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Hörbuch der Woche „So forsch, so furchtlos“ von Andrea Abreu

In einem Arbeiterbergdorf auf der kanarischen Insel Teneriffa - „im Nirgendwo“ - ist Andrea Abreu aufgewachsen. Vor ihrem sehr erfolgreichen Debüt mit dem Titel „So forsch, so furchtlos“, der vor zwei Jahren in Spanien zum Bestseller avancierte, hatte Abreu mit Ängsten und Depressionen zu kämpfen, schämte sich wegen ihrer Armut. Diese Ängste und Kämpfe sind zentrale Themen des Romans, der nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt, sondern auch ein anderes Teneriffa zeigt. Kirsten Böttcher mit dem Hörbuch der Woche / mit dem Hörbuchtipp

Author: Kirsten Böttcher

Published at: 17-10-2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

Teneriffa: eine der „Glücklichen Inseln“, gesegnet mit ganzjährig mildem Klima und einem beeindruckenden Vulkan, um den pittoreske Bergdörfer getupft sind, und die wärmenden Sonnenstrahlen erhellen schwarze und weiße Badestrände…

"Und ich sah das Meer und den Himmel, die immer wie ein und dasselbe aussahen, dieselbe schwere, graue Masse. Wie jeden Tag. Mir fiel ein, dass die Traurigkeit der Leute im Viertel wie Wolken war, Wolken, die oben am Hinterkopf hingen, am höchsten Punkt der Wirbelsäule, um die Zeit der Telenovela."

Zitat aus Hörbuch

Andrea Abreu, seit Erscheinen ihres Debüts in Spanien vor zwei Jahren, der junge Stern der Literaturszene, offenbart ein unbekanntes Teneriffa, eine bedrückende Insel, ein Arbeiterdorf oben im Norden, wo sich die grauen Nieselregenwolken immer vor die Sonne schieben. Hier ist die 27-jährige Schriftstellerin und Journalistin aufgewachsen, bevor sie dank eines Stipendiums studieren konnte. In ihrem autobiografisch inspirierten Roman „So forsch, so furchtlos“ arbeitet sie Themen wie soziale Ungerechtigkeit und Frauendiskriminierung, Kinderarmut und Chancengleichheit, Glaube und Aberglaube, Adoleszenz und Gewalt auf.

"Isora und ich waren in unserem Viertel eingesperrt. Wir kamen nicht über eine Handvoll Häuser, ein Kiefernwäldchen und die Kiefern gesäumten Straßen im oberen Teil der Ortschaft hinaus. Es war Juni und ich spürte die Traurigkeit. Und jetzt auch die Angst."

Zitat aus Hörbuch

Diese Geschichte zweier Mädchen kurz vor der Pubertät - 10 Jahre jung - kann niemanden kaltlassen, so drastisch und gewaltig ist die Sprache, ist der physische, sinnliche Stil, der Kontrast aus lyrischen Bildern, Straßenslang und grotesker Lautmalerei.

"Isora kotzte wie eine Katze. Uckuckuck, und die Kotze platschte ins Klo, um vom unermesslichen Untergrund der Insel aufgenommen zu werden."

Zitat aus Hörbuch

Andrea Abreu erzählt in diesem Entwicklungsroman von der forschen, furchtlosen Isora und einer namenlosen Ich-Erzählerin, die ihre Freundin bewundert und sich auch zart in sie verliebt. Die Eltern, die für die „Touris“ putzen oder bauen, zeichnen sich durch Abwesenheit aus, die Kinder sind sich selbst überlassen; Badestrand und Sonnenstrahlen sind da oben im Bergdorf ein ferner Traum. Das Motiv des Meeres, das mit dem Himmel zur „grauen Masse“ verklebt ist, ist Sinnbild für die physische und psychische Enge, das Zuhause als Bedrohung. Isora ist die personifizierte Lebenslust, ein Teenie im Experimentierfieber mit der Umwelt und sich selbst, der nur unter Gewalt Grenzen akzeptiert. Die Ich-Erzählerin folgt ihrem Idol – bis es nicht mehr geht.

"Sie ließ die Faust fallen, ließ sie fallen wie auf den Rüssel eines Schweins. Wie wenn ein Schwein betäubt wird, bevor man es schlachtet. Ich blieb auf dem Boden sitzen, schaute die Wolken im Himmel an und die waren wie Blei… Jemand schrie: Oh Gott, die ist ja zu Brei geschlagen worden! …Mein Mund schmeckte nach dem Wasserkrug von Onkel Ovi, mein Mund schmeckte nach Isoras Mund, wenn wir uns hinter dem Kulturzentrum küssten."

Zitat aus Hörbuch

Souverän und vielstimmig gestaltet die Schauspielerin Inka Löwendorf das stilistische Wechselbad von Andrea Abreu, der mit ihrem Debüt gleich ein internationaler Bestseller gelungen ist. Ihr Roman ist eine aggressive Zumutung - zugekleistert mit Pipi-Mimi-Uckuckuck-Szenen, die nach gefühlt zig Varianten  etwas ermüden. Und doch beeindruckt das Buch als couragierter Befreiungsschlag. Wie gesagt: wer in diese Lesung reinspringt, den lässt sie nicht kalt.
„So forsch, so furchtlos“ ist im Argon Verlag erschienen.


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