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Stefan George Der Dichter des "geheimen Deutschlands" in München

Vor 150 Jahren, am 12. Juli 1868, wurde ein deutscher Dichter geboren, dessen Person wie keine zweite von vielen Mythen umwoben ist: Stefan George. Unsere Sendung beschäftigt sich mit einem Rätsel der Literaturgeschichte und mit der Frage, welche Rolle München in Georges Leben und Werk spielte.

Von: Knut Cordsen

Stand: 07.07.2018 | Archiv

Für die einen war er ein Prophet, ein "Priester vom Geiste". Andere, die ihn in seinem Münchner Salon beobachteten, glaubten in ihm einen "Werwolf" zu erkennen. So hielt es einer seiner Jünger, Ernst Bertram, fest. "Abschreckend und hässlich" sehe er aus, meinte Ricarda Huch, "wie das böse Princip, oder wie ein giftiger Pilz". Als Thomas Mann ihn das einzige Mal in seinem Leben traf, schrieb er anschließend beinahe schlotternd in einem Brief von der "unheimlichen Begegnung mit IHM", "ihm" großgeschrieben.

Er ist das Nachtgespenst der deutschen Literatur und Geschichte

Stefan George Mitte der 20er Jahre

Dieser raunende, murmelnde Propagandist des sogenannten "Geheimen Deutschlands" stand den Nationalsozialisten gefährlich nahe und faszinierte auch den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der, kurz bevor er hingerichtet wurde, ausgerufen haben soll:

"Es lebe das Geheime Deutschland!"

Stefan George hat eine ganze "geistige Bewegung" in Gang gesetzt. Und der "Hauptsitz" seiner Bewegung war München.

Eine schon zu Lebzeiten legendenumrankte Figur der Schwabinger Bohème

Stefan George mit den Brüdern (v.re.) Berthold und Claus von Stauffenberg im Pfoertnerhäuschen in Berlin-Grunewald. (Aufnahme vom November 1924)

Zahlreiche Geschichten ranken sich um die Gestalt Georges und den nach ihm benannten Kreis seiner Jünger, zu denen neben Hugo von Hofmannsthal und Klaus Mann auch die Brüder Berthold und Claus Graf Schenck von Stauffenberg zählten.

Bis heute geheimnisvoll ist das nahezu hörige und zumindest homosexuell gefärbte, männerbündische Verhältnis der George-Schüler zu ihrem Meister, der ab 1903 in München lebte – als schon zu Lebzeiten legendäre Figur der Schwabinger Bohème.

"Der Schimmer ferner lächelnder Gestade …"

Aus Anlass von Georges 150. Geburtstag erzählt Knut Cordsen die Geschichte des Lyrikers, der der "unheiligen Menge" einen engen Zirkel von auserwählten Adepten entgegen stellte, erzählt von seiner Beziehung zu München und seiner Stellung innerhalb der Kunstkreise dieser Stadt.  "Komm in den totgesagten park und schau. / Der schimmer ferner lächelnder gestade …" – diese Zeilen Georges haben manche gerade noch im Gedächtnis.

"Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade.
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb. das weiche grau
Von birken und von buchs. der wind ist lau.
Die späten rosen welkten noch nicht ganz.
Erlese küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese lezten astern nicht.
Den purpur um die ranken wilder reben.
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht."

(Aus: Stefan George, 'Das Jahr der Seele', Gedichtband von 1897)


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