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Hörbuch der Woche "Lord Jim" von Joseph Conrad

Joseph Conrad, der gebürtige Pole, der seine Werk in englischer Sprache verfasste, war vor seiner schriftstellerischen Tätigkeit viele Jahre auf französischen und englischen Handelsschiffen unterwegs. In seinem Roman "Lord Jim" befinden wir uns in der Zeit der Kolonialisierung. Zahlreiche junge Männer waren für Handelsschiffe tätig. Auch Lord Jim ist auf einem Schiff unterwegs, 800 Pilger befinden sich darauf.. Für Kristina Dumas ist die Neuübersetzung "Lord Jim" das Hörbuch der Woche.

Von: Kristina Dumas

Stand: 27.06.2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Wir werden verlockt Dinge zu tun, für die man uns schmäht und Dinge, für die man uns hängt und doch vermag der Geist zu überleben. Und dann gibt es Dinge, zuweilen erscheinen sie wirklich geringfügig, die ruinieren manche von uns rest- und rettungslos. Es sind Landstreicher, Vagabunden, die an die Hintertür der Vernunft klopfen und jeder entwendet einem etwas von der Substanz, jeder entwendet einen Brösel jenes Glaubens an ein paar einfache Grundeinsichten, an denen man festhalten muss, will man anständig leben und unbeschwert sterben."

Zitat aus Hörbuch

Schuld und Sühne, Verantwortung und Feigheit, Moral. Um diese wesentlichen Fragen kreist das über 16stündige Hörbuch mit Christian Brückners Lesung von Joseph Conrads Roman "Lord Jim".
Jim ist Sohn eines Pastors, der nach einer Ferienlektüre eine Berufung zur See spürt und auf einem Schulschiff für Offiziere der Handelsmarine ausgebildet wird. Er strotzt vor Selbstbewusstsein und sehnt sich nach Abenteuern.
Erzählt wird seine Geschichte größtenteils aus der Perspektive des erfahrenen Seemanns Marlow. Er schildert, wie bei Jim im entscheidenden Moment der moralische Kompass versagt: er verlässt sein sinkendes Schiff mit 800 Pilger, um die eigenen Haut zu retten.

"Zweimal, so sagte er mir, schloss er in der Gewissheit des nahen Todes die Augen, nur um sie zweimal wieder öffnen zu müssen, jedes mal erlebte er die fortschreitende Verfinsterung der großen Meeresstille, der Schatten der stummen Wolke war vom Zenit auf das Schiff herabgefallen und schien jedes Geräusch des an Bord wimmelnden Lebens erstickt zu haben. Was hätten sie getan? Sie sind sich sicher, stimmt’s? Was täten Sie, wenn sie jetzt spüren würden, in dieser Minute, wenn sich das Haus jetzt bewegt, nur ein ganz kleines bisschen unter ihrem Sessel. Springen?"

Zitat aus Hörbuch

Jim, dessen Karriere so gut begann, der junge kräftige Mann, ein Musterbeispiel des gutmütigen Typs, an dessen Seite wir im Leben gerne gehen würden - sein Leben nimmt mit dem Sprung vom Schiff eine tragische Wendung. Ihm wird das Offizierspatent entzogen. Schmach und Scham verfolgen ihn ein Leben lang. Auf einer fernen Insel versucht er einen Neustart. Dort weiß keiner von seiner Schuld. Dort erlebt er Abenteuer und zeigt Mut. Er schlichtet eine Fehde und wird dafür von den Menschen geachtet, er findet eine Frau.
Seeräuber greifen die Stadt an. Obwohl sie vertrieben werden, wird ein junger Mann getötet. Jim fühlt sich für dessen Tod verantwortlich. Er begegnet dessen Vater und wird von diesem erschossen.  Sein Schicksal holt ihn ein.

"Er verlässt eine lebendige Frau um seine mitleidlose Hochzeit mit einem schattenhaften Verhaltens ideal zu feiern. Ich frage mich, ist er jetzt zufrieden, restlos? Wir sollten es eigentlich wissen, er ist einer von uns."

Zitat aus Hörbuch

Der Schauspieler Christian Brückner interpretiert die Neuübersetzung des Romans grandios. Der kraftvolle Rhythmus der Sprache, die nachdenklichen inneren Monologe, die genaue Beschreibung der Landschaften, der Menschen, die präzisen Arbeitsabläufe auf dem Schiff - mit einer wunderbaren Vielfalt an nautischen Fachtermen -  verweben sich mit seiner leicht knarzigen Stimme zu einem vielschichten Gemälde. Christian Brückner ist ein Meister, die verflochtene Erzählstruktur, die unterschiedlichen Stimm- und Perspektivwechsel fein voneinander abzuheben. Der 16 Stunden langen Interpretation hört man gebannt zu.

"Lord Jim" von Joseph Conrad, in der kraftvollen Neuübersetzung von Michael Walter, ist im Verlag parlando/Argon erschienen.


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