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Hörbuch der Woche "Karajan steigt ins Taxi..." von Joseph Berlinger

Der Regensburger Autor und Regisseur Joseph Berlinger schreibt Bücher und Theaterstücke und inszeniert nicht nur für die Bühne, sondern auch fürs Hörbuch. Zuletzt einen Bayerisch-Crashkurs mit dem Titel "My Fair Lady", neuerdings eine Sammlung von 44 Musiker-Anekdoten, die gerade mit dem Titel "Karajan steigt ins Taxi" erschienen ist. Der soll auf die Frage eines Taxifahrers, wo es denn hingehen solle, einst erwidert haben: "Fahren sie!!! Egal wohin! Ich dirigiere überall!" - Für Bernhard Jugel ist "Karajan steigt ins Taxi..." das Hörbuch der Woche. 

Von: Bernhard Jugel

Stand: 08.11.2021 13:24 Uhr

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

Eigentlich ist dieses Hörbuch ein Geburtstagsgeschenk:

"Meine liebsten Musiker-Anekdoten, 44 Stück, weil du 22 bist und ich 66!"

Zitat aus Hörbuch     

Ein Vater schenkt seiner Tochter ein Hörbuch, um ihr seine Begeisterung für Klassik, Chansons, Blues und Jazz weiterzugeben. Das ist die Rahmenhandlung. Dann muss natürlich noch die Frage "Was ist eigentlich eine Anekdote?" geklärt werden. Die wird Passanten auf der Straße gestellt:                                                                             

"Eine Anekdote ist ein... uh... äh... weiß ned, wie ich's erklären soll."

Zitat aus Hörbuch

Wir kommen darauf zurück!

Die Anekdoten in diesem Hörbuch jedenfalls sind häufig verbunden mit einer kurzen, kursorischen Lebenslauf - und die Hauptperson wird immer per Würfel ermittelt.

Der amerikanische Komponist hat trotz oder vielleicht wegen seiner Musical-Erfolge immer das Gefühl, er könne von seinen klassischen Kollegen noch was lernen. Während einer Europareise trifft er Igor Strawinsky und im Lauf der Unterhaltung stellt Gershwin die unvermeidliche Frage:

"Könnten sie sich vorstellen, mir Unterricht zu erteilen?' - 'Wie viel verdienen sie denn pro Jahr?' - 'Pro Jahr vielleicht ein- bis zweihunderttausend Dollar.' - 'Wenn das so ist, werde ich bei Ihnen Unterricht nehmen!"

Zitat aus Hörbuch

Wer sich in der Musikgeschichte auskennt, dem mag bei diesem Hörbuch vielleicht bekannt vorkommen. Aber das macht nichts, denn Autor und Regisseur Joseph Berlinger hat mit einem guten Dutzend Mitstreitern all die vielen Anekdoten in wunderbare Minihörspiele verwandelt, mit einem durchweg exzellenten Musik- und Sounddesign. Mir ist bei diesem gut zweieinhalbstündigen Kompendium unnützen Wissens jedenfalls keine Sekunde langweilig geworden. Auch nicht bei den vielen Antworten auf die Frage: Was ist eigentlich eine Anekdote?

"Eine Anekdote ist eine Geschichte, über die man lachen kann, aber die einen wahren Hintergrund hat' / 'Muss nicht wahr sein, könnte wahr sein' / 'Anekdote, nö, leider nicht, aber einen Witz kann ich ihnen erzählen: Die Gattin des Tenors beklagt sich: der Pianist küßt seine Frau vor jedem Auftritt, warum tust du das nicht? Der Tenor grübelt: Die Frau des Pianisten küssen? Ich kenn' die doch kaum!"

Zitat aus Hörbuch

Wenn sie jetzt vielleicht noch erfahren möchten, wieso der Pianist Glenn Gould kein Publikum mochte, wieso Hildegard Knef mal Amok lief oder bei welcher Gelegenheit Karl Böhm schwer in seine Hose kam – und ihnen der Wahrheitsgehalt der erzählten Geschichten natürlich völlig egal ist, dann kann ich Ihnen dieses beim Klassiklabel TYXart auf 2 CDs erschienene Hörbuch nur wärmstens empfehlen. Sie werden dort auch erfahren, wieso Musikstudenten bei der Wohnungssuche oft besonders schlechte Chancen haben.

"Tut mir leid, junger Mann. Wir hatten schon mal einen Musikstudenten hier wohnen. Der stellte sich auch zuerst sehr beethövlich vor, wurde dann mit meiner Tochter mozärtlich, brachte ihr jeden Abend einen Strauß mit, nahm sie schon in der ersten Woche beim Händel und führte sie mit Liszt über den Bach in die Haydn. Und dort war er nicht mehr zu brahmsen. Jetzt haben wir einen Mendelssohn und wissen nicht wo Hindemith."

Zitat aus Hörbuch                          

"Ich holte Atem, biss die Zähne zusammen, fasste den Vorwärtshebel mit beiden Händen und schon ging es mit einem dumpfen Schlag los."

Zitat aus Hörbuch

Der namenlose Ich-Erzähler landet  über 800.000 Jahre in der Zukunft. Er begegnet menschenähnlichen Wesen, die sich Eloi nennen. Sie scheinen nicht zu arbeiten, leben in futuristischen, etwas heruntergekommenen Gebäuden, ernähren sich von Früchten. Ihm fällt auf, dass nicht besonders neugierig sind.  Aber zunächst erscheint es ihm, als wäre es der Menschheit gelungen, sich ein Paradies zu erschaffen.

"Eines Tages wird alles besser und immer besser organisiert werden. Die ganze Welt wird intelligent und gebildet sein, wird zusammenarbeiten, so dass sie unseren menschlichen Bedürfnissen entspricht. Diese Anpassung, sage ich, müsste geschehen sein, und zwar gut, müsste in der Zeit, die meine Maschine gesprungen hatte, für alle Zeiten vollzogen sein."

Zitat aus Hörbuch

Doch die schöne Utopie des Erzählers bekommt Risse, als seine Zeitmaschine verschwindet. Eine zweite Menschenrasse hat sie an sich gebracht, die Morlocks, die das Tageslicht scheuen, unterirdisch leben und Maschinen betreiben. Als er ihre Unterwelt erkundet, fallen dem Erzähler große Fleischstücke auf, die auf einem Tisch ausgebreitet liegen. Da auf der Erde keine größeren Tiere mehr leben und die Eloi sich offenbar vor dunklen Neumondnächten fürchten, dämmert ihm eine ungeheure Erkenntnis.

"Diese Eloi waren nur gemästetes Rindvieh, das die ameisengleichen Morlocks hüteten und jagten. Für dessen Mast sie wahrscheinlich sorgten."

Zitat aus Hörbuch

Wells entwirft hier eine düstere Dystopie, in der die Menschheit keine wirkliche Zukunft hat – und verpackt sie in eine spannende Abenteurergeschichte. Denn natürlich kommt es zum Showdown, und der Erzähler kann den Morlocks nur knapp entkommen. Für die Hörbuchfassung hat Stefan Weinzierl den "Die Zeitmaschine" extrem gekürzt, hat alle Dialoge weg- und nur die Erzählerstimme übriggelassen. Dennoch hört man der sonoren Stimme Dominic Raackes gebannt zu und die rhythmusgetriebene Musik Stefan Weinzierls schafft Spannung und Atmosphäre. Eine ideale Gelegenheit, diesen Science-Fiction-Klassiker von H.G.Wells neu zu entdecken.

"Ich weiß, Ihnen wird das alles völlig unglaublich erscheinen, aber mir ist nur das eine unglaublich: Dass ich heute Abend in diesem alten vertrauten Zimmer sitze (…) und ihnen all diese seltsamen Abenteuer erzähle."

Zitat aus Hörbuch

In ähnlicher Bearbeitung und ebenfalls mit Musik von Stefan Weinzierl sind beim Leipziger Hörbuchverlag Buchfunk noch "Die Blechtrommel" von Günter Grass erschienen, gelesen von Devid Striesow und Wolfgang Endes "Momo", gelesen von Walter Sittler.


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