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"Vielfalt im Film" Diskriminierung vor und hinter der Kamera

Über Diskriminierungserfahrungen berichten filmschaffende Schwarze und People of Color seit Jahren. Jetzt wurden in der Studie "Vielfalt im Film" unter 6000 Filmschaffenden in Deutschland erstmals genaue Zahlen zu Diskriminierung vor und hinter der Kamera ermittelt.

Von: Eva Völker

Stand: 01.04.2021 10:29 Uhr

Grafi "Vielfalt im Film" | Bild: Marcus Mazzoni

Drogendealer, Geflüchteter, Barkeeper. Solche Rollen wurden Schwarzen Schauspielern wie dem Österreicher Tyron Ricketts regelmäßig angeboten. Dass er einfach auch mal einen Arzt, Richter oder Lehrer spielen darf, kommt im deutschen Fernsehen äußerst selten vor. Mit Kritik an stereotypen Darstellungen von People of Color hat Tyron Ricketts schlechte Erfahrungen gemacht.

"Besonders schmerzhaft wird es, wenn man mit Regie oder Produktion darüber spricht, dass zum Beispiel eine Rolle sehr rassistisch angelegt ist und da nicht verständnisvoll reagiert wird. Wenn man es böse betrachtet, dann ist das so, aber wenn sie es nicht machen, dann macht es halt ein anderer."

Tyron Ricketts

Solche subjektiven Erfahrungen sind es, die Filmschaffende aus Einwandererfamilien seit Jahren machen. Jetzt sind erstmals in der Studie "Vielfalt im Film" Zahlen dazu erhoben worden. Über 6000 Filmschaffende in Deutschland wurden zu Diskriminierung vor und hinter der Kamera befragt. Deniz Yildirim von Citizens for Europe hatte die wissenschaftliche Leitung.

"Überraschend ist für uns, wie stark die Ungleichbehandlung ist und wie stark die Diskriminierungserfahrungen sind. Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass Menschen mit Rassismuserfahrung, also BPoC öfter freiberuflich tätig sind, sie sind seltener in unbefristeten Verträgen. Da ist ein Unterschied von 20 Prozent zwischen rassistisch privilegierten und deprivilegierten Personen."

Deniz Yildirim, Citizens for Europe

Welche Geschichten werden erzählt?

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Im Schnitt verdienen Schwarze und People of Color in der Filmbranche 700 Euro monatlich weniger als ihre weißen Kolleginnen und Kollegen. Lediglich bei den Schauspielerinnen und Schauspielern verschwinden die Gehaltsunterschiede. In dieser Berufsgruppe sind Schwarze und People of Color mit 18 Prozent relativ häufig vertreten. Deutlich seltener sind BPoC in Positionen, die über die Besetzung von Filmen und die Gestaltung entscheiden, also darüber, welche Geschichten erzählt werden. Was das bedeuten kann, musste der freie deutsch-chinesische Autor und Filmemacher Dieu Hao Do erleben.

"Ich bin Deutscher. Ich werde als asiatisch gelesen. Aber ich bin deutsch sozialisiert, in Deutschland geboren, mir ist es auch schon vorgekommen, in dem Redaktionsgespräch, in dem zwei asiatisch-deutsche Stoffe in der Gesprächsrunde waren, dass ich von der Redaktion gesagt bekommen habe, wir können nicht zwei asiatische Filme machen. In dem Moment wurde ich 'anders' gemacht. (…) In diesem Moment wird mir die Individualität abgesprochen, werde ich entmenschlicht, als Asiate abgestempelt, in eine Kategorie gepackt."

Dieu Hao Do

Rassistische Diskriminierung in der Film- und Fernsehbranche äußert sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Angefangen beim Absprechen von Kompetenzen, über rassistische Sprache, bis zu Witzen mit dem N-Wort.

Klischeehafte oder stereotype Darstellungen können sogar gefährlich sein, sagt der Filmemacher Dieu Hao Do, der sich in der Initiative "Vielfalt im Film" engagiert, die die Studie in Auftrag gegeben hat. Mit Blick auf die rassistisch motivierten Morde an asiatisch-stämmigen US-Bürgerinnen in Atlanta warnt er:

"Wir sehen ganz stark, was Bilder im Kopf machen gesellschaftlich. (…)  Inwieweit Medien Verantwortung haben, um Meinungen zu bilden, die eine Reduzierung von Menschen mit Diskriminierungserfahrungen darstellt. Und dass das ganz konkret Konsequenzen hat. Es schürt Diskriminierung, es schürt Rassismus und es schürt Gewalt."

Dieu Hao Do

70 Prozent der Betroffenen machen keine Meldung zu Diskriminierungserfahrungen

Durch Vielfalt vor und hinter der Kamera könnten Klischees und Stereotype und die immer wieder erzählte eurozentrische Perspektive aufgebrochen werden.

"Wenn ich mir vorstelle, dass ich als asiatisch gelesener Mann mit einer Schwarzen Frau zusammenarbeite, mit einer iranischen Kameraperson, mit queeren Schauspielern. Das ist ja eine Vielfalt von Erfahrungen. Es entstehen andere, diversere Geschichten mit anderen Inspirationen, neuen Inspirationen."

Dieu Hao Do

Doch bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg. Auch im Umgang mit Diskriminierungen in der Film- und Fernsehbranche liegt einiges im Argen. Der Umfrage zufolge machen 70 Prozent der Betroffenen keinerlei Meldung zu Diskriminierungserfahrungen im Arbeitskontext.

"Mehr als die Hälfte sagt, dass die Meldung keine Konsequenzen hatte. Jede fünfte Person sagt, dass die Diskriminierung weiter stattgefunden hat, sogar fünf Prozent sagen, dass es sogar schlimmer geworden ist. (…) Das zeigt, dass in der Filmbranche die Projektabhängigkeit eine große Rolle spielt. Feste Ansprechpersonen, Beschwerdestellen, es braucht einen Code of Conduct."

Deniz Yildirim

In diesem Zusammenhang ist die Politik gefragt. Auch in der wichtigen Frage der Filmförderung. Tyron Ricketts hatte vor einiger Zeit bei der Staatsministerin für Kultur und Medien angeregt, die Filmförderung von einer Diversitätsquote abhängig zu machen, wie es sie auch in Großbritannien gibt.

"Ich bin da aber gegen Wände gelaufen. Ich bin verwiesen worden auf den Staatsrundfunkvertrag und ich möchte mich bitte an die Fernsehräte wenden. Da kam bisher nicht viel. Aber ich hoffe, dass wir mit den harten Zahlen jetzt weiterkommen auch auf der Politikseite."

Tyron Ricketts


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