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Hörbuch der Woche "Wir haben es nicht gut gemacht" von Ingeborg Bachmann und Max Frisch

Ende der 50er Jahre galten sie als das literarische Traumpaar. Ingeborg Bachmann, die für ihren Gedichtband "Die Anrufung des großen Bären" den Bremer Literaturpreis und für ihr Hörspiel "Der gute Gott von Manhatten" den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhalten hatte und der 15 Jahre ältere Max Frisch, damals schon bekannt durch die Romane "Stiller" und "Homo Faber". Jetzt ist der Briefwechsel unter dem Titel "Wir haben es nicht gut gemacht" als Buch und als Hörbuch erschienen. Die Lesefassung mit den Stimmen von Johanna Wokalek und Matthias Brandt ist für Bernhard Jugel das Hörbuch der Woche.

Author: Bernhard Jugel

Published at: 28-11-2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"München, 9.Juni 1958. Verehrter, lieber Max Frisch, ihr Brief ist mir schon so vieles gewesen in dieser Zeit, die schönste Überraschung, ein beklemmender Zuspruch und zuletzt noch Trost nach den argen Kritiken, die dieses Stück bekommen hat."

Zitat aus Hörbuch

Der erste Brief in diesem Briefwechsel ist schon ein Antwortbrief. Ingeborg Bachmann kündigt darin auch noch einen Besuch in Frischs Wohnort Zürich an und schlägt ein Treffen vor. Frischs Lob des Hörspiels "Der gute Gott von Manhattan" ist nicht erhalten geblieben, wird allerdings in seiner viel später entstandenen Erzählung "Montauk" erwähnt:

"Dann schrieb ich einen Brief an die junge Dichterin, die ich persönlich nicht kannte: wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite, die Frau sich ausdrückt."

Zitat aus Hörbuch

Das Treffen der beiden in Zürich hat Folgen. Ingeborg Bachmann und Max Frisch finden sich sympathisch, entdecken gemeinsame Interessen, verlieben sich. Und schreiben sich, da sie in verschiedenen Städten, verschiedenen Ländern leben, ständig Briefe.

"Ich bin so froh, Ingeborg, dass Du mich umarmt hast. (…) Ich möchte mich nicht ins Bett legen, das unser Bett gewesen ist, sondern rücklings auf den Boden, ich möchte, dass Du (mit Deiner leisen und langsamen Stimme und mit Deiner Scheu vor dem ungenauen Wort) berichtest, was gewesen ist zwischen Dir und mir, ich möchte es wissen."

Zitat aus Hörbuch  

Das Verhältnis ist komplex. Es gibt Liebesschwüre und Trennungsabsichten, lange halten sie ihre Beziehung geheim. In ihren Briefen spiegelt sich daswider, auch wenn manches eher beiläufig erwähnt wird.

"Max, ich sehne mich so nach Dir, und hier kann ich Gott sei Dank von Dir reden. Ilse und Günther freuen sich sehr auf Dich und uns. Ich kann nur an Dich denken, sonst fast nichts. Deine Ingeborg."

Zitat aus Hörbuch

Ilse und Günter, das sind Ilse Aichinger und Günter Eich – ein anderes berühmtes Schriftstellerpaar, das allerdings weit weniger im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht als Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Dass beider Briefwechsel erst jetzt veröffentlicht wurde, hängt damit zusammen, dass er unvollständig ist – Ingeborg Bachmann hat viele Briefe Frischs noch zu Lebzeiten vernichtet. Und bei vielen Briefen sollte man zwischen den Zeilen lesen, betonen die Herausgeberinnen Renate Langer und Barbara Wiedemann.

"Ja, ich glaub, dass man sich nicht täuschen sollte, von Bachmanns scheinbar spontanen, leicht hingeworfenen Sätzen. Da ist jeder Satz zielgerichtet, da trifft jeder Satz de Empfänger, nämlich Max Frisch, genau ins Herz. Und bei Frisch zieht sie alle Register."

Zitat aus Hörbuch

Die Kommentare der Herausgeberinnen sind das Salz in der Suppe dieses Hörbuchs. Was im Buch verstreut in Nachworten und im Stellenkommentar steht, wird hier kurz und prägnant an passender Stelle eingeschoben und ergänzt hervorragend die Lesung von Matthias Brandt, der den Briefen Frischs eine angemessen Portion Melancholie mitgibt und von Johanna Wokalek, die Ingeborg Bachmanns Sprödigkeit hörbar macht. Der Briefwechsel endet übrigens ähnlich wie er anfängt - mit einer Gedichtauswahl, die Ingeborg Bachmann Frisch schickt, und die natürlich keineswegs zufällig ist. Eines der Gedichte trägt den Titel…

"Eine Art Verlust
… und endet mit den Worten:
Nicht dich habe ich verloren / sondern die Welt."

Zitat aus Hörbuch

"Wir haben es nicht gut gemacht" – der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, gelesen von Johanna Wokalek und Matthias Brandt, ist auf 2 mp3-CDs beim Hörbuchlabel Speak low erschienen.


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