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Hörbuch der Woche "Bonjour tristesse" von Françoise Sagan

Ein heißer Sommer, eine weiße Villa am Meer von Saint-Tropez und im Mittelpunkt ein intrigierender Teenager, ein "kleines Monster": Davon erzählt der Roman "Bonjour Tristesse", der bis heute auf der Liste der »100 Bücher des Jahrhunderts« der Zeitung Le Monde steht. Über Nacht wurde das 1954 erschienene Debüt der damals 18-jährigen Françoise Sagan zum Skandalroman und später zum prominent verfilmten Bestseller; die junge Autorin sogar zur "Colette einer neuen Generation" erhoben. Für Kirsten Böttcher ist es das Hörbuch der Woche.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 25.07.2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Ich streckte mich aus, nahm eine Handvoll Sand und ließ ihn in einem weichen Strahl durch meine Finger rieseln - wie die Zeit. Was für ein simpler Gedanke! Es ist angenehm, simple Gedanken zu haben. Es ist Sommer."

Zitat aus Hörbuch

Diese Adaption hätte auch schiefgehen können. Einige Anfangsszenen scheinen in diese Richtung zu weisen, beispielsweise, dass Regisseur Ulrich Lampen die Gedanken der 17-jährigen Cécile, der Hauptfigur der berühmten Romanvorlage, nicht ernst nimmt, ironisiert oder verflacht zu einer Story über weiblichen Teenietrotz, in 1950er Jahre Vintage-Filter getaucht. Doch schon die erste Szene ist perfekt gebaut und stellt zudem eine nachdenkliche, sich selbst beobachtende Ich-Erzählerin vor.

"Ich zögere, diesem fremden Gefühl, das mich bedrückt, einen Namen zu geben: Tristesse. Es ist so ein egoistisches Gefühl, dass ich mich seiner fast schäme. Ich kannte es vorher nicht. Kummer ja, Bedauern auch, manchmal Reue. Aber jetzt umgibt es mich wie ein Kokon aus Seide, weich und ermüdend, und trennt mich von den anderen."

Zitat aus Hörbuch

Ich-Erzählerin Cécile blickt also zurück auf einen Sommer bei Saint-Tropez in den 50er Jahren, als sie mit ihrem Vater und dessen Geliebter Elsa das süße Nichtstun zelebriert. Bis eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter, die charismatische Modeschöpferin Anne Larsen, dazukommt.

Zu Cécils Graus hält ihr die distinguierte Anne den Spiegel vor, stößt sie auf ihr unmoralisches Leben, löst Scham und Nachdenklichkeit aus, und verbietet Cécile den Flirt mit dem Jurastudenten Cyril. Darüber hinaus spürt das unsichere Mädchen sofort, dass sich ihr nonchalanter Papá in Anne Larsen ernsthaft verliebt hat, so dass er Elsa fallenlässt. Anne Larsen wird für Cécile einerseits zur Gefahr, die es zu beseitigen gilt, andererseits ein Art Vorbild. Das Hörspiel setzt diese inneren Kämpfe, diese Ich-Spaltung, mitreißend in Szene.

"Cécile: 'Diese Eifersucht auf Anne ist dumm und armselig! Mit Anne zusammen werde ich Modewelt revolutionieren... Ich werde dafür sorgen, dass die beiden sich trennen! Cécile, du bist einfach nur widerlich und grausam. Anne ist sehr fürsorglich, sie will nur unser Bestes… Wir müssen unsere Freiheit zurückbekommen!"

Zitat aus Hörbuch

Dass ein Teenager illusionslos über Sex und Liebe schreibt, dass Francoise Sagans Hauptfigur ihre Intelligenz dazu nutzt, die Erwachsenen gegeneinander auszuspielen, bis jemand zu Tode kommt: Das wurde damals, 1954, als skandalös empfunden – und Sagan als neuer existenzialistischer Frauentypus vermarktet, bis nach Hollywood. Mittlerweile provoziert das nicht mehr. Doch die genaue Seelenkenntnis der Autorin, die sich im sogenannten "kleinen Monster" Cécile entfaltet, beeindruckt bis heute. Regisseur und Bearbeiter Uli Lampen hat den Text stilsicher auf eine Stunde gerafft, Dialoge hinzuarrangiert und schafft es, mit makellosen Geräuschen und einer Musikkomposition à la Nouvelle-Vague das passende Kopfkino zu erzeugen.

Das beim Audio Verlag erschienene Hörspiel "Bonjour tristesse" ist eine elegante Hommage an die Autorin, tres chic und abgründig zugleich.


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