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Neues vom Buchmarkt "W." von Steve Sem-Sandberg

Neues vom Buchmarkt – heute mit einem Roman über jenen Mann, dem Georg Büchner sein Drama "Woyzeck" widmete: "W." von Steve Sem-Sandberg.

Von: Knut Cordsen

Stand: 30.06.2021

Illustration: Buch | Bild: colourbox.com/Haivoronska_Y/Montage: BR

"If you really write a good novel – and this is my belief at least - ... Ich habe ein Credo: Wenn du einen richtig guten Roman schreiben willst, sagen wir einen Roman über historische Personen und Tatsachen, dann solltest du darin nicht das vermitteln, was jedes Geschichtsbuch dem Leser vermitteln kann. Das Ziel der Literatur muss immer sein, den Menschen und seine Gedankenwelt zu durchdringen, also zu verstehen, was sich im Inneren jener Figur abspielt, die du ins Zentrum deines Romans stellst ... within the character the novel is focussed on."

Zitat Steve Sem-Sandberg

Steve Sem-Sandberg ist einer der großen Ausleuchter menschlicher Geisteszustände, - das hat dieser Autor schon mit seinen Romanen "Die Elenden von Łodź", "Theres" und "Die Erwählten" bewiesen, die allesamt um Menschen in Extremsituationen kreisen: ob es die Bewohner des jüdischen Ghettos sind, die Insassen einer berühmten österreichischen Psychiatrie oder ob es eine RAF-Terroristin in der Gefängniszelle von Stuttgart-Stammheim ist. In seinem jüngsten Roman, der unlängst unter dem Kürzel "W." auf Deutsch erschienen ist, spürt der 62-jährige Autor dem Schicksal Johann Christian Woyzecks nach – jenes Woyzeck, der Georg Büchner zu einem Trauerspiel und Werner Herzog 1979 zu einem Film inspiriert hat. Am 21. Juni 1821 stach dieser Mann seine Geliebte Johanna Christiane Woost mit mehreren Messerhieben nieder, tötete sie in einem Zustand geistiger Umnachtung, wie die allzu poetische Umschreibung dafür lautet.

"Somehow this kind of charakter – it doesn’t necessarily had to be the real historic character Johann Christian Woyzeck' ... Ich habe mich dieser Art Persönlichkeit, die Johann Christian Woyzeck verkörpert, immer sehr nahegefühlt. Mich hat die Lektüre von Büchners ‚Woyzeck‘ damals vollkommen gefesselt.  Ich kann nicht genau erklären, warum mir diese Figur so nahegeht. Ich weiß nur: An diesem Buch habe ich länger als an allen übrigen gearbeitet – und doch fiel es mir paradoxerweise am leichtesten, es zu schreiben'... the most easiest to me to write – which is a paradox, really, but that is how it was."

Zitat Steve Sem-Sandberg

Der "Fall Woyzeck", das Faszinosum hält an. Steve Sem-Sandberg kommt ihm in seinem Dokumentarroman sehr nahe. Der schwedische Schriftsteller vermutet, dass der brutale Mörder, der Kapitalverbrecher "W." als langjähriger Söldner unter dem gelitten hat, was heute als besonders gravierende Form einer "posttraumatischen Belastungsstörung" diagnostiziert werden würde.

"You understand that this man might be brutalized by war, ... Dieser Mann wurde durch den Krieg verroht und brutalisiert, die Erlebnisse im Krieg, die ich schildere, haben ihn mental vollkommen zerstört, so nehme ich an. Zugleich erkennen wir in den überlieferten Dokumenten, den ärztlichen Gutachten und Gerichts-Protokollen einen hochgradig sensiblen Menschen. Nur hatte er nicht die Worte, dies auszudrücken. Schon Büchner legte sie Woyzeck in den Mund. Im Gespräch dem Doktor, ich zitiere das in meinem Buch, redet er über Pilze auf dem Wald. Es heißt da: 'Die Schwämme, Herr Doktor, da, da steckt’s. Haben Sie schon gesehen, in was für Figuren die Schwämme auf dem Boden wachsen? Wer das lesen könnt.' ... the strange patterns they form. If it would be possible to read them."

Zitat Steve Sem-Sandberg

Steve Sem-Sandberg ist auch mit seinem neuen Werk ein meisterhaftes Psychogramm gelungen. Die Lektüre von "W." ist so erhellend wie spannend – und sie hallt nach im Leser. Aus dem Schwedischen übersetzt hat den Roman "W." Gisela Kosubek. Erschienen ist das Buch bei Klett-Cotta zum Preis von 25 Euro.


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