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Hörbuch der Woche "Der Leinwandmesser" von Leo Tolstoi

Seit Jahrtausenden ist das Pferd eng mit Heroisierungsprozessen verbunden ist. In unzähligen Gemälden und Skulpturen sind Pferde in ganz unterschiedlichen Posen dargestellt. Mal als stolzes, dann wieder heroisches oder wildes Tier. In Leo Tolstois Pferdegeschichte "Der Leinwandmesser" von 1886 steht das Pferd im Zentrum der Erzählung, kommt als Titelheld zur Sprache. Für Kristina Dumas ist "Der Leinwandmesser" das Hörbuch der Woche.

Author: Kristina Dumas

Published at: 29-8-2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Es gibt erhabenes Alter, es gibt klägliches, es gibt ekelerregendes und erhabenes zugleich, so war das Alter des scheckigen Wallachs. Der Wallach war groß von Wuchs, er war einmal schwarz-scheckig gewesen, jetzt waren die schwarzen Stellen schmutzig braun."

Zitat aus Hörbuch

Rolf Boysen hat eine Stimme, die unter die Haut geht. Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler verkörpert in der fabelartigen Erzählung "Der Leinwandmesser" von Leo Tolstoi einen alten Wallach, der in fünf aufeinanderfolgenden Nächten den jüngeren Pferden in seinem Gestüt seine Lebensgeschichte erzählt.

Boysen interpretiert das reiche Innenleben eines Pferdes grandios, reduziert und ohne Pathos. Leinwandmesser wird das einst so kräftige Pferd aufgrund seines weit ausschreitenden Ganges genannt.

In seiner Jugend wurde er von einem Husarenoffizier zugrunde geritten. Dann wurde er verkauft, von den neuen Besitzern als Lasttier genutzt und oft schlecht behandelt.

"Es war im Winter während der Feiertage. Einen ganzen Tag hatte man mir kein Futter gegeben und hatte mich nicht getränkt. Wie ich später erfuhr war es deshalb geschehen, weil unser Stallknet betrunken war. An dem selben Tag kam der Stallmeister zur mir herein, bemerkte, dass das Futter fehlte und bedachte ihn, obgleich der Stallknecht nicht zu gegen war, mit hässlichen Worten und fluchte, dann ging er."

Zitat aus Hörbuch

Wie respektvoll werden Tiere von den Menschen behandelt? Leo Tolstoi hinterfragt in seiner Erzählung die Beziehung zwischen Mensch und Tier, er thematisiert aus der Sicht eines Pferdes den Tod. Welchen Stellenwert haben Alte und Kranke in der Gesellschaft? Was macht Gier und Eitelkeit mit den Menschen?

Der gefleckte Wallach ist oft peinlich berührt, staunt über die seltsame Gattung Mensch, die er aus seiner Pferdeperspektive wahrnimmt und in inneren Monologen beschreibt.

"Nachträglich, als sich der Kreis meiner Beobachtungen erweitert hatte, gelangt ich zur Überzeugung, dass Begriffe wie 'mein' nicht nur in Bezug auf uns Pferde keinen anderen Grund als einen niederen, tierisch-menschlichen Instinkt haben, der von ihnen das Eigentumsrecht genannt wird."

Zitat aus Hörbuch

"Die Menschen streben im Leben nicht danach, das zu tun, was sie für gut erachten, sondern danach, möglichst viele Sachen mit 'mein' zu benennen. Ich bin davon überzeugt, dass darin der wesentlichste Unterschied zwischen uns und der Menschen besteht."

Zitat aus Hörbuch

Gegen Ende der Erzählung taucht der erste Besitzer des Wallachs, der wohlhabende Offizier, wieder auf. Auch er inzwischen krank und alt. Er denkt zurück an eine ausgeslassene Vergangenheit, glorifiziert das scheckige Pferd und schwärmt von ihm. Doch es sind Erinnerungen, die im Gegensatz zur Verwahrlosung in der Gegenwart stehen.

Bei Tolstoi gibt es keinen Unterschied: ob Mensch oder Tier, arm oder reich, jeder sieht sich mit seiner Vergänglichkeit konfrontiert. Umso wichtiger, im Leben Achtsamkeit und Respekt walten zu lassen.

Der vielfach ausgezeichnet Schauspieler Rolf Boysen verkörpert die seelischen Erlebnisse des alten Pferdes, durchlebt sie. Er interpretiert den Text verständlich und nuanciert. Eindringlich beschreibt er, wie menschlicher und tierischer Niedergang in Beziehung zueinanderstehen.

Was empfindet der alte Wallach während des Schlachtens? Tolstoi findet für diese Szene direkte und unsentimentale Worte.

"Die Haut wäre gut, wenn das Pferd besser genährt gewesen wäre, sagt der Pferdeschlächter. Abends ging die Herde über den Hügel und die Pferde, die von unten kamen, konnten etwas Rotes erblicken auf das sich die Hunde eifrig zu schaffen machten. Raben und Habichte flogen darüber."

Zitat aus Hörbuch

Das großartige Hörbuch mit dem wunderbaren Schauspieler Rolf Boysen wurde 1990 beim NDR produziert. Nun ist "Der Leinwandmesser" im Audioverlag erschienen.


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