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Hörbuch der Woche "Elizabeth Finch" von Julian Barnes

Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Barnes gelingt das genaue Beschreiben, ein nuanciertes Psychogramm seiner Figuren. Für Vom Ende einer Geschichte wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Nun ist der Roman unter dem Titel "Elizabeth Finch" bei Argon edition als Hörbuch erschienen, produziert vom Bayerischen Rundfunk. Für Kristina Dumas ist "Elizabeth Finch" das Hörbuch der Woche. Das Hörbuch ist übrigens auch in der Mediathek des BR zu finden.

Author: Kirsten Böttcher

Published at: 14-11-2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Manchmal frage ich mich, wie Biografen das anstellen, aus all den unbedeutenden, fehlenden und widersprüchlichen Indizien ein Leben, ein lebendiges Leben, ein leuchtendes, ein kohärentes Leben zu schaffen?"

Zitat aus Hörbuch

Diese Frage stellt sich Neil, der Ich- Erzähler des Romans. Seine ehemalige Professorin und platonische Liebe, Elizabeth Finch, ist gestorben und Neil hat all ihre Aufzeichnungen und Unterlagen geerbt. Was soll er damit anfangen? Eine Biografie über die stoische und anspruchsvolle Professorin schreiben?

Neil, um die 50 Jahre alt, zweimal geschieden, begegnete ihr vor mehr als 20 Jahren. Als erfolgsloser Schauspieler entschied er sich nochmals zu studieren. In Abendkursen belegte er die Fächer Kultur und Zivilisationsgeschichte. Sofort war er von der mysteriösen Intellektuellen angezogen.

"Sie stand vor uns ohne Notizen, Bücher oder Anzeichen von Nervosität. Das Pult war mit ihrer Handtasche belegt. Sie schaute in die Runde, lächelte, schwieg und begann. Die beste Art der Bildung ist das kollaborative Lernen, wir werden einen Dialog führen. Dabei werde ich kein billiges Lob verteilen. Es kann sein, dass ich für einige nicht der beste Lehrer bin, der am besten zu ihrem Naturell und zu ihrer Denkweise passt."

Zitat aus Hörbuch

Elizabeth Finch, ein bisschen altmodisch und wie aus der Zeit gefallen beeindruckt Neil. Zwar hat er Affären, doch ist sein Leben geprägt vom Ringen um ihre Anerkennung. Elizabeth bringt ihn zum Nachdenken über Religion, Geschichte, Kunst und Philosophie und über sich selbst.

Auch nach seinem Studium treffen sich die beiden noch zwei Jahrzehnte lang, sie essen zusammen zwei- oder dreimal im Jahr zu Mittag - bis zu ihrem Tod.

Der Autor Julian Barnes zeichnet in seinem Roman ein vielschichtiges Porträt von Elizabeth Finch, dabei nähert er sich ihr von verschiedenen Seiten.

Das Hörbuch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil erzählt der Ich-Erzähler von den Vorlesungen bei Elizabeth Finch, ihren Diskussionen. Wie ein Maler sein Model studiert und skizziert, so nähert sich Julian Barnes Elizabeth Finch aus der Perspektive seiner Hauptfigur.

Der zweite Teil ist ein Roman im Roman. Im Mittelpunkt steht Julian Apostata, der römische Kaiser, der im IV. Jahrhundert nach Christus lebte. Julian wurde als Christ erzogen, wandte sich dann vom Christentum ab. In philosophischen Kreisen lernte er das neuplatonische Denken kennen und verband humanitäre Ethik mit metaphysischen Spekulationen. Nicht mehr dem Gott der Christen sollte die Zukunft gehören, sondern den Göttern der Vergangenheit. Und es stellt sich die Frage, was passiert, wenn er sich durchgesetzt und das Rad rückwärts gedreht hätte?

Elizabeth Finch schrieb eine Abhandlung zu genau dieser Frage. Nun setzt sich Neil mit der historischen Figur auseinander und so auch indirekt mit seiner platonischen Liebe Elizabeth.

Im dritten Teil des Hörbuch reflektiert Neil über sein Verhältnis zu Elizabeth und fragt sich: Was ist Erinnerung und was macht sie mit uns?

Drei unterschiedliche Zeitebenen und Erzählstränge führen so  immer wieder zu Elizabeth Finch.  Das macht das Hörbuch komplex, doch der großartige und mehrfach ausgezeichnete Sprecher Frank Arnold setzt die unterschiedlichen Erzählstränge stimmlich so geschickt voneinander ab, dass man sich niemals in der Dichte des Hörbuchs verliert und seiner ruhigen und souveränen Stimmer gespannt zuhört. So kommt man dem Ich-Erzähler Niel, der . die Philosophie für sich entdeckt hat und sich wesentliche Fragen stellt wie z. B. was Liebe für ihn bedeutet ganz nahe.

"Und in welche Kategorie fiel meine Liebe zu ihr? Tja, ich würde sagen, es war eine romantische, stoische Liebe."

Zitat aus Hörbuch

Das Hörbuch "Elizabeth Finch" von Julian Barnes, gelesen von Frank Arnold ist bei Argon edition erschienen.


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