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Im Gespräch bleiben Eine Dialogwerkstatt vernetzt interreligiöse Initiativen

Wie kann das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft gelingen? Die Eugen-Biser-Stiftung und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung wollen mit einer "Dialogwerkstatt", interreligiöse Initiativen bekannter machen und deren Vernetzung fördern.

Von: Roswitha Buchner

Stand: 27.11.2020

Postkartenserie, "Fest der Bäume", Anna-Lena, 11 Jahre | Bild: Abrahamisches Forum in Deutschland e.V.

Johanna Hessemer geht oft raus in die Natur. Für das Projekt "Religionen für biologische Vielfalt" bietet die Religionswissenschaftlerin Gehmeditationen im Wald oder auch mal den Besuch beim Imker für Schulklassen an. Diese praktischen Natur Erkundungen sind neben Vorträgen über Klimaschutz und Artenvielfalt fester Bestandteil des deutschlandweiten interreligiösen Projekts, das das Abrahamische Forum in Darmstadt initiiert hat. Gestartet hat es 2015 mit einer "Gemeinsamen Erklärung" zum Schutz der Natur und der Artenvielfalt, die Vertreter von neun Religionen, unter anderem Judentum, Christentum und Islam - unterzeichnet haben.

"Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich dafür einzusetzen und wenn wir dann sehen, dass 77 Prozent der Weltbevölkerung eine Religion haben und Religionen sich ja auch der Schöpfung verschrieben haben, dann sehen wir, dass wir die Religionsgemeinschaften auch ein bisschen in die Verantwortung ziehen müssen, dass sie dafür was tun."

Johanna Hessemer

Das Projekt möchte deshalb Religionsgemeinschaften und ihre Mitglieder dafür gewinnen, sich für die Erhaltung und Bewahrung der Natur mehr zu engagieren. Denn das sei eine wesentliche Botschaft aller Religionen.

"Wenn wir in die Schriften schauen, finden wir ganz viele Geschichten über den Naturschutz und wie der Umgang mit der Natur zu handhaben ist. Im Islam, da gibt es eine Sure, die heißt 'Die Biene', und die ist auch tatsächlich nur der Biene gewidmet. In der Bibel finden wir diesen Ausspruch von dem Land, in dem Milch und Honig fließt, das Land, wo es alles gibt."

Johanna Hessemer

Seit Bestehen des Projekts "Religionen für biologische Vielfalt" wurde schon viel angestoßen: Etwa die Initiative "Ramadan plastic fast", die Moscheegemeinden dazu animieren will bei den Iftar-Feiern zum Fastenbrechen kein Einmalgeschirr mehr zu verwenden. Geplant ist aber noch mehr, sagt Johanna Hessemer, zum Beispiel religiöse Orte in Orte der biologischen Vielfalt umzuwandeln.

"Religionen für biologische Vielfalt" ist eines von vielen erfolgreichen gemischtkonfessionellen Projekten, die in den letzten Jahren entstanden sind. Wie etwa die Drei-Religionen Schule in Osnabrück, in der jüdische, christliche und muslimische Schüler konfessionsübergreifend zusammen lernen. Oder das Projekt "Weißt du, wer ich bin?", das sich für interreligiöse Zusammenarbeit in der Flüchtlingshilfe einsetzt.

"Des Weiteren gibt es Akteure, die neue Verbünde schaffen für eine gemeinsame Zusammenarbeit. Hier sind Projekte wie 'Dialogperspektiven' für Studierende unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen zu nennen, aber auch die 'Räte für Religionen' in Kommunen."

Stefan Zinsmeister, Eugen-Biser-Stiftung

Die Eugen-Biser-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung eine interreligiöse "Dialogwerkstatt" ins Leben gerufen. Mit dem Ziel all diese gemischtkonfessionellen Initiativen und Projekte in der Gesellschaft bekannter zu machen und vor allem zu vernetzen. Denn sowohl Dialogbeauftragte der Religionsgemeinschaften als auch interreligiöse Dialoginitiativen ermöglichen Begegnungen zwischen den unterschiedlichen Religionen und stärken so das Zusammenleben:

"Diese gemischtkonfessionellen Dialoginitiativen sind im Grunde genommen Vorbild für die gesamte Gesellschaft, denn sie bauen nicht nur wechselseitiges Vertrauen auf, sondern sie schaffen auch eine konstruktive Gesprächs- und Streitkultur."

Sabine Exner-Krikorian, Eugen-Biser-Stiftung

Gerade in Zeiten wie diesen, in welchen die Furcht gegenüber dem vermeintlich "Anderem" wächst, Übergriffe auf Synagogen und Moscheen zunehmen und wachsender Populismus die politischen Debatten verschärft, müssen die Religionsgemeinschaften zusammenhalten, sagt Sabine Exner- Krikorian. In diesem Sinne schafft es die Dialogwerkstatt der Eugen-Biser-Stiftung nicht nur dem Hass und der Spaltung Frieden und Solidarität entgegenzusetzen, sondern sie setzt damit ein ganz grundlegendes Zeichen für die religiöse und weltanschauliche Vielfalt.

Durch Veranstaltungen, gemeinsame Gebete, aber vor allem durch den Dialog auf Augenhöhe, leisten gemischtkonfessionelle Projekte und Initiativen wichtige Bildungsarbeit und beziehen Stellung zu gesellschaftlichen Themen. Wenn Stimmen gegen demokratische Grundrechte, Menschenrechte und Religionsfreiheit immer lauter werden, bedarf es eines verlässlichen Netzwerks, wie das der "Dialogwerkstatt", sagt Stefan Zinsmeister.

"Für die einzelnen Mitglieder bietet die 'Dialogwerkstatt' einen Raum des Austausches. In der Öffentlichkeit kann sie ein Zeichen setzen für das gelingende Zusammenleben einer religionsvielfältigen Gesellschaft."

Stefan Zinsmeister


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