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Hörbuch der Woche "Indisches Nachtstück und ein Briefwechsel" von Antonio Tabucchi

Antonio Tabucchi (1943-2012), eine der bedeutendsten Stimmen der europäischen Literatur, war Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Bühnenstücken. Als Professor für portugiesische Literatur hat er die Werke Fernando Pessoas in seiner Muttersprache, italienisch, herausgebracht. Tabucchis Werk, darunter der berühmte Roman "Erklärt Perreira", wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Sein philosophisches Büchlein "Indisches Nachtstück" - 1989 verfilmt es ist jetzt im Diwan Hörverlag als ungekürzte Lesung erschienen. Für Isabelle Auerbach ist es das Hörbuch der Woche.

Von: Isabelle Auerbach

Stand: 06.12.2021 13:24 Uhr

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

In der Antwort auf die Frage nach dem Beruf des Ich-Erzählers liegt sogleich das Grundthema von Antonio Tabucchis Roman:  Die Suche nach verloren gegangenen Dingen und Personen.

"Nun, sagen wir ich schreibe ein Buch.
Was für ein Buch?
Ein Buch eben.
'Einen Roman'? fragte Christine mit verschmitztem Lächeln.
So was Ähnliches.
Oh nein, das ist nur ein Experiment, mein Beruf ist ein anderer: Ich suche tote Ratten.
Wie bitte?
Das war ein Scherz. Ich durchstöbere alte Archive, ich suche alte Chroniken, Dinge, die von der Zeit verschluckt worden sind."

Zitat aus Hörbuch

Dinge und Personen verschwinden, werden verschluckt oder sind verschollen in dieser Geschichte. Konkret: Der Ich-Erzähler reist durch Indien, auf der Suche nach seinem alten portugiesischen Freund, der auf geheimnisvolle Weise abgetaucht ist. Er trifft Menschen, die Kontakt zu dem Verschwundenen hatten und erhält Hinweise, Botschaften, und Briefe. Es tut sich eine Spur auf, doch der Freund Xavier bleibt unauffindbar. Aber wer ist dieser Freund überhaupt? Eine ganz andere Person oder der Doppelgänger der Ich-Figur? Ist es am Ende eine Suche nach sich selbst? Wie so häufig spielt Antonio Tabucchi auch in "Indisches Nachtstück" mit seinem Lebensthema: mit der Frage nach der Identität und ihren vielen verschütteten, nicht gelebten Anteilen.
Tabucchis großes Vorbild war Fernando Pessoa, der unter fünf verschiedenen Namen publizierte und als ein wichtiger Prototyp für die literarische Identitätssuche steht. In der Unterhaltung mit dem Gelehrten der Theosophischen Gesellschaft in Madras geht es auch um Fernando Pessoa:

"Wissen Sie, was seine letzten Worte waren?'
'Nein', sagte er, was denn?
'Gebt mir meine Brille', sagte ich.
'Er war sehr kurzsichtig und wollte mit der Brille im Jenseits ankommen.'
Mein Gastgeber lächelte schweigend."

Zitat aus Hörbuch

Das Scharfsehen-Können gelingt beim Hören dieser Geschichte nur teilweise und die Vorstellungen und Erwartungen von Indien und der Personen verschwimmen immer wieder. Die Unschärfe und das Verschwinden gehören in dieses Nachtstück wie die Sterne, die sich auflösen können:

"Wenn die Masse eines sterbenden Sternes größer ist als die doppelte Masse der Sonne, gibt es keinen Aggregatzustand mehr, der die Konzentration verhindern könnte, die sich dann ins Unendliche fortsetzt. Der Stern gibt keine Strahlungen mehr ab und verwandelt sich in ein schwarzes Loch."

Zitat aus Hörbuch

Die kurzen melancholischen Schubert-Musikpassagen, gespielt vom Petersen Quartett, betonen die romantische Stimmung. Bei der Lesung trifft der Schauspieler Martin Feifel den geheimnisvollen Ton. Auch die ironischen und verspielten Elemente klingen überzeugend bei ihm. Feifel gelingt es, die Leichtigkeit und die Tiefe zu vermitteln. Es macht Spaß, seinen Stimmwechseln bei den unterschiedlichen Figuren, wie etwa einer Prostituierten oder einem Gelehrten, zuzuhören. Dem Roman ist ein Briefwechsel angehängt zwischen dem Gelehrten der Theosophischen Gesellschaft aus Madras und dem Ich-erzählenden Reiseberichtverfasser - gelesen von Lutz Magnus Schäfer. Darin rät der Reiseberichtverfasser dem Gelehrten folgendes:

"Schenken Sie den Behauptungen eines Schriftstellers keinen allzu großen Glauben: Schriftsteller lügen fast immer, sagen die Unwahrheit."

Zitat aus Hörbuch

Autorin:Antonio Tabucchi treibt sein kluges Verwirrspiel damit auf die Spitze und jongliert im "Indischen Nachtstück" mit den postmodernen Elementen. So ist ihm eine intelligente Verhöhnung des Realen gelungen und zugleich ein origineller Reisebegleiter durch Indien - für alle Fans rätselhafter Wege.

Das etwa drei stündige Hörbuch: "Indisches Nachtstück und ein Briefwechsel" von Antonio Tabucchi, übersetzt von Karin Fleischanderl, gelesen von Martin Feifel und Lutz Magnus Schäfer, ist beim Diwan-Hörbuchverlag erschienen.  


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