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Hörbuch der Woche "Nachlass zu Lebzeiten" von Robert Musil

Mit dem Bestseller "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" und mit dem unvollendet gebliebenen, grandiosen Mammutwerk "Der Mann ohne Eigenschaften". Dass Musik auch ein Meister der kleinen Form war, des kurzen Feuilletons, des Essays, der Erzählung, das kann man jetzt in einer Neuauflage der 1936 erschienen Textsammlung "Nachlass zu Lebzeiten" nachhören und nachlesen. Denn das im Schweizer Sinus-Verlag erschienene Hörbuch liefert im Booklet auch den kompletten Text mit. Für Bernhard Jugel ist es das Hörbuch der Woche.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 13.12.2021

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Warum Nachlaß? Warum zu Lebzeiten? Ich habe jedenfalls beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, daß ich das selbst nicht mehr tun kann. Und das verläßlichste Mittel dazu ist, daß man ihn selbst beiLebzeiten herausgibt; mag das nun jedem einleuchten oder nicht."

Zitat aus Hörbuch

So rechtfertigte Robert Musil in einer "Vorbemerkung", dass er 1936 in einem Buch noch einmal ein "best of" kürzerer Texte versammelte, die alle vorher schon mehrmals in Zeitungen und Zeitschriften erschienen waren. Vier Anläufe, alle im Booklet dieses Hörbuchs abgedruckt, brauchte er, bis er selbst mit dieser Vorbemerkung zufrieden war, die freilich einen Aspekt völlig ausblendet: den pekuniären. Musil kam im Schweizer Exil mit seinem Hauptwerk "Mann ohne Eigenschaften" nicht recht voran, er brauchte Geld und nahm das Angebot, eine Sammlung älterer Texte zu veröffentlichen, nach einigem Zögern an.

Was er dann auswählte, zeigt ihn als glänzenden Stilisten, als einen, der mit wenigen Worten das Charakteristische einer Szene oder Szenerie erfasst. Etwa wenn er ein Kettenkarussell beschreibt, ohne das Wort "Kettenkarussell" ein einziges Mal zu gebrauchen.

"Das Orchestrion brüllt schluchzend. Die Eisenketten kreischen. Man fliegt im Kreis, außerdem, wenn man will, aufwärts oder hinab, auswärts und einwärts, einander in den Rücken oder zwischen die Beine. Die Burschen peitschen ihre Schaukeln an und kneifen die Mädel, an denen sie vorbeifliegen, ins Fleisch oder reißen die Aufschreienden mit sich."

Zitat aus Hörbuch  

"Bilder" nennt Musil die kurzen Feuilletons, bei denen er sich allein auf die Beschreibung verlässt. Daneben versammelt er unter dem Motto "Unfreundliche Betrachtungen" scharfsinnige Essays, dann vier "Geschichten, die keine sind" und mit "Die Amsel" eine einzige längere Erzählung. Der Mehrwert dieser beim Schweizer Sinus-Verlag erschienen Hörbuchedition sind zwei dicke Booklets, die neben dem Originaltext einen Lebenslauf enthalten, diverse Ergänzungen und Exkurse, und außerdem Kommentare zu jedem einzelnen Text – Musils "Denkmale", so erfährt man da, wurde zu seinen Lebzeiten abgedruckt in der Prager Presse, der Magdeburgischen Zeitung, der Neuen Züricher Zeitung und gilt als "Meisterwerk der Essayistik".

"Denkmale haben außer der Eigenschaft, dass man nicht weiß, ob man Denkmale oder Denkmäler sagen soll, noch allerhand Eigenheiten. Die wichtigste davon ist ein wenig widerspruchsvoll; das Auffallendste an Denkmälern ist nämlich, dass man sie nicht bemerkt."

Zitat aus Hörbuch

Mit Peter Matić, Peter Simonischek, Birgit Minichmayr, Dörte Lyssewski und Martin Vischer lesen fünf derzeitige und ehemalige Mitglieder des Wiener Burgtheaters – mit einem feinen Gespür für wechselnden Stimmunge, den Sprachwitz, aber auch die immer wieder durchscheinende Selbstironie in Musils Texten.

"Aber du deutest doch an, - sucht sich Aeins vorsichtig zu vergewissern – daß dies alles einen Sinn gemeinsam hat? Du lieber Himmel, - widersprach Azwei – es hat sich eben alles so ereignet; und wenn ich den Sinn wüßte, so brauchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen."

Zitat aus Hörbuch


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