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Hörbuch der Woche "Geschichten aus der Heimat" von Dmitri Glukhovsky

Der russische Journalist und Autor Dmitri Glukhovsky ist vor allem durch seine Metro-Trilogie bekannt geworden. Diese düsteren Dystopien über nach einer atomaren Katastrophe in U-Bahn-Schächten lebende Gemeinschaften sind internationale Bestseller geworden und Vorlage für Videospiele. "Geschichten aus der Heimat", eine Sammlung älterer satirischer Kurzgeschichten, ist jetzt erstmals auf Deutsch als Buch und als Hörbuch erschienen – für Bernhard Jugel ist es das Hörbuch der Woche.

Author: Bernhard Jugel

Published at: 7-11-2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Stets versucht Russland etwas vorzugeben, anstatt etwas zu sein. Es ist eine unendliche Geschichte von Betrug und Selbstbetrug, in der die Macht das arme, rechtlose, letztlich ja nur nach menschenwürdigem Leben trachtende Volk schamlos belügt."

Zitat aus Hörbuch

Diese "unendliche Geschichte von Betrug und Selbstbetrug", wie er sie im Vorwort nennt, breitet Dmitri Glukhovsky in den zwanzig "Geschichten aus der Heimat" wie ein Mosaik vor uns aus - über die Hälfte der Geschichten ist in Russland schon 2010 als Buch erschienen, andere wurden später in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Diese Satiren in der Nachfolge Nikolai Gogols und Michail Bulgakows sind Schlaglichter auf die russische Gesellschaft, wobei sich die anfangs eher phantastischen Szenarien um illegalen Organhandel oder Hohlräume im Erdinneren immer mehr Beschreibungen eines russischen Alltag nähern, in dem die Missachtung von Recht und Gesetz oder Korruption und Bestechlichkeit offenbar zur Norm geworden sind.

"Was ist mit meinem Fall? (…) Das steckt so viel Arbeit drin, Kirill Petrowitsch. Und bei den Razzien wäre ich natürlich auch gern…' – 'Es wird keine Razzien geben, Anton.' (…) Der Oberst zog eine Schublade auf, nahm einen prall gefüllten Umschlag heraus und drückte ihn dem zur Salzsäule erstarrten Kriminalbeamten in die Hand. 'Und jetzt geh und besauf dich."

Zitat aus Hörbuch

Hoffnungslosigkeit und Fatalismus treffen in Glukhovskys „Geschichten aus der Heimat“ auf Träume von einem anderen, einem besseren, einem gerechteren Leben, die immer wieder scheitern. Zu ihrer Entstehungszeit mögen viele dieser Geschichten überspitzt, übertrieben, zu fatalistisch gewirkt haben. Inzwischen sind sie von der russischen Wirklichkeit eingeholt worden, einer Wirklichkeit, in der Medien der totalen Kontrolle unterworfen sind und Recht und Gesetz durch Willkür ersetzt wurde.

"Antonow am Apparat! (…) Was für ein Präsidentenerlass, davon hab‘ ich noch nie gehört. (…) Der Sonderbeauftragte? Des Präsidenten? Dem spendieren wir eine Behandlung der Extraklasse, Sauna mit hübschen jungen Dingern, das nehmen wir dann auf, da haben wir gleich ein weiteres Argument für unsere Gespräche… Also dann, ich muss Schluss machen, da kommt schon der nächste Anruf."

Zitat aus Hörbuch 

In Glukhovsky Satiren gibt es die Mächtigen und die Ohnmächtigen, diejenigen, die über dem Gesetz stehen und die, die sich als Spielball höherer Mächte begreifen. Beides bietet Stoff für galligen Humor, für absurde Dialoge, für tiefe Einblicke in die russische Mentalität. Sprecher Oliver Brod gestaltet die Geschichten oft wie Theaterszenen, schlüpft in Dutzende Rollen, ist aber auch als Erzähler sehr variabel. Wer wissen möchte, wie es dazu kommen, dass der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine in Russland selbst kaum auf Widerspruch stößt, kann in dieser Geschichtensammlung einige Erklärungen dafür entdecken und wird auf einige Stellen stoßen, die angesichts der politischen Entwicklungen fast schon prophetisch wirken.


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