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Hörbuch der Woche "Schwindel" von Hélène Gestern

Hélène Gestern wurde 1971 geboren, ist Schriftstellerin und lehrt an der Universität von Lorraine in Nancy Literatur. Sie befasst sich intensiv mit der Geschichte der Fotografie und den Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens. Ihre Bücher erscheinen in vielen verschiedenen Sprachen, ihr Roman Der Duft des Waldes 2018 war ein großer Erfolg. Gestern lebt in Paris und Nancy. In ihrem neuen Roman "Schwindel" feiert sie die "Einsamkeit", sowie den Schmerz und die Intensität der Liebe. Für Isabelle Auerbach ist es das Hörbuch der Woche.

Author: Isabelle Auerbach

Published at: 5-9-2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

Es sind die poetische Sprache und die Musik von Henry Purcell, die zur melancholischen Grundstimmung des Hörbuchs beitragen. Schon das Anfangszitat "O solitude, my sweetest choice" aus einer Arie des Barockkomponisten Purcell lässt die Ambivalenz des Gefühls erahnen.

Einsamkeit als Schmerz und Glück zugleich. Auf der Handlungsebene passiert recht wenig in dem gut zwei stündigen Hörbuch. Die Schriftstellerin Hélène Gestern lässt uns vielmehr in das Innenleben ihrer weiblichen Ich-Figur eintauchen, in deren intensive Gefühls- und Gedankenwelt nach einer sich wiederholenden Trennungserfahrung von der "Liebe ihres Lebens". Der Roman ist eine Hommage an ein universelles und zugleich einzigartiges Gefühl:

"Es handelt sich hierbei lediglich um die Aktualisierung eines uralten Paradigmas: die Trennung eines Liebespaars. Und ich würde nicht beschwören, dass unsere Beziehung sich ganz anders entwickelt hat als die anderer Paare, auch wenn ich natürlich weiterhin von ihrer Einzigartigkeit überzeugt bin."

Zitat aus Hörbuch

Die Ich-Figur, eine Literatur-Wissenschaftlerin und Katzenbesitzerin, viel mehr wird nicht verraten über sie, versucht ihr emotionales Durcheinander zu ordnen, indem sie es schreibt:

"Ich dachte, wenn ich diese Geschichte mit Worten, mit einer Struktur einhegen würde, käme sie mir selbst weniger toxisch vor, also annehmbarer. Da sie ein unbeschreibliches Chaos gestiftet hatte, wollte ich ihr nun eine Architektur geben und ihr einen abgegrenzten Raum zuweisen."

Zitat aus Hörbuch

Die Protagonistin fühlt sich ihrem Geliebten ausgeliefert, der sie innerhalb von vielen Jahren zwei Mal per email verlässt. Sie schwankt zwischen ihrem Begehren, der Sehnsucht nach Zärtlichkeit und ihrer Abhängigkeit von seinen Launen sowie seinen verbalen Attacken und Verfolgungsaktionen. 

"Auf dem Rückweg zur Wartehalle, während ich mit leerem Herzen das Terminal am Flughafens Roissy durchquerte, um auf diesen Mann zuzugehen, der ohne Vorwarnung und ohne Gnade die Kunst des Erscheinens und Verschwindens praktizierte, sprach ich mir immer wieder einen Satz von Arnie Ernaux vor: Wo ist meine Geschichte?"

Zitat aus Hörbuch

Eine Frage, die ohne Antwort bleibt. Auch davon erzählt Gestern: von der Leere des Gefühls und der Leere der Gedanken nach dem Scheitern der Beziehung. Und vom Schwindel, den die Leere verursacht. In "Schwindel" von Hélène Gestern geht es um beide Bedeutungen dieses Phänomens: einmal um den körperlichen Verlust des Gleichgewichts, also das Taumeln. Außerdem sind damit auch die kleinen Lügen, die Mogeleien und die Illusionen von Liebe gemeint, denen die Ich-Erzählerin immer wieder leidenschaftlich verfällt.

"Doch die Aussicht diesen köstlichen Schwindel in Taten umzusetzen, erschreckte und entzückte uns. Dieses Gefühl währte noch lange, nachdem wir jede Etappe auf dem Weg durchschritten hatten, der Verliebte zueinander führt. Was ich erzähle, haben wir alle erlebt. Die Liebesverblendung ist tatsächlich das banalste Gemeingut."

Zitat aus Hörbuch

Marit Beyer klingt als Interpretin melancholisch, erschöpft und resigniert. In ihrer Stimme werden der gesamte Schmerz und die Kraftlosigkeit der um sich selbst kreisenden Ich-Figur spürbar. Beyer schafft eine Intensität, die teilweise schwer auszuhalten ist. Auch die drei verschiedenen Musikstücke von Henry Purcell sind gut ausgewählt für die Hörbuchproduktion.

Die ungekürzte, gut zweistündige Lesung „Schwindel“ von Hélène Gestern in der Übersetzung von Patricia Klobusiczky , gelesen von Marit Beyer, ist beim Diwan-Hörbuchverlag erschienen.


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