BR Schlager - BR Schlager Treff


5

Gesundheitstipps Hat unser Immunsystem verlernt, sich zu wehren?

Es geht wieder los: das Schniefen und Husten. Ob in der Bahn, bei der Arbeit oder in der Kita, überall scheinen die Menschen plötzlich erkältet zu sein. Hat unser Immunsystem in der Corona-Zeit schlapp gemacht? Und wie können wir uns schützen?

Stand: 07.10.2021

Medizinisch hat uns eineinhalb Jahre fast nur das Thema "Corona" beherrscht. Dabei sind auch andere Viren unterwegs - jetzt im Herbst vor allem Erkältungs- und Grippe-Viren. Die sollten wir nicht unterschätzen, meint BR Schlager-Experte und Apotheker Dr. Peter Sandmann.

Daten des Robert Koch-Instituts zeigen, dass seit Juni deutlich mehr Menschen wegen akuter Atemwegsinfekte zum Arzt gehen als in vergangenen Jahren zu dieser Zeit. Sie haben aber keinesfalls immer das Coronavirus – laut RKI hatten sich die meisten Patienten, bei denen Abstriche genommen wurden, mit Rhinoviren und Parainfluenzaviren angesteckt, mit typischen Erkältungsviren also.

Ungewöhnlich viele RSV-Infektionen bei Kindern

Unter Kindern verbreitet sich gerade ein weiteres Virus, das eigentlich erst im Winter wieder Saison hätte: das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV). Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin warnte Ende Juli, dass für diese Jahreszeit ungewöhnlich viele RSV-Infektionen bei Kinder gemeldet wurden. In den USA, Großbritannien und der Schweiz mussten in den vergangenen Wochen sogar auffällig viele Kinder wegen eines solchen Infekts im Krankenhaus behandelt werden.

Hat das Masketragen unser Immunsystem geschwächt?

All das wirft eine Frage auf: Ist das Immunsystem in den Pandemiemonaten aus der Übung gekommen? Hat die lange Zeit des Maskentragens, Abstandhaltens und Händedesinfizierens den Körper so verweichlicht, dass sich nun alle den erstbesten Schnupfen einfangen und dann flach liegen?

Aktuelle Infekte sind nur die Vorboten

Auch wenn die Nachrichten alarmierend klingen, so schlimm ist die Lage aktuell noch nicht. Es sind zwar gerade mehr Menschen erkältet als in den vergangenen Monaten, aber der Eindruck einer massiven Erkältungswelle täuscht, sagt der Immunologe Carsten Watzl von der TU Dortmund. Unsere Wahrnehmung sei wahrscheinlich leicht verzerrt: Weil viele Menschen dank der Corona-Schutzmaßnahmen so lange nicht mehr erkältet oder vergrippt waren, fallen solche Atemwegsinfekte jetzt eben umso mehr auf, sagt Watzl.

"Patienten haben verlernt Infekte einzuschätzen"

Auch die Hausärztin Buhlinger-Göpfarth hat den Eindruck, viele Patienten hätten verlernt, Infekte einzuschätzen. Zu ihr kommen derzeit auch Menschen mit leichten Erkältungen, die eigentlich gar keine ärztlichen Behandlung bräuchten. Angesichts der Corona-Pandemie sei die Verunsicherung eben groß.

Immunsystem weiter schlagkräftig

Um aber einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Grundsätzlich ist das Immunsystem trotz des Maskentragens und der Hygienemaßnahmen noch immer schlagkräftig. Es habe sich während der Zeit des Lockdowns und der Schutzregeln nicht "so gelangweilt", sagt Watzl, dass es jetzt nicht mehr gut wirken könne. Die Immunabwehr ist also nicht per se schwächer geworden. Dennoch sieht Watzl die aktuellen Sommerinfekte als "Vorboten": Er hält es für sehr wahrscheinlich, dass im Herbst und Winter eine richtige Welle an Atemwegserkrankungen droht. Denn auf bestimmte Erreger ist das Immunsystem zurzeit tatsächlich weniger gut vorbereitet. 

WEniger SChutz vor Grippe und RSV durch Pandemie

Dabei geht es allerdings nicht um banale Erkältungen, vor denen sind die Menschen derzeit genauso gut oder schlecht geschützt wie vor der Pandemie. Probleme könnte es aber dort geben, wo das Immunsystem normalerweise gegen ganz bestimmte Erreger eine Immunität aufbaut. Gemeint sind Infektionen mit Influenza (Grippe) und dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV). Gegen diese zwei Viren sind viele Menschen jetzt nicht mehr gut gewappnet – und das hängt sehr wohl mit der Pandemie und den Schutzregeln zusammen. 

Im vergangenen Winter gab es dank der Corona-Maßnahmen nämlich schlichtweg keine Grippewelle: Wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) in der Grippesaison 2019/20 noch fast 200.000 Fälle von Influenza gemeldet, waren es im vergangenen Herbst und Winter gerade einmal 703 Fälle. Das war zunächst ein Grund zur Freude. Doch die Rechnung zahlen wir jetzt. Denn der menschliche Körper kann zwar eine gewisse Grundimmunität gegen Influenza und das RSV aufbauen. Diese müsse aber durch Infektionen regelmäßig aufgefrischt werden.

Nahrungsergänzungsmittel zur Immunsteigerung

Vor einer Erkältung kann sich niemand absolut schützen. Aber mit einem starken Immunsystem lässt sich der Erkältung etwas entgegensetzen oder der Virusangriff sogar im Keim ersticken. Um die körpereigene Abwehr zu unterstützen, kommen im Bereich der Selbstmedikation im Wesentlichen Nahrungsergänzungsmittel sowie pflanzliche, homöopathische und anthroposophische Präparate infrage. Bevor zu entsprechenden Mitteln gegriffen wird, gilt es, die Grenzen der Selbstmedikation auszuloten. Voraussetzung für eine intakte Immunabwehr ist auch eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen. Hierfür ist eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse von großer Bedeutung.


5