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Hörbuch der Woche "Aufstoßen der Fenster" von HEYM

Der Schriftsteller Stefan Heym gehört zu jenen Autoren, bei dessen Lebenslauf einem ein bisschen schwindlig werden kann. 1913 in Chemnitz geboren, 1931 nach Berlin, 1933 Flucht vor den Nazis nach Prag und schließlich in die USA. Er wird US-Staatsbürger, verlässt Anfang der 50er Jahre Amerika und kehrt zurück nach Europa. In der DDR legt er sich mit der SED an und hält 1994 die Eröffnungsrede im Bundestag. 2001 stirbt Stefan Heym in Israel. Beim Verlag Argon ist nun eine CD erschienen, deren Autoren sich als Trio schlicht "HEYM" nennen – für Annegret Arnold das "Hörbuch der Woche".

Von: Annegret Arnold

Stand: 22.11.2021

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

1931 hätte Stefan Heym, der damals noch Helmut Flieg hieß, eigentlich sein Abitur machen sollen, doch er durfte nicht. Er wurde wegen eines antimilitaristischen Gedichts in Chemnitz von der Schule geworfen und musste es dann ein Jahr später in Berlin nachholen. Trotz dieser Erfahrung, welch unmittelbare Folgen seine Veröffentlichungen für ihn haben können, schreibt er weiter. Zum einen Beiträge für verschiedene Berliner Zeitschriften, etwa Ossietzkys "Weltbühne", zum anderen Lyrik. In den Jahren von 1933 bis 1936, also in der Zeit, in der er von Berlin nach Prag und schließlich in die USA flieht, entstehen eine ganze Reihe politischer Gedichte, antifaschistische Klassenkampflyrik, mal wütend, mal still. "Ich aber ging über die Grenze, nichts nahm ich mit mir als meinen Hass, den pflege ich nun" hält er etwa 1933 seine Flucht nach Prag fest. Er ist damals gerade einmal 20 Jahre alt.

Anlässlich von Stefan Heyms 20. Todestag am 16. Dezember hat der Schauspieler und Musiker Robert Stadlober gemeinsam mit Klara Deutschmann und Daniel Moheit die Gedichte dieses jungen Stefan Heym vertont.

"Ich aber ging über die Grenze./ Nichts nahm ich mit mir / Als meinen Hass. / Den pflege ich nun. / Täglich begieße ich ihn / Mit kleinen Zeitungsnotizen / Von kleinen Morden, / Nebensächlichen Misshandlungen / Und harmlosen Quälereien."

Zitat aus Hörbuch

Politischer Frust, Weltschmerz, Flucht und Fremde, aber auch Hoffnungsschimmer und zarte Momentaufnahmen – all diese Themen klingen in Heyms Gedichten an und zwar in einer ganz unmittelbaren und emotionsstarken Sprache – "die ideale Vorlage für Popsongs" sagt der Schauspieler und Musiker Robert Stadlober in einem Interview. Und das ist es, was das Trio Stadlober/Moheit/Deutschmann tun: Heym in Pop übersetzen. In sparsamer Instrumentierung - Gitarre, Akkordeon, Oboe und Gesang -  bettet das Trio diese mal wütenden, mal verletzlichen Lyrics des jungen Heym in melancholische Songs.

"Du darfst nicht denken, dass ich schüchtern bin / Ich kann nur manchmal nicht so wie ich will /Mein Herz schlägt langsam und unheimlich still / und alle Leidenschaftlichkeit wird ohne Sinn. / Dann stehe ich da und habe an den Händen / ein schweres, schweres, ziehendes Gewicht. / Nur meine Augen hängen an den Wänden / und in der Iris funkelt Licht"

. Zitat aus Hörbuch

Zart, berührend, aufrüttelnd. Das Trio Stadlober/Deutschmann/Moheit hat geschafft, was sich eigentlich nur jeder Autor, jede Autorin wünschen kann: eine Interpretation des eigenen Werks, die 90 Jahre nach ihrem Entstehen, einen ganz neuen Zugang schafft. Das Hörbuch "Vom Aufstoßen der Fenster", mit vertonten Gedichten von Stefan Heym, ist bei Argon erschienen.


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