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Hörbuch der Woche "Lilly und ihr Sklave" von Hans Fallada

Zu Lebzeiten war Hans Fallada ein Bestsellerautor. Nach seinem frühen Tod – Fallada starb 1947 im Alter von 53 Jahren an den Folgen seiner Alkohol- und Morphinsucht – wurden viele Manuskript aus seinem Nachlass posthum veröffentlicht. Vor einigen Jahren sind in einer - lange verschollenen - Gerichtsakte frühe, teils noch unbekannte Erzählungen von Fallada aufgetaucht. Unter dem Titel "Lilly und ihr Sklave" sind sie 2021 als Buch und jetzt auch als Hörbuch erschienen. Für Bernhard Jugel ist es das Hörbuch der Woche.

Author: Bernhard Jugel

Published at: 16-8-2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Sybil Magonina ist am Kurfürstendamm geboren, am Kurfürstendamm aufgewachsen, und blieb – hatte sie schon später eine eigene Villa in einem westlichen Vorort – stets Kurfürstendamm."

Zitat aus Hörbuch  

Es gibt immer viel Lokalkolorit in Hans Falladas Erzählungen, aber spannend werden sie vor allem durch das Einfühlungsvermögen des Autors, durch die komplexen Psychogramme, die er in seiner Prosa zeichnet Bei Lilly, dem Mittelpunkt der titelgebenden Erzählung, klingt das so:

"Einziges Kind reicher Eltern, sah sie früh schon ihren Willen als maßgebend anerkannt. Drang sie einmal nicht durch, befielen sie Kopfschmerz und Übelsein, und der ängstliche Vater, mehr noch als die Mutter, war froh, sein Lillyherze wieder lächeln zu sehen, um welchen Preis immer. Sie verachtete, die sie liebten, da sie stets Mittel fand, jene Liebe umzubiegen zum eigenen Vorteil."

Zitat aus Hörbuch

Das Besondere an diesen wahrscheinlich letzten posthum erschienenen Erzählungen von Hans Fallada: von einigen sehr kurzen Prosaskizzen abgesehen schreibt er hier aus weiblicher Perspektive. Da gibt es die Pubertätserlebnisse der narzisstischen Lilly, die Geschichte der "großen Liebe" zwischen Tilde und Fritz, die in einem gnadenlosen Rosenkrieg endet und die Lebens- beziehungsweise Liebesgeschichte von Marie alias Mieze, die geprägt ist von einer frühen Traumatisierung durch die Vergewaltigung und den Selbstmord ihrer älteren Schwester. Die hatte ihr anvertraut, was ihr betrunkene Männer eines Abends angetan hatten:

"Ich bin über einen Stein gefallen, und da sind sie über mich gewesen und haben mir die Kleider zerrissen und mich genommen. Ich habe geschrien und gefleht und gebettelt, dann aber bin ich still geworden, denn aus dem Dunkel der Nacht haben sich die Gesichter über mich gelegt und es hat mir geschienen, als seien dies keine Gesichter von Menschen, sondern von großen, wilden, drohenden Tieren."

Zitat aus Hörbuch

Wie in seinen Romanen widmet sich Hans Fallada auch in diesen Erzählungen den Schattenseiten des Lebens, den Tragödien des Alltags, die kaum je ein happy end kennen. Die weibliche Perspektive der Geschichten ist stark vom Zeitkolorit geprägt, vom Aufbegehren vieler Frauen in den 1920er Jahren gegen das Patriarchat. Insofern beschreibt Fallada in diesen Geschichten Aspekte weiblicher Emanzipation, etwa wenn die glücklich verheiratete Marie einen Seitensprung als Befreiung ihrer Sexualität erlebt.

"Es ist mir gewesen, als habe ich viele, viele Jahre nur geschlafen, als sei ich nun erwacht und als fange ich jetzt, 35-jährig, erst mein Leben an."

Zitat aus Hörbuch

Jennipher Antoni, zuletzt zu sehen in der 4. Staffel von "Babylon Berlin", liest Falladas Geschichten zwar mit Berliner Schnodderschnauze, aber auch mit einem großen Gespür für leise, intime, auch mal tragische Passagen. Dieses Hörbuch ist zum einen eine Zeitreise in die 1920 Jahre mit ihrem Glamour und ihrer Biederkeit, ihren Kämpfen zwischen den Geschlechtern, andererseits aber auch ganz aktuell, denn manche Passagen klingen wie tatsächlich wie zeitgenössische Beschwörungen weiblicher Selbstermächtigung. 

"Ich bin frei. Ich bin unverlierbar. Mir kann nichts geschehen. Im letzten unzerstörbar Ich."

Zitat aus Hörbuch

"Lilly und ihr Sklave". Die Erzählungen von Hans Fallada, gelesen von Jennipher Antoni, sind auf sechs CDs bei hörkultur erschienen.  


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