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Schick und nachhaltig Zwei Brüder aus Bayreuth erfinden die Küchenschürze neu

Küchenschürzen gelten oft als altbacken und nicht sexy. Doch nun mischen zwei Brüder aus Bayreuth mit "Antoine" die Küchen kräftig auf. Denn diese Schürze soll anders sein: Schick, figurbetont und nachhaltig. Eine Küchenschürze 2.0 sozusagen.

Von: Anja Bischof

Stand: 31.03.2021

In der Küche seines Lokals Ponte in der Bayreuther Innenstadt steht Engin Gülyaprak am Schneidebrett. Er ist über 50 und trägt eine schwarze Schürze. Der Bayreuther Kultgastronom legt Wert auf regionale Produkte – egal, ob beim Fleisch, Gemüse oder bei seinen Messern. Auch seine Küchenschürze wurde nur 800 Meter entfernt in einer kleinen Näherei von Hand gefertigt. Die Schürze trägt den Namen "Antoine".

"Ich habe mir gleich eine besorgt und ziehe die für mein Leben gern an. Weil du die, wenn du ein bisschen kleiner bist wie ich, nach unten oder nach oben ziehen kannst. Die schützt dich gut, weil sie auch ein bisschen dicker ist, sie hält auch mal einen Spritzer aus. Das ist mir ganz wichtig."

Engin Gülyaprak, Gastronom aus Bayreuth

"Antoine" schmeichelt der Figur

"Antoine" ist schwarz und sieht auf den ersten Blick aus, wie Schürzen nun einmal aussehen. Doch mit einer Schlaufe im Nacken, die im Rücken als Schleife gebunden wird, ist "Antoine" höhenverstellbar. Zwei unsichtbare große Taschen sind praktisch, ein Mini-Knopf in Form einer Rose dient einem Tüchlein als Haken. Auf den dritten Blick fallen die weinroten Nähte auf, sogenannte Paspeln, die sich vom oberen Rand der Schürze in zwei geschwungenen Linien bis in die Taille ziehen. Das schmeichelt auch Engins Figur.  

Schürzen von den Pöllmanns – eine Familientradition

In seinem Büro in Bayreuth breitet Matthias Pöllmann mehrere Schürzen auf dem Konferenz-Tisch aus. Er ist der Designer von "Antoine" und verkauft ihn unter der Marke Le Tablier – das heißt ganz einfach "Die Schürze". In der Näherei in den oberen Stockwerken werden die Stücke von Hand gefertigt. Dass sich Matthias Pöllmann für Schürzen begeistert, hat viel mit der Geschichte seiner Familie zu tun. Schon seine Großeltern haben nach dem Zweiten Weltkrieg im Bayreuther Landkreis Schürzen produziert.

"Es hat mit der Kittelschürze begonnen. Ganz weiß, da gab es noch keine gefärbten Schürzen. Da war es noch nicht wichtig, dass etwas hübsch ist, sondern es musste zweckmäßig sein."

Matthias Pöllmann, Erfinder von 'Antoine'

Auch die Eltern steigen in die Schürzenproduktion ein, schließlich Matthias selbst und sein Bruder Marcus. In Erinnerungen versunken streicht Matthias Pöllmann mit der Hand über die Schürzen aus verschiedenen Jahrzehnten. Sie sind wie Kapitel der Familien-Chronik.

"Angefangen hat es in einer Baracke, dann wurde ein Wohnhaus gekauft, später ein Kalk-Werk in Bindlach."

Matthias Pöllmann, Erfinder von 'Antoine'

Schürzen Pöllmann beschäftigt bald über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und beliefert vor allem Versandhäuser wie Quelle mit Schürzen. In den 1990er Jahren kommt Damen-Oberbekleidung hinzu. Matthias Pöllmann holt eine alte Schwarz-weiß-Aufnahme seines Großvaters am Zuschneidetisch hervor. Sowohl sein Opa, als auch seine Oma haben ihn geprägt. Die Großmutter vielleicht ein wenig nachhaltiger.

"Opa war der knallharte Geschäftsmann. Oma hat auf jeden Cent geguckt. Meine Oma hat eine Reklamation schwer verkraften können. Ich mittlerweile auch. Bis bei mir eine Schürze das Haus verlässt, wird sie selbst noch einmal angeguckt. Es ist noch keine Schürze rausgegangen, ohne dass ich den letzten Faden abgeschnitten habe."

Matthias Pöllmann, Erfinder von 'Antoine'

Die Küchenschürze – lange ein altbackener Ladenhüter

Im Jahr 2007 musste Schürzen Pöllmann schließen. Die Küchenschürze war mittlerweile zum altbackenen Ladenhüter geworden, das Versandhaus Quelle insolvent. Matthias und Marcus Pöllmann verkauften in den folgenden Jahren vor allem Jacken und Mäntel – doch das Thema Schürze blieb in Matthias Kopf präsent.

"Seit 2007 hat es mich nicht losgelassen, wieder in Deutschland etwas herzustellen, im Idealfall 'Made in Germany', alle Rohstoffe, alle Materialien. Und ich wollte eben diese Schürze 2.0, ich wollte an die Familientradition anknüpfen."

Matthias Pöllmann, Erfinder von 'Antoine'

Eine Schürze aus Bio-Baumwolle und recyceltem Plastik

Im Lockdown 2020 findet Matthias Pöllmann endlich die Zeit, seinen Traum umzusetzen. Am Flipchart entstehen die ersten Zeichnungen von "Antoine". Dann entwickeln die Brüder Pöllmann die eigentliche Innovation: einen Stoff aus 45 Prozent Bio-Baumwolle und 55 Prozent Garn, das aus recyceltem Plastikabfall besteht. Eine Weberei im oberfränkischen Helmbrechts produziert die Kreation. Der Stoff ist edel glänzend, waschbar, wasserabweisend und langlebig. Ist er auch nachhaltig? Der Chemiker Professor Andreas Greiner von der Uni Bayreuth sagt: Jein.

"Die Schürzenmachen haben einen richtigen Weg eingeschlagen. Sie sind den Weg der Nachhaltigkeit gegangen, indem sie sich eine Lösung gesucht haben, ihren Kunden zu zeigen, wie sie denken. Es gibt immer bessere Wege, die man später finden kann. Aber man muss den richtigen Weg erst einmal einschlagen."

Professor Andreas Greiner, Uni Bayreuth  

Greiner lobt die Langlebigkeit der Schürze und die Verwendung des recycelten Polyestergarns. Der Plastik-Experte denkt aber auch schon heute an das Ende eines Schürzenlebens.

"Wichtig ist dabei, dass sie möglichst aus einem Stoff bestehen, weil das das Recycling einfacher macht. Oder man sollte zumindest darauf achten, dass man sie später gut trennen kann."

Professor Andreas Greiner, Uni Bayreuth  

"Toni" – der kleine Bruder von "Antoine"

"Da sind wir dran", verspricht Matthias Pöllmann, der noch nicht ganz glauben kann, wie groß der Run auf seine Schürze 2.0 seit Verkaufsbeginn im Dezember ist. Die erste Weiterentwicklung von Antoine ist übrigens schon fertig: ein kleiner Bruder.

"Das ist dann der Toni, aber absolut identisch zur großen Schürze, da wir nicht wollten, dass es Kindertränen gibt, weil die Schürze eine andere Farbe oder Paspel hat. Deshalb 1:1, nur eine Nummer kleiner."

Matthias Pöllmann, Erfinder von 'Antoine'


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