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Hörbuch der Woche James Baldwin: "Ein anderes Land"

James Baldwin war einer der bedeutendsten afro-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Werke sind in mehr als 25 Sprachen übersetzt worden. Er schaffte es als erster schwarzer Künstler auf ein Cover des Time Magazins. Baldwin engagierte sich in den 1960er und 70er-Jahren für die Bürgerrechtsbewegung im Süden der USA. So wurde er zur Ikone der Gleichberechtigung. Durch seine Romane "Giovannis Zimmer" und "Eine andere Welt" von 1962 wurde er berühmt. Für Isabelle Auerbach ist letzteres das Hörbuch der Woche.

Von: Isabelle Auerbach

Stand: 29.06.2021

Illustration: Buch | Bild: colourbox.com/Haivoronska_Y/Montage: BR

"Ein Nigger, sagte sein Vater, lebt sein ganzes Leben nach einem Beat, lebt und stirbt nach diesem Beat. Scheiße, fickt nach diesem Beat und das Baby, das er da reinschießt, das schlüpft danach und neun Monate später kommt es raus wie ein verdammtes Tamburin. Der Beat, Hände, Füße, Tamburin Drums, Piano, lachen, fluchen, Rasierklingen. Der Mann wird hart mit einem Lachen, einem Brummen einem Schnurren. Die Frau wird feucht und weich mit einem Flüstern, einem Seufzen, einem Schrei. Der Beat!"

Zitat Hörbuch

Rufus Vater meint den Beat von Harlem, den Beat von Rufus Herzschlag, der in ihm ist und ihn auf Schritt und Tritt verfolgt. Der schwarze Vater benennt die beiden Kernthemen in James Baldwins Roman von 1962: Rassismus und Sexualität. Den begnadeten schwarzen Jazz-Musiker und Schlagzeuger Rufus begleitet die Hoffnung, diese Themen hinter sich lassen zu können – in einem anderen Land.

"Manchmal lausche ich den Schiffen auf dem Fluss, dem Tuten und denke wäre das nicht toll wieder auf ein Schiff zu steigen und irgendwohin zu fahren, weg von diesen Nirgendwos - irgendwohin, wo ein Mensch behandelt wird wie ein Mensch."

Zitat Hörbuch

Doch James Baldwin entwirft keine Utopie in "Ein anderes Land". Vielmehr legt er den Finger in die Wunde der US-amerikanischen Gesellschaft Ende der 1950er-Jahre. Er thematisiert die Tabus der damaligen Zeit: Bisexualität, Liebesbeziehungen zwischen Weißen und Schwarzen und Homosexualität. Da Rufus, die Hauptfigur des ersten Teils, diese Dinge nicht überwinden kann, nimmt er sich das Leben. Er springt von einer Brücke. Der Freitod erlöst Rufus schließlich von diesem unerträglichen Beat des Lebens.


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