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Hörbuch der Woche "weiter leben. Eine Jugend" von Ruth Klüger

"weiter leben" heißt eines der wichtigsten literarischen Werke, das die in 1931 in Wien geborenen und 2020 verstorbene Germanistik-Professorin Ruth Klüger 1992 veröffentlichte. Viele Jahre wehrte sie sich, ihre Erinnerungen an ihr Deportation aufzuschreiben. Späte Begegnungen mit jungen Deutschen waren es schließlich, die sie ermutigten, Zeugnis abzulegen. Es sind die "Göttinger Freunde", denen Klüger ihre Erinnerungen in deutscher Sprache widmet. 2008 erschien "weiter leben" als von ihr eingelesenes Hörbuch mit dem Buch. Für Kristina Dumas ist "weiter leben" das Hörbuch der Woche.

Von: Kristina Dumas

Stand: 02.08.2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Mir war in den wenigen Jahren, die ich als bewusster Mensch existierte, die Lebensberechtigung Stück für Stück aberkannt worden, so dass Birkenau für mich einer gewissen Logik nicht entbehrte. Es war als sei man einfach dadurch, dass man am Leben war, in ein fremdes Grundstück eingebrochen und der das Wort an dich richtet, lässt dich wissen, dass dein Dasein unerwünscht ist. So wie ich zwei Jahre vorher in arischen Geschäften laut ausgehängtem Schild unterwünscht gewesen war. Nun hatte sich das Zahnrad weitergedreht und der Boden auf dem Du stehst will, dass du verschwindest."

Zitat aus Hörbuch

Keine Existenzberechtigung zu haben, ausgeschlossen zu sein, diese Erfahrung musste Ruth Klüger schon als junges jüdisches Mädchen machen. 

In  dem Hörbuch "weiter leben" erzählt sie davon, von ihrer Kindheit und Ausgrenzung in Wien, von der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

1931 in Wien geboren, wurde sie 1942 mit der Mutter deportiert. Auf einem Todesmarsch gelang beiden die Flucht. 1947 emigrierten sie in die USA und wurde dort Germanistik Professorin.

In "weiter leben" liefert Ruth Klüger ein Zeugnis über ihre Jugend während der nationalsozialistischen Herrschaft und ihr Leben nach dem Krieg.

Klügers Text ist in vier grobe Kapitel eingeteilt. Da geht es um die Schilderung ihrer Kindheit in Wien, Deportation, das Leben in den Lagern Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt, Flucht und Aufenthalt in Bayern. Sie beschreibt, wie sie das Stigma des "Judeseins" auch in der Nachkriegszeit wahrnimmt. Ruth Klüger erzählt von ihrer späteren Lehrtätigkeit in Göttingen und ihrem Leben in Amerika.

"Hier her gehört, dass man die KZ Nummer nicht gerne sah. Symbol der Erniedrigung sagen sie, lass sie dir wegmachen. Symbol der Lebensfähigkeit sage ich, denn nachdem ich nicht mehr mich und meinen Namen verleugnen musste, da gehörte es mit zur Befreiung, die Auschwitznummer nicht verdecken zu müssen."

Zitat aus Hörbuch

In ihrem Hörbuch erzählt Ruth Klüger nicht streng chronologisch, vielmehr fragmentarisch. Sie reflektiert ihr eigenes Erzähltes, schlägt Brücken zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart.

"weiter leben" ist keine reine Autobiografie, vielmehr ist das Hörbuch neben biografischen Erzählungen durchsetzt von Reflexionen über ihre Mutter und ihre schwierige Beziehung zu ihr, Abhandlungen zum Judentum, zur Literatur, Feminismus. Ruth Klüger erzählt über die Abwesenheit des deportierten Vaters, über den Verlust des Bruders, von ihrer Depression. Ruth Klüger ist kritisch, nimmt ihre Gefühle unter die Lupe, zerlegt und analysiert sie. Viele Schichten verweben sich ineinander. Ihre Sprache gleicht einem Gedankenfluss. Ruth Klüger ist kritisch, nimmt ihre Gefühle unter die Lupe, zerlegt und analysiert sie.

In der über 8stündigen Autorinnenlesung liest Ruth Klüger ihren Text eindringlich, authentisch, mit leicht österreichischem Akzent. Es ist immer wieder ist das leise Rascheln und Umblättern ihres Manuskripts zu hören, so als würde die Autorin vor ihrem Publikum sitzen und in Echtzeit Zeugnis ablegen.

"Wieder kommen mir die Tränen eines schauerlichen Selbstmitleids. Mir rinnt ja sowieso die Zeit durch die Finger und wann habe ich mein Leben im Griff gehabt? Scherben wo man hinschaut. Beim Hofmannsthal sagt die Elektra, ich bin kein Vieh, ich kann nicht vergessen, verzeihen ist zum Kotzen sag ich."

Zitat aus Hörbuch

Immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen können von ihrer Verfolgung erzählen, weil sie nicht mehr leben.  Das Hörbuch "weiter leben – eine Jugend" mit Ruth Klüger ist ein wertvolles Zeitzeugendokument, weil Ruth Klüger so reflektiert analysiert, Zuhörerinnen und Zuhörer immer auch direkt anspricht und zur persönlichen Auseinandersetzung anregt. Mit ihrer eigenen Stimme ist sie präsent, die 8stündige Lesung geht einem unter die Haut geht.

Das Hörbuch "weiter leben" von Ruth Klüger ist im Audioverlag erschienen.


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