischer Dschungel ist nur eine der Ursachen für das massenhafte weltweite Artensterben. Jagd und Wilderei, Ressourcen-Ausbeute oder die Sehnsucht nach potenzsteigernden Mitteln gefährden unzählige Tierarten und Pflanzenarten | Bild: picture-alliance/dpa

Das Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten kann natürliche Ursachen haben. Das Aussterben einer Art ist aus evolutionsbiologischer Sicht genauso "normal" wie das Entstehen neuer Arten. Doch momentan läuft der Artenschwund nach den Schätzungen von Experten viel schneller ab, als aus evolutionären Gründen erklärbar ist. Die globale Aussterberate pro Jahr ist derzeit etwa tausendmal höher als die natürliche, so Thomas Hickler vom Senckenberg-Forschungszentrum für Biodiversität und Klima in Frankfurt.

"Derzeit tragen vor allem die Habitatzerstörung, aber auch die Überdüngung und die Invasion fremder Arten maßgeblich zum globalen Artensterben bei. Das wird sich allerdings höchstwahrscheinlich ändern, wenn sich die eher wärmeren Klimaszenarien bewahrheiten."

Thomas Hickler, Senckenberg-Forschungszentrum für Biodiversität und Klima, Goethe-Universität Frankfurt

Der Mensch ist - direkt oder indirekt - die Hauptursache für das schnelle Massensterben der Pflanzen- und Tierarten auf der ganzen Welt. Denn wir Menschen nutzen unsere Umwelt nicht nur, wir verbrauchen sie geradezu - auf vielfältige Weise. Wir essen sie auf oder gestalten sie so um, dass für andere Arten kein Platz mehr bleibt. Und während die Zahl der verschiedenen Tier- und Pflanzenarten stetig sinkt, wächst die Zahl der humanen Weltbevölkerung stetig an.

Blauwal

Die wohl naheliegendste Ursache für das Sterben einer Tierart: Wir Menschen jagen sie. Wir wollen sie essen, ihr Fell oder ihre Knochen nutzen oder empfinden sie als Bedrohung. Oder wir schießen sie einfach nur gerne - so erging es lange Zeit den Elefanten Asiens. Manche Arten hat der Mensch auf diese Weise völlig ausgerottet, bei anderen soll ein Jagdverbot das Aussterben der Art verhindern. Manchmal ist es fast zu spät, wie beim Blauwal, der erst seit 1967 geschützt ist. Und bei vielen ist die Jagd nach wie vor die Todesursache Nr. 1: Eine Studie stellte 2016 fest, dass 2.700 Tierarten weltweit durch Jagen oder Fischen in ihrem Bestand bedroht sind.

Löwen: immer weniger Platz in Afrika

Vielen Pflanzen- und Tierarten wird der Lebensraum knapp: Immer mehr Flächen werden landwirtschaftlich genutzt oder im rasanten Städtewachstum versiegelt, Tropenwälder abgeholzt. Sämtlichen Menschenaffen, Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen wie Bonobos, schwindet der Lebensraum dadurch rapide. Manche Arten, die früher in freier Wildbahn im ganzen Land anzutreffen waren, sind jetzt nur noch in Nationalparks zu finden, wie etwa Elefanten auf Sri Lanka. Für den Löwen ist der schwindende Lebensraum einer der Hauptgründe der Gefährdung: Als Jäger gerät er zunehmend mit dem Menschen in Konflikt.

Leopard versteckt sich, nachdem er in Indien von Menschen mit Steinen beworfen wurde.

Durch das rasante Bevölkerungswachstum entsteht häufig ein Kampf um Flächen. Oft sind besonders arme Siedler betroffen, die in den Randgebieten der für die Tiere bestimmten Parks und Reservate leben. Ohne sich dessen bewusst zu sein, dringen sie zum Beispiel auf der Suche nach Feuerholz in das Revier der Tiere ein. Auf der anderen Seite gibt es nicht überall ausreichende Absperrungen und Warnsysteme, die verhindern, dass die Tiere ihr Revier verlassen. Regierungen und Aktivisten wollen den Konflikt zwischen Tieren und Menschen entschärfen. Mitarbeiter installieren zum Beispiel Biogasanlagen, damit die Anwohner auf der Suche nach Feuerholz nicht mehr mit den Raubkatzen zusammentreffen. Am wichtigsten ist es jedoch, die Tiere zu überwachen und ihren Lebensraum besser abzugrenzen. Im afrikanischen Botswana sollen Löwen mit Hilfe von GPS-Sendern überwacht werden. Überschreiten sie eine virtuelle Grenze, werden die Bewohner in der Umgebung direkt gewarnt, zum Beispiel per Nachricht auf ihre Handys.

Die rasant steigende Zahl der Menschen auf der Erde benötigt auch immer mehr Rohstoffe und Lebensmittel und bedroht damit viele Arten direkt. Der Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten wird buchstäblich abgeholzt und umgepflügt, um Erdöl und andere Ressourcen abzubauen oder um Getreide und andere Nahrungsmittel wie Palmöl anzubauen. Der Landwirtschaft fällt die Artenvielfalt zum Opfer: Pestizide lassen viele Pflanzenarten verschwinden, die Lebensgrundlage für Schmetterlinge, Bienen, Insekten und andere Tierarten sind.

Libellen durch Pestizide in Gewässern gefährdet

Immer wieder erscheinen Studien, die verschiedene Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat in den Gewässern nachweisen. Es sind oft niedrige Konzentrationen, deren Wirkung nicht auf die Schnelle zu ersehen ist. Doch Forscher konnten nachweisen, dass gerade die Kleinstorganismen im Wasser von den Giften aus der Landwirtschaft geschädigt werden. Nach einer Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung können einige Pestizide, die in Europa und Australien im Einsatz sind, die regionale Artenvielfalt in Fließgewässern um bis zu 42 Prozent reduzieren. Besonders wirbellose Tiere wie Libellen und Eintagsfliegen, aber auch Würmer und Muscheln, die für die Nahrungskette wichtig sind, leiden unter den Schadstoffen.

Schuppentier als Potenzmittel

Ob zerstoßenes Nashorn oder zerriebene Tigerklauen - immer wieder taucht ein- und derselbe Grund auf, warum bedrohte Tierarten weiterhin gewildert und geschmuggelt werden: die angeblich potenzsteigerende Wirkung ihrer Körperteile. Insbesondere in China gibt es einen großen Absatzmarkt für Pülverchen aus allen möglichen Tier-Teilen; je seltener das Tier, desto besser. Fakten spielen eine untergeordnete Rolle. So wird das Schuppentier trotz Handelsverbot weiterhin in großer Stückzahl in China gehandelt, weil seinen Schuppen potenzsteigernde Wirkung nachgesagt wird. Die Schuppen bestehen aus dem gleichen Material wie unsere Fingernägel. Es ist zum Haare raufen.

Zwei Tierarten wird ein einziges Körperteil zum Verhängnis: Elefanten und Nashörner werden wegen ihrer Stoßzähne bzw. Nashörner in großer Zahl gewildert. Obwohl der internationale Handel mit Elfenbein seit Langem verboten ist. Pro Jahr wurden laut der Studie eines internationales Forscherteams um Severin Hauenstein (Universität Freiburg) von 2011 bis 2017 etwa 10.000 bis 15.000 afrikanische Elefanten von Wilderern getötet. Das sind weniger als noch in der Dekade zuvor - doch noch lange kein Grund zur Entwarnung. Die Hauptabnehmer-Staaten für Elfenbein liegen in Südostasien, vor allem in Vietnam und China. Hier ist das Horn als Inhaltsstoff der traditionellen Medizin beliebt und ist in etwa so wertvoll wie Gold. 

Der immer schneller fortschreitende Klimawandel könnte eine der größten Bedrohung von Pflanzen- und Tierarten weltweit werden. Schon jetzt macht er etlichen Arten schwer zu schaffen, nicht nur dem Eisbären, dem die Scholle unter den Tatzen schmilzt. Ganze Ökosysteme sind bedroht: Die Erwärmung der Meere etwa führt zu deren Versauerung, das wiederum zerstört die Korallenriffe. Und die sind die Kinderstube vieler Fischarten und anderer Meeresbewohner.

Wie viele Arten der Klimawandel kosten wird, lässt sich schwer prognostizieren, doch eine Studie im Auftrag des WWF, die 2018 in der Zeitschrift "Climatic Change" erschien, zeigt: Die Erderwärmung wird zu einer ernsthaften Gefahr vor allem für die Artenvielfalt in besonders schützenswerten Erdregionen. Bis zum Jahr 2080 seien 25 bis 50 Prozent der Tier- und Pflanzenarten in artenreichen Gebieten wie dem Amazonas oder Madagaskar vom Aussterben bedroht.


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