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Hörbuch der Woche "Emma" von Jane Austen

Seit Mitte der 90er Jahre, spätestens mit Colin Firth alias Mr. Darcy, der in der BBC-Verfilmung von "Stolz und Vorurteil" mit klatschnassem Hemd in scheinbar unbeabsichtigter Sexiness einem Teich entsteigt, begann der Jane-Austen-Boom: mit allein über fünfzig Verfilmungen ihrer sechs großen Romane. Seit drei Jahren inszenieren die Kolleg*innen des Hessischen Rundfunks diese Klassiker als Hörspiele. Jetzt also ist Jane Austens "Emma" erschienen, mit Katja Riemann als Erzählerin - für Kirsten Böttcher das Hörbuch der Woche.  

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 11.04.2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Emma: 'Ich habe überhaupt sehr wenig Neigung, jemals zu heiraten… Ich war noch nie verliebt und ich werde mich wohl auch nie verlieben… Und wenn ich meine jetzige Lage ohne Liebe veränderte, wäre ich schön dumm."

Zitat aus Hörbuch

Die Titelheldin Emma ist "schön, aufgeweckt und reich" – so steht’s in der ersten Zeile des letzten zu Lebzeiten von Jane Austen erschienenen Romans, im Jahr 1816. Emma Woodhouse genießt höchstes Ansehen und lebt mit ihrem Vater sorgenfrei auf dem Familiensitz Hartfield, südwestlich von London. Im Gegensatz zu anderen berühmten Austen-Heldinnen, wie Lizzy Bennet oder Marianne Dashwood, ist Emma also nicht auf eine gute Heirat angewiesen und hat auch nichts dergleichen vor. Stattdessen möchte sie bei Anderen Amor spielen – was meist chaotisch und tränenreich endet und zugleich offenbart, wie verwöhnt, stur, ungeduldig und selbstzufrieden die junge Frau ist – ein weiteres Novum in Jane Austens Heldinnen-Kosmos: Emma kämpft mit ihren Mängeln. "Ich werde eine Heldin nehmen, für die niemand außer mir selbst viel übrighaben wird", so Jane Austen. Gut, dass es den ritterlichen Mr. Knightley gibt, der ihr stets offen die Meinung sagt – beidseitige Verstimmung inklusive!

"Schmerzendes Cello, darauf Emma: 'Bis wir vermuten dürfen, dass die Männerwelt das Thema Schönheit mit mehr philosophischem Abstand betrachtet, bis sie sich in Frauen von Verstand und Bildung statt in hübsche Gesichter verliebt, kann ein Mädchen von Harriets Liebreiz sicher sein, bewundert und begehrt zu werden und die Wahl unter vielen zu haben!'

Knightley: 'Ich muss schon sagen, Emma, wenn ich höre, wie du deinen Verstand missbrauchst, bin ich fast geneigt, dir zuzustimmen. Lieber gar keinen Verstand haben als ihn so falsch anzuwenden wie Du!'

Emma: '…Natürlich!!"

Zitat aus Hörbuch                                                                                    

Von Anfang bis Ende beeindruckt die fünfstündige Inszenierung von Christiane Ohaus mit einer sehr werkgetreuen Bearbeitung und exquisiter Besetzung – allen voran Berliner Ensemble-Mitglied Laura Balzer als Emma, Michael Rotschopf als Mr. Knightley und Gert Wameling als albern lamentierender Papa Woodhouse. Auch Erzählerin Katja Riemann balanciert stimmig zwischen beschreibender Distanz und seidiger Ironie. Christiane Ohaus hat eine respektvolle Klassiker-Adaption geschaffen, rundum hochwertig produziert, zum genussvollen Abtauchen in die Regency-Ära. Doch bleibt sie auch etwas risikoarm. Wenn da nicht Michael Riessler wäre: Mit seiner Musikkomposition illustriert der preisgekrönte Klarinettist humorvoll Larifari-Konversationen, "stört" mutig schräg moralisch zweifelhafte Dialoge, kommentiert Emmas manipulierende Kuppel-Versuche.   

"Harriet: 'Miss Woodhouse, da Sie mir Ihre Meinung nicht sagen wollen, muss ich sehen, wie ich allein zurechtkomme. Und ich habe mich jetzt entschieden und bin fest entschlossen, Mr. Martins Antrag abzulehnen… Finden Sie das richtig?'

Emma: 'Richtig? Völlig richtig, liebe Harriet, genau die richtige Entscheidung!"

Zitat aus Hörbuch

Dass Emma und Mr. Knightley heiraten, wird hier sicherlich niemanden überraschen. Anhand des Dreh- und Angelpunkts ihrer Romane – der Ehe – erzählt die immer ledig gebliebene Jane Austen nicht nur vom Alltag des niederen Landadels; sie kritisiert auch – und das sehr deutlich in "Emma" -  die diversen Abhängigkeiten der Frauen. Die es immer noch gibt. Bis heute können nicht alle Männer und Frauen so frei wie Emmas Vater entscheiden:  

"Mr. Woodhouse: 'Heiraten – was für ein Unsinn!"

Zitat aus Hörbuch

Jane Austens "Emma" ist im Hörverlag erschienen.


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