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Hörbuch der Woche "Maigret gerät in Wut" von Georges Simon

Der belgische Schriftsteller Georges Simenon hat die literarische Figur "Jules Maigret" erfunden, einen klugen Kommissar, der viel psychologisches Feingefühl besitzt. Für Kristina Dumas ist das Hörbuch "Maigret gerät in Wut" das Hörbuch der Woche.

Von: Kristina Dumas

Stand: 04.07.2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Sie haben soeben zugegeben, dass Emiles Erfolg nicht allen gefallen hat. Wenn einer erfolgreich ist, finden die anderen es nie gut nur handelt es sich hier um ein hart umkämpftes Milieu, indem man sich vorsehen muss. Stimmt. Und weiter. Denken sie, dass Emil von einem Konkurrenten getötet wurde?"

Zitat aus Hörbuch

Paris in den 60er Jahren: Emile Boulay, ein erfolgreicher Nachtclubbesitzer, ist spurlos verschwunden. Zunächst deutet vieles auf einen Racheakt im Rotlichtmilieu hin. Führte der bescheidene Boulay ein Doppelleben? Legte er sich mit korsischen Gangstern an? Kommissar Maigret will das nicht glauben und ermittelt.

"Man könnte meinen, Maigret wäre in die Rolle eines Nachtlokalbesitzers geschlüpft und bemühte sich trotz des Unterschieds in Größe und Gewicht Emile Boulay nachzuahmen. Gemächlich schlenderte er über die wenigen Straßen, die die Welt des ehemaligen Stuarts gebildet hatten. Im Laufe der Stunden veränderten sie ihr Antlitz, zuerst gab es immer mehr Leuchtreklame... es lag eine andere Stimmung in der Luft, auch die Passanten veränderten sich. Die Nachttaxis begannen ihre Fahrgäste abzusetzen, während neu Gestalten auf und ab, durch Schatten und Licht wandelten. Frauen sprachen ihn an, er ging mit den Händen auf dem Rücken. War auch Monsieur Emile so gegangen?"

Zitat aus Hörbuch

Kommissar Maigret geht seine Fälle unaufgeregt an. Aber auch hier hat Maigret ein ausgesprochen feines Gespür für psychologische Zusammenhänge und möchte vor allem die Menschen und ihre Hintergründe verstehen. Bei diesem Fall dauert es eine Weile, ehe Maigret auf eine Spur stößt, die ihn verblüfft und wütend werden lässt. Maigret ist Teil der Pariser Mittelschicht der 60er Jahre. Der bescheidene, hart arbeitende Mann erlaubt sich keinen großen Luxus. Am Wochenende geht er mit seiner Frau ins Bistrot, am Sonntag fährt er aufs Land wie so viele Pariser. Georges Simenon hat mit seinen Maigrets keine schillernden Abenteuergeschichten geschrieben, vielmehr liegt seine Stärke in der facettenreichen Beschreibung der Menschen, Straßen, Plätze. Detailliert schildert er, wie die Menschen leben, welchen Berufen sie nachgehen, wie sie sprechen und was sie speisen.

Maigret kam immer wieder auf den Dienstag-Abend zurück, es wurde geradezu zu einer Besessenheit, am Ende sah er den schmächtigen Monsieur Emil vor sich, wie er unter dem Leuchtschild des "Lotus" stand, ab und zu auf seine Uhr sah, und dann entschlossenen Schrittes die Rue Pigalle hinunter ging. Er hatte es nicht weit... In Maigrets Geist entstand eine Art Plan von einem kleinen Teil von Paris, zudem alle Hinweise führten.

Der Schauspieler und Sprecher Walter Kreye ist die ideale Besetzung für das Maigret-Hörbuch. Mit seiner tiefen und ruhigen Stimme tauchen wir ein in das Paris der 60er Jahre. Nuanciert hebt er Erzähl-Stimme und direkte Dialoge voneinander ab, ohne dabei künstlich zu wirken. Dabei entsteht ein unaufdringlicher Erzählfluss. Der fast fünfstündigen Lesung hört man gespannt zu.

"Maigret gerät in Wut" ist im "Audio-Verlag" erschienen.


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