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Utopie und Realität Vom guten Wohnen in Stadt und Land

Das Thema Wohnen ist für nicht wenige Menschen zu einem existentiellen Problem geworden. Gleichzeitig suchen viele nach individuellen Wohnmodellen. Doch oft scheitern Projekte an der Finanzierbarkeit. Wie viel Realität steckt also in diesen Utopien?

Von: Horst Konietzny

Stand: 08.01.2021 15:58 Uhr | Archiv

Wenn es um das gute Wohnen geht, dann muss zuerst die grundsätzliche Frage gestellt werden: Wie lange können wir uns Wohnen überhaupt noch leisten?

"Wir haben mehrere Ursachen dafür, dass unsere Bodenpreise im wahrsten Sinne des Wortes durch die Decke gegangen sind. Ein Grund ist erst mal Verknappung. Boden ist ein Gut, das nicht vermehrbar ist. Ursache zwei ist, wir nutzen Boden und die Anlage in Immobilien für die Erwirtschaftung unserer Renten. Das heißt, der Druck mit Boden und Immobilien Geld zu erwirtschaften ist wahnsinnig hoch. Und daher steigt dann auch der Preis, weil mit dem Boden spekuliert wird für zukünftige Renten oder auch auf individuelles Einkommen, ganz egal."

Frauke Burgdorff, Stadtbaurätin von Aachen

Die Fassade eines modernen Mietshauses in Erlangen

"Wohnen" ist ein gefährliches Spekulationsobjekt. Manchmal für die Spekulanten, wie so mancher Crash am Immobilienmarkt gezeigt hat. Aber vor allem für diejenigen, die glauben, dass sie ein Grundrecht auf gutes Wohnen haben. Und gut heißt, ohne Angst vor Mietwucher und plötzlichem Wohnungsverlust. Aber auch in guter Wohnqualität und einer lebenswerten Umgebung, die nicht einem ausgeuferten Flächenfraß zum Opfer gefallen ist.

Gigantische Größenordnungen

Die Größenordnungen sind zunehmend gigantisch. Der Wohnungsmangel in der Nähe prosperierender Städte ist ungebrochen und auf dem Land gibt es ja noch Platz. So entstehen beispielsweise in dem kleinen Ort Köfering in der Nähe von Regensburg auf 14 Hektar ehemaligem Acker 350 Häuser. In Reihen, im Doppelpack oder Einzeln. Und auf weiteren zehn Hektar sollen später weitere 200 folgen. Häuschen, die laut Investorenpoesie mit ihrer "feinsinnig abgestimmten Fassadenfarbe und den individuellen Grundrissvarianten Lebensqualität und Investmentrentabilität auf unübertroffene Weise miteinander verbinden" sollen. Keine Rede ist dagegen von lebendigen Erdgeschosszonen mit vielen kleinen Läden, Gastronomie, einer inspirierenden Durchlässigkeit von Privatem und Öffentlichem, oder gar einem Konzept flexibel veränderbarer Grundrissgrößen, die sich an sich verändernde Familienkonstellationen anpassen könnten. Denn wir leben längst nicht mehr in den unverbrüchlichen Vater-Mutter-Kind-Strukturen, die sich die Produktentwickler – aber auch die jungen Familien in ihrem Glück – wohl vorstellen.

"Es gibt die individuelle Perspektive auf das gute Wohnen. Ich glaube, dass es da keinen generellen Nenner gibt und auch nicht geben sollte, weil das Ausdruck von Vielfalt ist, dass jeder so wohnen kann, wie er möchte. Dann gibt es natürlich das gute Wohnen als gesellschaftliches Projekt und das ist gerecht. Das ist gut verteilt. Jeder hat Zugang zu Wohnraum. Guten Wohnraum zu haben ist ein Recht jedes Menschen meiner Auffassung nach und dafür müssen wir als staatliche Organisationen, als Solidargemeinschaft Sorge tragen, dass jeder erst mal Zugang zu Wohnungen hat. Und das ist dann per se erst mal gut."

Frauke Burgdorff, Stadtbaurätin von Aachen

Wünsche und Möglichkeiten klaffen auseinander

Frauke Burgdorff benennt den Spannungspunkt sehr gut. Vielleicht weil sie ihn in der eigenen Person lebt. Sie ist eine der profiliertesten Expertinnen auf dem Gebiet der Gemeinwohlorientierten Stadt- und Immobilienentwicklung. Lange Jahre konnte sie die Thematik von außen kommentieren und weiterentwickeln. Als Baudezernentin hat sie nun Verwaltungsverantwortung und da heißt es vor allem: vermitteln. Es gilt zu vermitteln zwischen den individuellen Vorstellungen der Wohnenden und den gesellschaftlichen Möglichkeiten und Gegebenheiten. Und die sind nicht immer leicht zusammenzubringen.

Das historische Vorbild der Gartenstadt

Die Gartenstadt in Nürnberg

Verführerische Ideen zum guten Wohnen haben Tradition. Ein Beispiel ist das altgediente Modell der Gartenstadt, wie man sie auch noch in Nürnberg findet. Es wirkt recht heimelig hier, fast ländlich. Kleine Häuschen, die sich bemühen, sich voneinander zu unterscheiden. Torbögen versuchen städtisch wirkende Durchgänge zu simulieren, aber dem urbanen Charakter fehlt das Leben im öffentlichen Raum. Keine Geschäfte mehr, kein Austausch zwischen Privatem und Öffentlichem.

"Die Gartenstadt-Idee ist eine, die Ende des 19. Jahrhundert entstanden ist und zwar als deutlicher Reflex auf das Elend der Städte, die damals in der Zeit der Industrialisierung völlig unwürdige Lebensumstände für die Mehrheit der Menschen geboten haben. Dieses Elend, das zum Teil technologisch behoben werden sollte, durch Kläranlagen, Kanalisation, Licht, Luft und Sonne, was später in der Moderne ein großes Thema war, da gab es verschiedene Reflexe, wie man ein völlig anderes Modell von Stadt finden könnte."

Sophie Wolfrum, Professorin und Stadtplanerin

Und das war dann die Idee der Gartenstadt, die in England umfassend entfaltet wurde. Es war Ebenezer Howard, der den Begriff der "Garden City" prägte und ein neues städtebauliches Konzept schaffte, das er aus einem ganzheitlichen Denken heraus entwickelte. Seine Grundsätze waren: Liebe zur Natur, die Selbstbestimmung der Bewohner, die Selbstversorgung, Liebe für die Gesellschaft und Gemeinschaftseigentum an Grund und Boden. Sehr anspruchsvoll.

Gute Nachbarschaft

Eine genossenschaftliche Wohnanlage in München

Heute spielt die Selbstversorgung in der Nürnberger Gartenstadt keine Rolle mehr und von den Metzgern, Schuhmachern, Friseuren, Schneidern, Gemüseläden von einst ist nichts geblieben. Hier wird nur noch gewohnt. Aber der Gedanke an ein unterstützendes Miteinander beim Wohnen, an gute Nachbarschaft und eigene Gestaltungsmöglichkeiten hat in Nischen überlebt und bekommt in der Genossenschaftsbewegung wieder größeren Zulauf.

Das Spektrum umfasst Initiativen wie das "Mietshäusersyndikat", das stark vom Gedanken des Gemeineigentums und der Selbstorganisation geprägt ist und viele andere Modelle in allen Abstufungen der Beteiligung der Genossen. Ermutigend ist, dass diese Modelle zunehmend gefordert und gefördert werden. So werden Genossenschaften bei neuen Siedlungsprojekten, wie sie zum Beispiel im Münchner Westen in dem neuen Stadtteil Freiham entstehen, stark von der Stadt gewünscht und unterstützt. Agnieszka Spizewska zum Beispiel ist dort eine begeisterte Genossenschaftlerin.

"Das hat sich wirklich wie ein Märchen angehört. Ich war hier im Stadtteil in einer Projektgruppe und da kam ein Neuer, hat sich als Philip von WOGENO vorgestellt und gesagt, wissen Sie, wir bauen Häuser mit Gemeinschaftsraum, mit einem Partyraum, mit einem Werkraum, mit einem Waschsalon, mit Co-Working Space. Ich komme aus Polen und kenne Wohnungsgenossenschaften aus meiner Heimat und dachte, das darf nicht wahr sein. Dann dachten wir, was ist jetzt die Genossenschaft von heute und haben uns schlau gemacht und mein Mann hat gesagt, Du ich möchte da wohnen! Und so haben wir uns entschieden, Genossen zu werden, Anteile zu kaufen und mitzumachen. Ohne Mitmachen gibt es keine gute Genossenschaft. Wir planen, wir fuchsen uns in verschiedenste Themen hinein und liefern unsere Wünsche an die Leute, die so auf dem Papier vorbereitet und weiter eingereicht werden und es wird wirklich so gebaut!"

Agnieszka Spizewska, Genossenschaftlerin

Experimenteller Wohnungsbau – das Beispiel Fürth

Es gibt sie also, die Zeichen für zukunftsträchtige Wohnformen inmitten aller geschilderten Tristesse. Und es gibt dafür sogar im Staatsministerium für Wohnen, Bauen und Verkehr eine eigene Bezeichnung: Experimentellen Wohnungsbau. Ministerin Kerstin Schreyer kann erklären, worum es dabei geht.

"Experimenteller Wohnungsbau soll natürlich zeigen, wir müssen kostengünstig bauen, wir brauchen eine gewisse Lebensqualität dazu und man versucht auch neue Bautätigkeiten auszuprobieren. Wir haben das Modellprojekt 'Effizient bauen, leistbar wohnen, mehr bezahlbare Wohnungen für Bayern'. Das klingt wunderbar, muss aber entwickelt werden. Wir haben dafür bayernweit 13 Modelle. Das Fürther Modell ist ein ganz passendes."

Kerstin Schreyer, Bayerische Staatsministerin für Wohnen, Bau und Verkehr

Gemeint ist das neue Quartier "Westwinkel", wo bis 2023 auf mehr als 18.000 Quadratmetern 185 Wohnungen, aber auch 123 Stellplätze und 70 Garagen geplant sind. Autoreduktion steht also nicht so auf der Agenda. Allerdings wird es eine Kindertagesstätte geben, sowie eine Wohngruppe für elternlose Jugendliche - und 30 Prozent der Wohnungen sind Sozialwohnungen.

"Hier wird sehr effizient und sehr zeitsparend gebaut. Wir müssen ein Stück weit neu denken, denn das alles Entscheidende ist ja, wenn wir Wohnraum wollen, wir müssen bauen, bauen und bauen. Und dann sind natürlich solche Geschichten, wie der experimentelle Wohnungsbau, wo man bewusst sagt, wir gehen mal andere Wege, eine spannende Geschichte. Mir ist immer wichtig, dass wir Wohnen nicht nur denken im Sinne von Räumen, in die man einzieht, sondern auch im Sinne von Qualität, Nachhaltigkeit und möglichst kostengünstig und mit Begegnungsräumen für Menschen."

Kerstin Schreyer, Bayerische Staatsministerin für Wohnen, Bau und Verkehr

Größtmögliche Interessenskollisionen

Im Bauwesen befinden wir uns auf einem Gebiet größtmöglicher Interessenskollisionen: Naturschutz auf der einen Seite, dringender Wohnungsbedarf auf der anderen. Flächenschonendes Bauen auf der einen, Glückshormonausschüttungen beim Traum vom im eigenen Garten umrundbaren Häuschen auf der anderen Seite. Gier nach Traumrenditen auf der einen, Wunsch nach einem bezahlbaren Dach über dem Kopf auf der anderen Seite. Und überhaupt sind wir ja alle äußerst eigenwillige Individuen. Gerne auch ein wenig egozentrisch. Wir können uns gut vorstellen, dass weniger Individualverkehr unsere Stadt lebenswerter machten würde. Aber auf den Parkplatz für unseren SUV vor der Tür möchten wir dann doch nicht verzichten.

Interessante Architektur in der Oberpfalz

In der Oberpfalz sind Fachleute gerade dabei, Orte durch interessante Architektur wieder neu aufzuladen. Mit dabei ist Architekt Peter Haimerl.

"Eines meiner Lieblingsprojekte ist der ganz kleine Ort Brand in der Nord-Oberpfalz. Dort machen wir seit ungefähr drei Jahren eine umfassende Umstrukturierung. Wir fangen damit an, dass wir ein kleines bestehendes Schlachthaus in die Luft hängen. Wir haben sozusagen ein fliegendes Schlachthaus. Es geht auch darum, einen gewissen Spaß zu haben. Gleichzeitig ist das Schlachthaus ein Café, eine temporäre Bäckerei, wir werden auch unser Büro teilweise reinbauen. Als Nächstes werden wir ein altes Gehöft umbauen, da sollen Wohnungen rein, teilweise altersgerecht. Und da ist es so, dass der ganze Ort dabei ist. Die machen mit, die finden das auch interessant, die helfen uns. Das ist jetzt ein Beispiel, wie man auf unterschiedliche Weise gleichzeitig den Ort aufladen kann."

Peter Haimerl, Architekt

Und solche Beispiele sind glücklicherweise nicht allein. Aber es sollten viel mehr werden. Und dazu können wir alle beitragen. Durch ein kritisches Hinterfragen der eigenen Ansprüche, aber vor allem indem wir diejenigen in die Pflicht zu nehmen, die dafür verantwortlich sind, gutes, gemeinwohlorientiertes Bauen auf die Wege zu bringen.

"Wir wissen, dass wir gleichgültig, welche Ziele wir aufführen, ob es die Klimaziele, ob es die Fragen des Flächenverbrauchs sind, ob es die Fragen des sozialen Zusammenseins und der sozialen Infrastruktur sind, die möglichst viel erreichen sollen, dass die Ausnutzung von Fläche und mehr Dichte, mehr Urbanität mehr Nähe und kluge Nachbarschaften uns da den Weg bereiten. Und dass der Standard des Einfamilienhauses das ausdrücklich nicht tut."

Isabell Strehle, Architektin und Stadtplanerin


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