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Hörbuch der Woche "Der geheimnisvolle Briefschreiber" von Marcel Proust

Mit seinem siebenbändigen Hauptwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gilt Marcel Proust neben James Joyce und Virginia Woolf als einer der prägenden Autoren des modernen Romans. Jetzt sind fast hundert Jahre nach seinem Tod bisher unter Verschluss gehaltene Text aufgetaucht, die unter dem Titel "Der geheimnisvolle Briefschreiber. Frühe Erzählungen" als Buch und Hörbuch herausgekommen sind. Die beim Hörverlag erschienen Fassung ist für Bernhard Jugel das Hörbuch der Woche. Es gibt zahlreiche Verfilmungen und Hörspielbearbeitungen.

Von: Bernhard Jugel

Stand: 25.06.2021

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Niemals, niemals! - Ich wiederholte mir die Worte, die sie zu mir gesagt hatte, und die durch die fürchterliche Stille des Wartens, die ihnen vorausgegangen und der Verzweiflung, die ihnen gefolgt war, mich zum ersten Mal mein Herz hatten schlagen hören lassen."

Zitat aus Hörbuch

Sätze wie dieser sind typisch für den Gefühlsseismographen Marcel Proust, der menschliche Empfindungen mit Worten gleichsam zu sezieren vermag, der in seinen Beschreibungen der inneren wie der äußeren Welt immer Wert auf äußerste Genauigkeit legt. Solche Passagen finden sich immer wieder in den jetzt als "Frühe Erzählungen" publizierten und in einer Produktion des Hessischen Rundfunks eingelesenen Texten, die freilich nicht alle Erzählungen sind, sondern manchmal nur kurze Skizzen, die auch mal mitten im Satz abbrechen, manchmal Essays, manchmal Mischformen aus beidem. Die einzige längere Erzählung ist die Titelgeschichte "Der geheimnisvolle Briefschreiber".

"Madame, seit langem liebe ich sie, aber ich vermag weder, es ihnen zu sagen, noch es ihnen nicht zu sagen. Verzeihen sie mir. Irgendwie hat mich alles, was man mir  über ihr geistiges Leben, die einzigartige Vornehmheit ihrer Seele erzählt hat, davon überzeugt, dass ich nach einem bitteren Leben in ihnen allein die Süße, nach einem abenteuerlichen Leben den Frieden, nach einem Weg in Ungewissheit und Finsternis den Weg zum Licht finden würde."

Zitat aus Hörbuch

Als Francoise in ihrer Wohnung diesen Liebesbrief findet, ahnt sie nicht, dass dahinter ihre beste Freundin Christiane steckt. Als Francoise mit Entsetzen und Ablehnung auf den geheimnisvollen Briefschreiber reagiert, verschlimmert sich die Krankheit ihrer Freundin. Der Arzt vermutet psychische Ursachen und redet von einem Geliebten, der wohl schnelle Besserung bewirken könne. Durch einen Zufall entdeckt Francoise, dass der Briefschreiber kein Mann, sondern ihre beste Freundin war. Darf sie deren Liebeswerben  nachgeben, um vielleicht ihr Leben zu retten. Ihr Beichtvater, dem sie ihr Dilemma in verklausulierter Form erzählt, argumentiert ganz im Sinne christlicher Moral:

"Das hieße doch, die Schwäche eines Kranken auszunutzen, und das Opfer seines Lebens, das er mit selbstlosem Herzen und der Reinheit derer, die er liebt, dargebracht hat, zu beschmutzen, zu entwerten, zu hintertreiben, zunichte zu machen. Das ist ein schöner Tod!"

Zitat aus Hörbuch

Francoise folgt dem Rat ihres Beichtvaters, die Freundin stirbt. Die Thematisierung homoerotischer Beziehungen vermutet der Literaturwissenschaftler Luc Fraisse als Grund dafür, dass Proust diese Texte zeitlebens unter Verschluss gehalten und nicht einmal engen Freunden davon erzählt hat. Vielleicht hielt er sie auch nur für Fingerübungen – aber selbst als solche sind aufschlussreich, denn alles was später sein Hauptwerk zu Weltliteratur machen sollte ist hier schon angelegt: die Empfindsamkeit, die Lust am Leid, die  präzise und poetische Sprache, von dem deutsch-französische Schauspieler Cédric Cavatore hier auf meisterliche Weise zum Leben erweckt.

"Wie trist und düster wäre das Leben für all diejenigen unter uns, die keine Genies sind, wenn nicht Maler, Musiker und Dichter sie zur Entdeckung der äußeren wie der inneren Welt geführt hätten!"

Zitat aus Hörbuch

"Der geheimnisvolle Briefschreiber" - Frühe Erzählungen von Marcel Proust ist beim Hörverlag erschienen.


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