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Bergsteigen und Wandern im Aspromonte in Kalabrien Ausgetrocknete Flussbetten und griechische Sprachinseln

Wandern in Kalabrien ist nicht en vogue. Die Stiefelspitze Italiens ist für andere Dinge bekannt: für Traumstrände am Capo Vaticano und für seine Bergamotte.Doch allein der Nationalpark Aspromonte bietet jede Menge Tourenmöglichkeiten in dieser weitgehend unbekannten Region.

Von: Ernst Vogt

Stand: 14.02.2020

Kalabrien: Das Geisterdorf Roghudi | Bild: BR/Ernst Vogt

Im Nationalpark Aspromonte begegnen Sie Orten, von denen Sie noch nie zuvor gehört haben: Staiti, Roghudi und Bova, um nur einige zu nennen. Es ist eine richtige Berggegend mit Bergdörfern. Der klingende Name des Nationalparks lässt sich leicht erklären.

Nationalpark-Führerin Sabine Ment

Die autorisierte Nationalpark-Führerin Sabine Ment kennt zwei Theorien: Der Name könnte vom griechischen Wort „aspros“ kommen, was so viel wie „weiß“ bedeutet. Der höchste Gipfel des Aspromonte, der 1.956 Meter hohe Montalto, ist sechs Monate im Jahr schneebedeckt. Nach einer zweiten Theorie kommt der Name vom lateinischen „asper“. Die Bezeichnung „der raue Berg“ würde genauso zutreffen.

Mare e monti

Die Kargheit der Landschaft lernen wir bereits bei unserer Eingehtour auf den Monte Cerasía kennen, gut 1.000 Meter hoch. Der Lohn, von Staíti aus 500 Höhenmeter aufzusteigen ist groß. Der Blick schweift über die südlichste Spitze Italiens bis weit hinaus ins Meer.

Die bayerischen Wanderer – allesamt Mitglieder einer Bayern 2-Rucksackradio- Wanderreise – haben sich gleich mit dieser besonderen Landschaft angefreundet. Der Gegensatz von Berg und Meer hat es ihnen angetan.

Enge Straße im Nationalpark

Der Nationalpark Aspromonte ist ein Park voller Überraschungen. Da gibt es die „Area grecanica“, die Region, in der noch griechisch gesprochen wird. Bova ist der Hauptort. Von dort wandern wir durch üppige Wälder. Aus dem Nebel taucht Serena Palermiti auf, die Geologin des Aspromonte. Sie erläutert, warum dieser Teil Kalabriens eine wichtige Rolle als Geopark spielen könnte: „Der Aspromonte ist geologisch ein Teil der Alpen, der vor vielen Millionen Jahren ins Zentrum des Mittelmeerraums gewandert ist“.

Wie ein Adlernest

Flussbett

Regen und Nebel begleiten unsere Wanderung. Das ist so gar nicht das, was man in Süditalien erwartet, aber die Stimmung im Wald ist mystisch. Auch an der Abbruchkante zum tiefer gelegenen Amendolea-Fluss treiben Nebelfetzen. Nur sporadisch wird der Blick frei und wir sehen das breite, trockene Flussbett, das sich wie eine silberne Schlange dem Meer entgegenwindet.

Auf der anderen Fluss-Seite das Geisterdorf Roghudi, das wie ein Adlernest auf einem Felskamm sitzt. Am Nachmittag nähern wir uns diesem verlassenen Ort zu Fuß, wandern mit gemischten Gefühlen von Ruine zu Ruine. Nationalpark-Führerin Sabine Ment kennt die Geschichte des Dorfes, das 1971 und 1973 jeweils von Überschwemmungskatastrophen heimgesucht wurde.

Der Ort wurde anschließend für unbewohnbar erklärt. Die Bewohner haben ihre Heimat verloren und wurden woanders angesiedelt.

Die Lage von Roghudi ist atemberaubend. Der Ort liegt auf einem Felssporn zwischen zwei Flusstälern. Als wir am Haus des letzten Bewohners des Geisterdorfes vorbeikommen, gibt es kaum jemand, der nicht berührt ist.

Blick in eine verlassene Wohnung

2013 ist Leone Pangallo bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Der Gang durch das Dorf ist wie ein Eintauchen in die Vergangenheit. Die Weinstöcke auf der winzigen Piazza tragen reiche Früchte, aber niemand kommt, um sie zu ernten. Man kann in fast alle Häuser hineinschauen, teilweise hängen noch die Elektrokabel an den Wänden, kaputte Einrichtungsgegenstände liegen herum. Die Teilnehmer der BR-Wandergruppe sehen sich mit einem Ort konfrontiert, der wohl in Hast verlassen wurde.

Schweißtreibender Aufstieg

Der Nationalpark Aspromonte ist eine Gegend der Mythen und Sagen. Die Region birgt Schätze aus der Vergangenheit: rätselhafte Felsformationen und eindrucksvolle Steinwüsten, griechische Sprachinseln und orthodoxe Kirchen. Und viele Herausforderungen für Wanderer – wie zum Beispiel den Aufstieg von der Küste bis zum Geisterdorf Roghudi, eine Tour für erfahrene und ausdauernde Bergsteiger.

Karte: Aspromonte

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Karte: Aspromonte


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