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Hörbuch der Woche "Afghanische Reise" von Roger Willemsen

Roger Willemsen hat zahlreiche Afghanistan-Reisen gemacht bis zu seinem Tod 2016. Nach seiner letzten Reise vom Herbst 2012 hat Willemsen einen Reise-Bericht zusammen mit Kinder-Bildern und Texten verfasst. Sechs Jahre zuvor hat der Autor eine afghanische Freundin auf ihrem Weg in die Heimat begleitet - von Kabul nach Kundus und durch die Steppe des Flusses Oxus. Damals 2006 erwachte das Land gerade nach einer über 25 -jährigen Kriegsgeschichte.

Author: Isabelle Auerbach

Published at: 3-10-2022

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

In seinem persönlichen Bericht dieser abenteuerlichen Reise zeigt der Autor nicht nur ein düsteres Bild, sondern auch glückliche Momente wie etwa die einer von Roger Willemsen organisierten Kinovorführung für Frauen und Kinder.

Faszinierend an Roger Willemsens persönlichem Reisebericht sind seine genaue Beobachtungsgabe und seine differenzierte, zuweilen poetische, Ausdrucksfähigkeit. Dennoch kaschiert er weder die Härte noch die Brutalität der Geschichte Afghanistans. 2006 begleitete Willemsen seine afghanische Freundin Nadia durch das erwachende Land. Nadia stammt aus Kundus und ist eine der Mitgründerinnen des afghanischen Frauenvereins, dessen Schirmherr Willemsen bis zu seinem Tod war. Der Autor zeigt seine Verbundenheit mit den Menschen in Afghanistan verdeutlicht seine Grundüberlegungen, die für alle interkulturellen Begegnungen gelten:

"Die eigene Kultur in Frage stellen: Wie bewege ich mich, wie lächle ich, wann berühre ich mein Gegenüber? Ist mein Gesprächsstil frontal, konfrontativ, evasiv, ornamental? Welchen Ausdruck wähle ich im Trost. Nichts von dem, was wir psychologisch nennen, hat hier noch diese Bedeutung. … Was wir rührend finden, wird vom afghanischen Erzähler bloß protokolliert, was uns erschreckt, darf ihn nicht klein werden lassen. … Einer sagt: Die Amerikaner haben erst seit 120Jahren Elektrizität, wir haben seit 4000 Jahren Kultur."

  Zitat aus Hörbuch

Eine Kultur, die gezeichnet ist von Kriegen und Terrorherrschaft und von Besetzungen durch die Sowjets und nach dem 11. September 2001 die Amerikaner mit ihren Verbündeten.
Willemsen hat auf seiner Reise mit Generälen sowie mit einfachen Frontsoldaten gesprochen, mit ehemaligen Mudschaheddin und Taliban-Funktionären. Er hat Nomaden und junge Fußballerinnen getroffen - in einem Fußballstadion in Kabul, in dem auf dem kahlen und verbrannten Rasen Spuren dieser unfassbaren öffentlichen Hinrichtungen zu erkennen sind. Der traumatisierte Fußballtrainer erzählt davon:

"Vorne stand mit dem Mikrofon der Mullah und erklärte, um welche Tat und um welche Strafe es sich handelte. Er sprach das Urteil. Dann wurde einem aus der Familie der Revolver überreicht, und er musste dann das eigene Familienmitglied erschießen - nicht mit einem Schuss, mit dreien: in Kopf, Brust und Bauch. Einige der Familienmitglieder sind dabei so durchgedreht, dass sie ganz viele Schüsse abgegeben haben, aus Angst etwas falsch zu machen."

Zitat aus Hörbuch

Matthias Brandt, der auch andere Reiseberichte von Willemsen gelesen/interpretiert hat, wie etwa „Deutschlandreise“, wird mit seiner ruhigen und basslastigen Stimme  an diesen hochemotionalen Stellen im Hörbuch höher und dünner. So macht er die Beklemmung hörbar. Insgesamt wählt Brandt für die ungekürzte Hörbuchfassung einen passenden melancholischen Stil, stets mit viel Empathie. Den Ton der hoffnungsvollen und humorigen Passagen trifft er ebenfalls hervorragend, etwa dann, als es um den Fernseh-Werbetext geht für eine von Willemsen initiierte Filmvorführung für Kinder und Frauen:  

"Muss es 'Humanist und Afghanistanfreund' heißen?'
'Wir können deinen Namen nicht nennen. Namen sind zu gefährlich!'
'Dann den Beruf!'
'Dann werden sie ihn sofort entführen wollen.'
'Aber Humanist?'
'Das ist gut, das versteht niemand."

Zitat aus Hörbuch

Neben den erschreckenden Beschreibungen von Gewalt, Terror und Armut erzählt der Autor auch die Geschichte seiner afghanischen Freundin Nadia - außerdem von einer festlichen Verlobungsfeier mit ausgelassenen Tänzen sowie vom Aufbruch in eine hoffnungsvolle Zukunft für Mädchen in den neuen geschlechtergemischten Schulen in den Bergen:

"'Heute ist es besser', sagen alle im Chor.
Warum?
Weil wir nicht getötet werden, weil wir Muslime sein dürfen, weil wir Ärzte, Lehrer, Ingenieure werden wollen."

Zitat aus Hörbuch

Und heute 2022? Alles wieder anders, ein Jahr nach der erneuten Machtübernahme der Taliban. Es bleibt der hoffnungsvolle Appell, den Roger Willemsen damals mitgenommen hat auf seinem Rückflug nach Deutschland:

"Senda baschi! hat Mirwais gesagt. Du sollst leben. Als ich Afghanistan unter mir liegen sehe, denke ich nichts anderes."

Zitat aus Hörbuch

Das gut 5-stündige Hörbuch „Roger Willemsen: „Afghanische Reise“, gelesen von Matthias Brandt, ist bei tacheles roof-music erschienen.  Die gesamten Einnahmen dieser Produktion gehen an den Afghanischen Frauenverein, bei dem Willemsen bis zu seinem Tod Schirmherr war.


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