1

Hörbuch der Woche "Penelope und die zwölf Mägde" von Margaret Atwood

Die Kanadierin Margaret Atwood ist mit ihren 82 Jahren genauso alt wie die frischgekürte Nobelpreisträgerin Annie Ernaux – und ebenso eine langjährige Anwärterin auf die begehrte Stockholmer Auszeichnung. Atwood thematisiert häufig die Stellung der Frau in der Gesellschaft, auch in dem erstmals 2005 veröffentlichtem Buch "Penelope und die zwölf Mägde", dass diese Woche in einer inszenierten Lesung beim Hörverlag erscheint - für Bernhard Jugel das Hörbuch der Woche.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 10.10.2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Seliger Sohn des Laertes, erfindungsreicher Odysseus / wahrlich ein tugendhaftes Weib hast du dir gewonnen. / Wie war doch trefflich der Sinn der untadeligen Penelopeia, des Ikarus‘ Tochter."

Zitat aus Hörbuch

Der hohe Ton der Odyssee, die Margaret Atwood am Anfang ihres Buchs kurz zitiert, führt hier gleich doppelt in die Irre. Denn bei Atwood wird nicht der listenreiche Kämpfer vor Troja im Mittelpunkt stehen, sondern dessen zu Hause gebliebene Gattin – und der hohe Ton der klassischen Verse weicht in ihrer Version des griechischen Mythos schnell einer schnoddrigen Sprechsprache.

"Wer ist eigentlich der Dicke da?' fragte ich meine Mägde. 'Ach, das ist nur Odysseus!' sagte mir eine. Offenbar war der Dicke, zumindest bei den Mägden, als ernsthafter Anwärter um meine Hand bereits durchgefallen, kam dem Vernehmen nach aus Ithaka, einem Felseneiland mit ein paar Ziegen, war gekleidet wie ein Bauer und führte sich auf wieder große Zampano."

Zitat aus Hörbuch

Das Wettrennen allerdings, dessen Sieger Penelope zur Frau nehmen wird, gewinnt der Dicke – trotz seiner kurzen Beine. Allerdings war – was alle wissen, aber niemand anspricht – Doping im Spiel. Zeitgenössisches Vokabular verwendet Atwood ganz bewusst: Schließlich erzählt Penelope aus der Rückschau, also quasi aus der Gegenwart. Und wenn sie ihre Dauerrivalin Helena erwähnt, etwa deren Reaktion auf Penelopes bevorstehende Hochzeit mit Odysseus, wird das ziemlich vulgär.

"Sie dachte wohl, jetzt wäre sie mich los. Penelope verschachert an einen dumpfen Honk, verbannt auf eine unbedeutende Insel – sie war hochzufrieden. Es spricht einiges dafür, dass sie wusste, welch abgekartetes Spiel hier lief."

Zitat aus Hörbuch

Intrigen und Lügen, Hinterlist und Betrug prägen diese Geschichte, die freilich auch eine der weiblichen Emanzipation ist. Die mit fünfzehn mit Odysseus zwangsverheiratete Penelope wird später, als ihr Gatte aus dem trojanischen Krieg nicht zurückkehrt, erfolgreich dessen Inselstaat verwalten, wird jahrelang aufdringliche Freier vertrösten und eine Schar ergebener Mägde um sich scharen, die ihm Hörbuch wie eine Art Chor des immer wieder in Zwischenspielen zu hören sind.

"Hoch lebe der Käptn, wo auch immer er weilt / wo auch immer sein Schiff die Wogen zerteilt / auch wenn er mitnichten nach Hause eilt / Odysseus der Meister der Lügen."

Zitat aus Hörbuch

Hat Odysseus die Geschichten seiner Abenteuer vielleicht selbst in die Welt gesetzt, um seine jahrelange Rumtreiberei zu rechtfertigen? Und hat sich Penelope die Freier wirklich gänzlich vom Leib gehalten oder sich nur nicht entscheiden wollen, wen sie zum Mann nimmt? Einiges bleibt bewusst offen in Margaret Atwood Neuinterpretation der Odyssee. Nina Kunzendorf selbstgerechte Penelope und zunehmend unzuverlässige Erzählerin ist eine Idealbesetzung in dieser vom Hessischen Rundfunk produzierten und beim Hörverlag auf 4 CDs erschienenen inszenierten Lesung. Choreinlagen und ein am Ende eingebauter Gerichtsprozess erschließen immer neue Facetten des klassischen Mythos, der Penelope mit der Erkenntnis zurücklässt:

"Was die Götter wirklich wollen, sind jedenfalls keine billigen Tieropfer. Sie wollen uns leiden sehen. Wir sind das Opfer."

Zitat aus Hörbuch


1