Wissen - Rote Liste


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Artenschwund bei Nutztieren Wenn braune Wolle stört

Braune Schafe auf grünen Wiesen sind eine Seltenheit. Denn ihre Wolle lässt sich nicht gut färben. Deshalb sind die Schafe vom Aussterben bedroht. Doch auf dem Hof der Schlickenrieders in Oberbayern sind sie sicher.

Stand: 15.09.2016

Auf dem Bauernhof von Georg und Anja Schlickenrieder sind Exoten hoch willkommen: Seit über zwanzig Jahren züchten die beiden hier Deutsche Braune und noch seltenere Deutsche Schwarze Bergschafe. Ihre Herde wird so lange es das Wetter zulässt auf den Weiden in Hofnähe, am Ortsrand von Otterfing, rund fünfundzwanzig Kilometer südlich von München, gehalten.

Haustiere auf der Roten Liste

Das Bergschaf steht auf der "Roten Liste der bedrohten Nutztierrassen im Bundesgebiet". Seit 1987 wird der Katalog jährlich von der "Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen" (GEH) überarbeitet. Er soll auf den schleichenden Verlust landwirtschaftlicher Nutztiere aufmerksam machen. Insgesamt stehen auf der GEH-Liste rund hundert Nutz- und Haustierrassen. Warum sterben manche Nutztiere aus und manche nicht? Beim Bergschaf ist die Antwort eindeutig - es ist nicht so praktisch wie ein konventionelles Schaf.

"Das Pech, das die Schafe im letzten Jahrhundert hatten, ist die Farbe. Vor hundert Jahren hielt man Schafe ja nicht nur wegen des Fleisches. Da hat man die Braunen, die Schwarzen und die Gescheckten einfach kastriert oder getötet, damit es nur noch weiße Wolle gab, weil die leichter färbbar ist."

Georg Schlickenrieder, Landwirt aus Otterfing

Eine sichere Heimat in Otterfing

Murnau-Werdenfels Rind der Schlickenrieders

Es gibt noch rund 1.000 reinrassige Braune Bergschafe in Deutschland, ihr Bestand ist stark gefährdet. Zum Glück haben sie eine Heimat auf Georg und Anja Schlickenrieders Hof gefunden. Genauso wie die Murnau-Werdenfels Rinder. Sie sind braungelb mit schwarzen Hornspitzen und einer dunklen Schwanzquaste. Ihr Bestand ist extrem gefährdet.

"Wenn jeder Bauer sich eine Murnau-Werdenfelser Kuh in den Stall stellen würde, dann wären die auch nicht vom Aussterben bedroht. Es gibt vom Murnau-Werdenfels Rind nur noch 500 Tiere insgesamt und wenn man weiß, dass es 4,2 Millionen Milchkühe in Deutschland gibt, dann ist das ein Armutszeugnis für Bayern!"

Georg Schlickenrieder, Landwirt aus Otterfing

Überleben im Tierpark

Murnau-Werdenfelser Rinder im Tierpark Hellabrunn in München

Das Murnau-Werdenfelser Rind ist so selten, dass es sogar in den Münchner Tierpark Hellabrunn aufgenommen wurde. Schon seit einigen Jahren beteiligt sich der Zoo an der Zucht der gefährdeten Nutztierrasse. Derzeit entsteht im Tierpark das "Mühlendorf", eine neue Anlage, die einem oberbayerischen Dorf nachempfunden ist. In klassischen Stallanlagen und Bauernhöfen sollen bedrohte Haustierrassen wie das Murnau-Werdenfelser Rind oder auch das Sulmtaler Huhn ein Zuhause finden. Das Dorf soll 2019 fertiggestellt sein.

Arche-Noah-Programm für Nutztiere

Die Schlickenrieders haben sich alten, gefährdeten Haustierrassen verschrieben. Neben Murnau-Werdenfelser Rindern und den Bergschafen leben auch seltene Hühnerrassen wie die Appenzeller Barthühner und Spitzhauben oder Bunte Bentheimer Schweine auf dem Hof. Der ist seit Mitte der 90er-Jahre beim "Arche-Hof"-Projekt der GEH registriert. Deutschlandweit gibt es 96 solcher Höfe. Dazu kommen noch "Arche-Parks", "Arche-Dörfer" und ganze "Arche-Regionen". Sinn und Zweck: Nutztieren, die in der hochtechnisierten Landwirtschaft von heute kaum Überlebenschancen haben, eine Existenzgrundlage zu sichern. Das Programm zeigt schon Erfolge: Seit der Gründung der GEH 1981 ist immerhin in Deutschland kein Nutztier mehr ausgestorben. Doch weltweit verschwinden Woche für Woche im Schnitt zwei Nutztierrassen.

Auch Kulturpflanzen gefährdet

Nicht nur Tiere sind gefährdet. So hat sich nach Schätzung der Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) beispielsweise im Obstanbau die Auswahl dramatisch verkleinert. Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man in den USA aus 7.000 verschiedenen Sorten wählen. Heute sind es nur noch rund 1.500.

Auch in Deutschland landen vor allem genormte, makellose Äpfel der Sorten "Granny Smith" oder "Golden Delicious" in der Obstschale der Verbraucher. Korbiniansapfel, Rabau oder Winterrambour – diese wohlklingenden Namen sagen nur noch wenigen Menschen etwas. Die FAO schätzt, dass in den letzten hundert Jahren mehr als 75 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Pflanzensorten und Tierrassen verloren gegangen sind.

Viele Landwirte haben keine andere Wahl

So idyllisch hat's nicht jedes Rind in Bayern.

Der Zwang zur Spezialisierung und zum beschleunigten Wachstum macht aus Bauern Agrarunternehmer. Züchter nutzen nur noch wenige Sorten und Rassen, die sie gut kennen. Sie gehen das Risiko mit "wilden Verwandten" aus verschiedenen Regionen nicht mehr ein. Das Problem: Das züchterische Material schrumpft zu einem sensiblen Häufchen von Hochleistungs-Musterschülern zusammen. Die sind aber oft viel anfälliger und mimosenhafter als ihre exotischen Verwandten.

Eine Kuh wird im Kuhstall von einem Melkroboter gemolken.

Für viele Landwirte rechnet sich ein Murnau-Werdenfelser Rind aber finanziell nicht. Es gibt rund 4.000 Liter Milch im Jahr. Hochgezüchtetes Fleckvieh mehr als das Doppelte, bis zu 10.000 Liter. Zum Halten und Züchten gehört schon eine gehörige Portion Idealismus.

"Wenn ich nur auf maximale Menge gehe, dann verliere ich Qualität. Es weiß jeder, dass ein Bergkäse von einer Alpe anders schmeckt als aus einem Talbetrieb. Denn die Alpe wird extensiv bewirtschaftet, es gibt eine größere Pflanzenvielfalt. Die schlägt sich auch in der Milchqualität nieder. Man hat ja jetzt aktuell in Untersuchungen festgestellt, dass die Milch von Kühen, die nicht das ganze Jahr im Stall stehen, sondern Weidegang haben, einen wesentlich höheren Gehalt an Omega-3-Fettsäuren haben."

Adi Sprinkart, Bündnis 90/Die Grünen, Bayern

Anreize für Landwirte

Der Freistaat Bayern versucht, die Vielfalt in der Landwirtschaft zumindest zu konservieren, indem in Versuchsstationen alte Haustierrassen und Pflanzensorten gezüchtet und erhalten werden. Durch finanzielle Anreize sollen Landwirte dazu ermutigt werden, auch Exoten auf ihren Hof zu lassen.

Rote Liste "Einheimische Nutztierrassen"

Rote Liste der GEH

In Deutschland gibt es zwei Rote Listen für gefährdete Nutztierrassen:

Seit 1986 die Rote Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH). Die aufgeführten Rassen werden dort betreut und wenn möglich werden die Züchter vernetzt. Aus den Tieren der Roten Liste wird die Rasse des Jahres bestimmt. Zudem stellt die Rote Liste der GEH auch die Basis für die Anerkennung von Arche-Höfen dar. Die Liste wird jährlich aktualisiert und veröffentlicht.

Rote Liste der BLE

Seit 2008 erscheint die Rote Liste "Einheimischer Nutztierrassen in Deutschland" der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft (BLE). Die BLE hat 2015 eine aktualisierte Liste herausgegeben. In dieser Broschüre werden die Rassen der Arten Pferd, Rind, Schwein, Schaf und Ziege sowie der Kleintierarten Huhn, Gans, Ente, Pute und Kaninchen kurz vorgestellt.
Seit der letzten Einstufung im Jahr 2013 ist eine Rasse neu in die Liste einheimischer Nutztierrassen aufgenommen worden. Stabilisiert haben sich dagegen die Bestände des Bunten Bentheimer Schweins, des Alpinen Steinschafes, des Rauhwolligen Pommerschen Landschafes und der Weißen Gehörnten Heidschnucke.


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