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2020 Glocken läuten die Weihnacht ein

Es sind nicht die mächtigen Stimmen der ganz großen Dome oder Basiliken, die jetzt die Weihnacht einläuten, sondern eher die kleineren, bescheidenen in Regionen der Voralpen und Alpen. Vor allem dort sind die Kirchen zu finden, in denen die zentrale Gestalt der Weihnacht eine besondere Rolle spielt: das Christkind, oder liebevoll um ein "l" ergänzt: das Christkindl.

Von: Regina Fanderl

Stand: 24.12.2020 | Archiv

Von 50 blühenden Christkindl-Wallfahrten in Europa sind nur noch einige wenige übrig geblieben, aber die Glocken erzählen ihre Geschichten und rühren damit bis heute vielen Menschen ans Herz.

Verehrung des gnadenreichen Jesuskindes

Die Grundbotschaft des Christentums, dass Gottes Wort in Jesus Christus Mensch geworden sei, wurde seit der Gotik immer konkreter verbildlicht - bis hin zum entzückenden Jesuskind, das alle Besucher ins Herz schließen sollte. Die meisten dieser heiligen "Kindlein" begegnen uns heute als Schöpfungen des Barocks, jener Epoche, in der sich Wallfahrten und kirchliche Bräuche besonders reichlich entfaltet haben.

Christkindlkirche St. Peter und Paul in Filzmoos


Während im Mittelalter das stehende, segnende Jesuskind mit der Weltkugel weit verbreitet war, erfreute jetzt das in Frauenklöstern gefertigte Fatschnkindl, eine in Stoffbahnen gewickelte Holzpuppe, die Herzen der Besucher.
In manchen dieser Klöster konnten die Pilger Bilder des Jesuskindes für die private Andacht, oder auch andere Wallfahrtsandenken kaufen, was den Nonnen zusätzliche Einnahmen bescherte. Vor der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts gab es allein in Deutschland um die 100 Wallfahrtsorte zum "gnadenreichen Jesuskind". Heute ist die Verehrung größtenteils in Vergessenheit geraten und lebt mit wenigen Ausnahmen in Bayern, aber hauptsächlich in Österreich weiter.

Weihnachtsläuten der Christkindlkirchen

Im Weihnachtsläuten dieses Jahr erklingen die Glocken der Klosterkirche St. Maria Loreto in Salzburg, der St. Nikolauskirche Hall in Tirol, der Pfarr- und Wallfahrtskirche Filzmoos im Salzburger Land, der Wallfahrtskirche Christkindl in Steyr/Oberösterreich und von der Klosterkirche der Franziskanerinnen von Reutberg im bayerischen Oberland. Einzig im Tiroler Dorf Terfens begegnet uns in der Pfarrkirche St. Juliana das Christkindl auf einem gotischen Wandfresko. Behütet von Maria und von Josef, dem "Hausmann", der die Windeln wäscht und ein "Muas" kocht.

Glocken zur Weihnacht 2017

Steyr

Es kommt nicht oft vor, dass ein ganzer Stadtteil wie eine Wallfahrtskirche heißt und dann auch noch "Christkindl". Aber genau das ist der Fall in der Stadt Steyr in Oberösterreich. Die Legende berichtet, dass der schwerkranke Türmer Ferdinand Sertl zum Beten hinaus in den Wald ging. Eines Tages, um das Jahr 1695, stellte er in die Höhlung einer Fichte ein kleines, wächsernes Jesuskind – in der Hoffnung, von der Epilepsie geheilt zu werden. Und tatsächlich: der Mann wurde wieder gesund. Das sprach sich schnell herum und fortan kamen viele Wallfahrer zu dem Figürchen im Baum. Eine hölzerne Kapelle wurde gebaut, in der die Votivbilder bald doppelt und dreifach übereinander hingen. So entstand, um die Fichte herum, die barocke Wallfahrtskirche "Zum Christkindl im Himmel", eine Rundkirche nach dem Vorbild von Berninis Chiesa Santa della Rotunda in Rom. Doch bei aller Pracht: Mittelpunkt ist das zehn Zentimeter kleine Christkindl in seinem Schrein am Hochaltar. Es hält Kreuz und Dornenkrone in den Händen - die Symbole für die unausweichliche Passion, aber auch die unendliche Liebe.

Salzburg

Die Geschichte des Klosters St. Maria Loreto nahe Schloss Mirabell in Salzburg ist eng mit der des Loreto-Kindls verbunden. Der Legende nach ist die nur elf Zentimeter große Elfenbeinfigur mit dem geneigten Kopf und den geschlossenen Augen dreimal hinunter gefallen, unter anderem im Jahre 1630 auf einer Wallfahrt nach Andechs. Jedes Mal sei die in mehrere Teile zersprungene Figur über Nacht und völlig von selbst wieder "verheilt" gewesen. Über Umwege hat sie um 1650 bei den Kapuzinerinnen in Salzburg ihre endgültige Heimat gefunden, wo sich bald die Wallfahrt zum "Salzburger Kindl" gründete.
Viele adelige Damen wetteiferten um die Gunst des "Lauretanischen Gnadenprinzchens" - mit wertvollen Gewändern, kostbaren Perlen, Gold und Edelsteinen. Die bayerische Kurfürstin Henriette Adelheid, die Mutter Max Emanuels spendete Ring, Krone und Kreuz   – alles mit Diamanten üppig verziert. Viele Wunder werden dem filigranen Loreto-Kindl zugeschrieben und noch heute kann man sich seinen Segen an der Klosterpforte abholen. Bekommt man es auf die Stirn gesetzt, so heißt es, würden alle Wünsche erfüllt.

Filzmoos

Im Salzburger Pongau birgt die katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul in Filzmoos ein besonderes Christkindl. Die mit 77 Zentimetern vergleichsweise große gotische Holzfigur des Jesuskindes schwebt, umgeben von einem goldenen Strahlenkranz, unter dem Kreuzrippengewölbe des Chors. Es wird auch das Glockenkindl genannt, weil es mit einer Art Kuhschelle in seiner rechten Hand die Weltkugel in der linken segnet. Die Legende berichtet, dass in einer Zeit, in der die Gegend unterm Dachstein noch reine Viehweide war, zwei Hirten ein leises Klingeln hörten. Sie folgten ihm, fanden das geschnitzte Jesuskind und trugen es nach Altenmarkt. Doch über Nacht kehrte die Figur auf mysteriöse Weise wieder nach Filzmoos zurück. Der Hinweis war eindeutig. Das bekrönte Kindl kam in die Dorfkirche und schaut seither mit großen Augen, halb lächelnd, halb wehmütig die Wallfahrer an. Dass es seit mehr als 500 Jahren viel Besuch bekam und noch heute bekommt, das verrät die tief ausgetretene Türschwelle unterm Kircheneingang.

Hall

Die Glocken von St. Nikolaus in Hall klingen weit über die große, prächtige Altstadt hinaus, die zu den schönsten Österreichs gehört. Ihre stattlichen, mittelalterlichen Gebäude zeugen von der stolzen Vergangenheit Halls als Saline, landesfürstliche Münzstätte und bedeutender Handelsplatz am Inn.
Nicht weit von St. Nikolaus behüten die Herz-Jesu-Schwestern das so genannte "Schweizer Christkindl". Um diese Figur aus Lindenholz, die in einer Vitrine auf einem Stühlchen sitzt, rankt sich eine wundersame Legende. Taglöhner sollen sie im 16. Jahrhundert aus dem Inn gefischt und erkannt haben, dass das Jesuskind offensichtlich einmal auf dem Schoß einer Madonna saß und abgehackt worden war. Ganz im Sinne der Gegenreformation ging schnell die Mär, dass das die Tat von Protestanten während der Glaubenskriege im Schweizer Engadin gewesen sein muss. Die damaligen Bewohnerinnen des Klosters, die Haller Stiftsdamen jedenfalls nahmen das gerettete Kindl herzlich auf, kompensierten damit die nicht selbst erlebte Mutterschaft, nähten ihm einen goldverzierten Mantel, setzten es auf ein Stühlchen und stellten es zu gewissen Zeiten in die Kirche, wo es Wunder wirkte und alle Herzen eroberte. 100 Jahre nach der Säkularisation übernahmen die Herz-Jesu-Schwestern diese Aufgabe und nennen es bis heute liebevoll und schweizerisch ihr "Hausvaterli"

Terfens

Die Glocken von Terfens führen uns zu einem anderen Hausvater. Das kleine Dorf liegt rund 15 Kilometer nordöstlich von Hall auf einer schmalen Terrasse hoch über dem Inn. In der gotischen Pfarrkirche St. Juliana begegnet uns das Christkind, so wie wir es am besten kennen: auf dem Stroh im Stall von Bethlehem liegend oder sitzend auf dem Schoß der Mutter. Doch die bemerkenswerten Fresken aus dem 15. Jahrhundert zeigen eine Besonderheit: Josef steht hier nicht stumm und bescheiden am Rande des Geschehens, sondern erweist sich als hilfreicher Partner einer Frau, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hat. Auf dem einen Bild kocht er, ganz tirolerisch, in einem Pfandl a Muas, auf dem anderen wäscht er Windeln. In den Augen der Tiroler Menschen im Mittelalter erweist sich Nährvater Josef im Trubel des Geschehens von Bethlehem überraschend als echter Hausmann.

Reutberg

Im bayerischen Oberland, ungefähr zwischen Holzkirchen und Bad Tölz, thront auf einer Anhöhe Kloster Reutberg mit der barocken Klosterkirche. Ein Name, der ganz eng mit der Christkindl-Verehrung verbunden ist. Die Reutberger Franziskanerinnen führen bis heute in strenger Klausur ein kontemplatives Leben. Allerdings unter erschwerten Bedingungen: der Konvent besteht nur noch aus vier Nonnen. Das Schicksal des Klosters ist ungewiss. Doch die Schwestern vertrauen fest auf die Hilfe ihres "Reutberger Christkindls". Die hölzerne, gut 70 Zentimeter hohe Statue des Jesuskindes hat 1745 der damalige Spiritual, Pater Nicephorus Vischer, aus dem Heiligen Land mitgebracht, wo sie 100 Jahre lang in der Geburtsgrotte von Bethlehem ihren Platz gehabt haben soll. In seiner Reutberger Zeit trug er vor Beginn der Christmette das Gnadenkindl zum Altar, "fatschte", also wickelte es und legte es in eine Krippe. Die anrührende Zeremonie war der Ausgangspunkt für einen unbeschreiblichen Zulauf, der sich zur ganzjährigen Wallfahrt auswuchs. Heute tragen es die Schwestern vor der Mette aus der Klausur zum Kommunionsgitter, wo es der Pfarrer übernimmt und am Kreuzaltar den Gläubigen zur Verehrung ausstellt. Ein wahres "Trösterlein" in schwierigen Zeiten.

München

Auch die Landeshauptstadt München hat ihr ganz eigenes Christkindl: Es ist aber nicht im Dom "Zu unserer Lieben Frau" zu finden, deren Glocken hier die Weihnacht einläuten, sondern in der glockenlosen Bürgersaalkirche. Eine fromme Legende rankt sich um das Augustinerkindl, ein lebensgroßes und mit reich verzierten silbernen Bändern umwickeltes Fatschenkind. Am Lichtmesstag des Jahres 1624, vor bald 500 Jahren, soll es einem Frater der Augustinerbarfüßer beim Wegräumen auf den harten Boden gefallen und zerbrochen sein. Doch o Wunder: Im darauffolgenden Advent hatten sich die Teile bis auf einen Riss in der Wange wieder zusammengefügt. Seither verehren die Münchner ihr Augustiner Christkindl, das nach den Wirren der Säkularisation und der Aufhebung des Augustiner-Klosters im Bürgersaal der Marianischen Männerkongregation eine neue Heimat gefunden hat. Die täglichen Christkindl-Andachten zwischen dem 25. Dezember und Dreikönig haben eine lange Tradition und sind immer noch für viele Münchner der Höhepunkt der Weihnachtszeit.


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