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Neues vom Buchmarkt "Brief an Mama" von Mikael Torfason

Mikael Torfason, 1974 in Reykjavik, Island, geboren, hat zahlreiche Drehbücher, Theaterstücke, Gedichte und Romane veröffentlicht. Im Jahr 2018 brachte er gemeinsam mit dem isländischen Regisseur Arnasson eine autobiographische Fassung der EDDA auf die Bühne des Theaters Hannover. Torfason lebt mit seiner Familie in Wien. Jetzt ist der dritte Teil seiner Familiengeschichte erschienen: "Brief an Mama". Sabine Zaplin hat das Buch gelesen.

Von: Sabine Zaplin

Stand: 03.02.2021

Illustration: Buch mit Wochentagen | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Islands; seine Theaterstücke stehen auf dem Spielplan des Wiener Burgtheaters; er hat bisher sieben Romane veröffentlicht, darunter eine Trilogie über seine Eltern und sein Aufwachsen in Island.

"Meine Mutter und ich haben den Kontakt verloren, als ich fünf Jahre alt war. Sie war krank, verrückt, und schloss sich den Zeugen Jehovas an. Als ich Teenager war, hasste ich sie."

Zitat Mikael Torfason

"Brief an Mama" heißt der dritte Teil von Mikael Torfasons isländischer Familientrilogie. Er ist jetzt in der deutschen Übersetzung von Tina Flecken im Verlag Stroux Edition erschienen.

"Es ist eine unendliche Geschichte. Unsere Geschichte, Mama. Wir werden nie müde, sie zu erzählen. Sie gemeinsam zu rekapitulieren. Du wirst dir niemals verzeihen, und ich werde nie aufhören, dich zu vermissen. Es ist wie eine Pattsituation, aus der es keinen Ausweg gibt."

Zitat aus Brief an Mama

Mikael hat keine guten Startbedingungen ins Leben. Er leidet an einer schweren Darmerkrankung, doch als Zeugen Jehovas verweigern seine Eltern zunächst die lebensrettende Bluttransfusion. Als Mikael fünf Jahre alt ist, trennen die Eltern sich und Mikael wächst zusammen mit seinem älteren Bruder beim Vater auf, einem schweren Alkoholiker. Doch die Mutter, die an Depressionen leidet, ist in jener Zeit noch weniger in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern. "Brief an Mama" beginnt mit einer fast alptraumhaften Erinnerung Torfasons an einen Tag, an dem die Mutter ihn für ein gemeinsames Wochenende gleich von der Schule abholen sollte. Durch ein Fenster im Schulhaus sieht der Junge das Auto der Mutter auf der Straße vorfahren, doch als er die Treppe hinunter und aus dem Schulhaus gerannt ist, fährt das Auto der Mutter davon.

"Im Traum renne und renne ich, ohne dich jemals einzuholen. Ich renne über den Schulhof, und der alte Lada verschwindet aus meinem Blickfeld. In einem anderen Traum haste ich die Treppen in einem Mehrfamilienhaus hinauf und klopfe an alle Türen, weil ich dich suche, Mama, aber ich finde dich nirgendwo."

Zitat aus Brief an Mama

So wird der "Brief an Mama" zu einer Suche - und gleichzeitig zu einer Geschichte darüber, wie jemand zum Schriftsteller wird. Mikael Torfason erzählt von seinen ersten Schreibversuchen, von seinen Berufsanfängen als Redakteur bei einer Tageszeitung in Reykjavik, vom Erscheinen seines ersten Romans "Falscher Vogel", der dem damals 20-Jährigen auf einen Schlag die Aufmerksamkeit der literarischen Öffentlichkeit Islands bescherte. Einer seiner damaligen Helden war der isländische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Halldor Laxness, und in "Brief an Mama" erzählt Torfason, wie er den damals schon hochbetagten Laxness in einer Reha-Klinik aufsucht.

"In der Mitte des Zimmers saß ein Greis auf einem Stuhl. Er hatte tiefe, dunkle Furchen im Gesicht, und der offen stehende Mund war ihm auf die Brust gesunken. Ich stand einfach nur da und musterte den großen Schriftsteller, bis er plötzlich die Augen aufschlug, vor sich hinstarrte und stöhnte. Das war die einzige Interaktion zwischen Halldor Laxness und mir. Er stöhnte, und ich bekam kalte Füße."

Zitat aus Brief an Mama

"Brief an Mama" ist vieles: Portrait eines Künstlers als junger Mann, Revue der isländischen Gesellschaft der 80er und 90er Jahre, Abrechnung mit den Eltern und Suche nach einer anwesend abwesenden Mutter. Vor allem aber ist dieser Brief eines: eine wunderbare, bittersüße Erzählung. Erschienen bei Stroux Edition.


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