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"Von Hundefressern und Zwiebeltretern" Wie die Franken ihre Nachbarn beschimpfen

Der Franke ist angeblich maulfaul. Sobald es um die Beschimpfung seiner Nachbarn geht, zeigt sich aber seine Eloquenz. Fränkische Schimpfwörter sind das Thema einer Ausstellung im Museum Tucherschloss in Nürnberg.

Von: Anja Scheifinger

Stand: 06.05.2021 17:34 Uhr

Ein Schritt durch die Tür des Museums Tucherschloss und den Besucher erwartet "der Mauerscheißer" – zum Glück nur in Schriftform. Ulrike Berninger hat als Leiterin des Museums Tucherschloss einen ungewöhnlichen Ausstellungsgenstand gewählt: Fränkische Schimpfwörter – als eingerahmter Text.

"Ja, was ist ein Mauerscheißer? So ähnlich wie ein Pflasterscheißer oder ein Wasserpolake, die daneben hängen, das ist bezogen auf die Ortsschimpfnamen, die den jeweiligen Ort, in dem Fall Forchheim von seinen Nachbarn gegeben wurden. Die Bedeutung ermittelt sich aufgrund der Geschichte, die dahintersteht."

Ulrike Berninger, Leiter des Museums Tucherschloss

Die Forchheim stiegen zum Scheißen auf die Mauer

Im Fall der Mauerscheißer ist die Geschichte schon 500 Jahre alt und stammt aus der Zeit, als sich die Franken gegen den Schweden-König Gustav Adolf im Dreißigjährigen Krieg zur Wehr setzten – mit ein paar ordentlichen Haufen.

"Weil die Schweden sehen sollten, dass an Speis und Trank kein Mangel herrschte, stiegen die Forchheimer zum Scheißen auf die Stadtmauer. Denn nur wer isst, kann auch verdauen."

Aus 'Von Hundefressern und Zwiebeltretern' von Martin Droschke

Autor Martin Droschke kommt aus Coburg und hat die Schimpfwörter zusammengetragen, mit denen die Franken ihre Dörfer in der Umgegend bedacht haben. Sein Buch "Von Hundefressern und Zwiebeltretern" ist vor zwei Jahren erschienen und hat der Ausstellung Namen und Inhalt gegeben. 71 Schimpfwörter finden sich darin, unterhaltsame, kuriose, böse, mit denen die Franken ihre Nachbarn bezeichnen. 14 davon hat Kuratorin Ulrike Berninger ausgewählt – und präsentiert sie im historischen Foyer des Tucherschlosses aus dem 16. Jahrhundert.

"Die Besonderheit hier ist, dass ein Teil mit einem spätgotischen Sternrippengewölbe überwölbt ist in Art einer kleinen Kapelle."

Ulrike Berninger, Leiter des Museums Tucherschloss  

Eingerahmte Schimpfwörter in einer Kapelle

Die Forchheimer: Mauerscheißer

Da stoßen Welten aufeinander: eingerahmte Schimpfwörter und ihre Erklärung in der Atmosphäre einer Kapelle. Kuratorin Ulrike Berninger liebt solche Reibereien und setzt in das historische Gebäude mit Vorliebe Zeitgenössisches. Hier sind das Collagen, die die Schimpfwörter illustrieren, angefertigt von der Ansbacher Künstlerin Kerstin Himmler: Ihre Bilder aus Zeitungen, Prospekten, Kathalogen und Zeichnungen sind in Passe-Partouts angeordnet, die über den jeweiligen Texten hängen. Im Fall der Forchheimer – den Mauerscheißern – hat sie außerdem mit roter und blauer Farbe gearbeitet.

"Zwei kackende Männlein, das Ich und das Überich. Bei sowas denkt man sofort an Freud natürlich. Und in der Mitte – was ich besonders nett finde – der Tod von Forchheim. Das bezieht sich natürlich auf die Geschichte der belagernden Truppen, der Gräueltaten des Dreißigjährigen Krieges. Aber ich musste so lachen, als ich das gesehen habe. Weil ich als Schwäbin nach Erlangen zum Studium kam. Dort war eines der geflügelten Worte: Du siehst aus wie der Tod von Forchheim, wenn man richtig schlecht und krank aussah. Das erinnert mich immer daran."

Ulrike Berninger, Leiter des Museums Tucherschloss

Die Nürnberger heißen "Kahlfresser"

Die Nürnberger: Kahlfresser

Legenden ranken sich um die Schimpfwörter, viele laden ein zu einem Blick in die Geschichte des jeweiligen Ortes. Historisches und Gegenwärtiges wie im Fall der Nürnberger, die bei den Dörfern im Umland "Kahlfressern" hießen und heißen. Die Kahlfresser sind in der Ausstellung bebildert mit einem der Apostel Dürers. Eine Putzfrau steht auf seinem Kopf und fegt mit einem Besen seine Glatze blitz und blank.

"Die Nürnberger – aufgrund ihrer Hamsterfahrten nach dem Krieg aufs Land wurde ihnen nachgesagt, sie haben als Städter aus ihrer Not heraus das Umland kahlgefressen. Im Grunde hält sich das bis heute, wenn die Nürnberger rausfahren in die Fränkische und dort die Gasthäuser und die Biergärten stürmen, weil es leckeres und günstiges Essen gibt und dort dann die Gastronomie 'leerfressen' – in Anführungsstrichen."

Ulrike Berninger, Leiter des Museums Tucherschloss

Mauerscheißer, Meebrunzer, Pflasterscheißer

Menschliche Ausscheidungen – bei Schimpfwörtern immer gern genommen. Warum sollte es anders sein, wenn die Franken ihre Nachbarn beschimpfen? Die Würzburger, die in den Main pinkeln, heißen "Meebrunzer". "Pflasterscheißer" sind die Gunzenhausener – dort soll es im 18. Jahrhundert Neubauten ohne WC gegeben haben.

"Zu den Exkrementen, die die Gunzenhausener wie eh und je aus ihren Nachttöpfen auf die Straße kippten, gesellten sich jetzt jeden Tag etliche Hundert warme Würste. Wehe, wenn es eine Woche lang nicht regnete."

Aus 'Von Hundefressern und Zwiebeltretern' von Martin Droschke

Bamberger Zwiebeltreter und Hundefresser aus Neustadt bei Coburg

Die Bamberger: Zwiebeltreter

Da muten die Bamberger Zwiebeltreter und die Hundefresser aus Neustadt bei Coburg, die der Ausstellung ihren Namen gegeben haben, recht harmlos an – allerdings auch nur auf den ersten Blick auf die Collage.

"Tatsächlich ist das eine kuschelige Szene auf den ersten Blick: eine Frau mit einem Teller. Wenn man genau hinguckt, ist das ein rosa eingefärbtes Etwas, auf den ersten Blick sieht es aus wie Pudding, auf den zweiten Blick sieht man einen Schädel, wahrscheinlich eines Hundes, und mit der Speise werden die Püppchen gefüttert. Die Collagen genauso wie die Texte zu den Schimpfnamen lassen genug Raum für eigene Interpretationen. Was ich ihnen jetzt gesagt habe, kann ein anderer ganz anders sehen."

Ulrike Berninger, Leiter des Museums Tucherschloss

Die Hundefresser

Ein Süppchen vom Pudel, zartes Mopsfilet und Schaufele vom Collie. Dass in der Grenzstadt zu Thüringen einst solche Köstlichkeiten auf den Tisch kamen, ist eine böse Unterstellung.

Klischees werden unterstrichen – und in Frage gestellt

Klischees sind in der Ausstellung dazu da, gleichsam unterstrichen und in Frage gestellt zu werden. Genauso wie der angeblich maulfaule Franke. Sobald es um die Beschimpfung seiner Nachbarn geht, zeigt sich seine Eloquenz. Und was war die größte Erkenntnis, die die bayerisch-schwäbische Ulrike Berninger bei der Konzeptionierung der Ausstellung über die Franken gewonnen hat?

"Wie unglaublich einfallsreich die Franken sind, wie kreativ auch bei absurdesten Namen man sein kann. Und dass vieles vermutlich gar nicht total abwertend gemeint ist, sondern eine liebevolle Ohrfeige für den Nachbarn."

Ulrike Berninger, Leiter des Museums Tucherschloss

Hoffen auf ein Ende der Corona-Beschränkungen

Jetzt wartet die Ausstellung nur noch auf eines: auf Besucher. Egal, ob das Wolfshenker (Ansbacher), Bärentreiber (Burgfarrnbacher) oder Schafköpfe (Zirndörfer) sind. Doch derzeit darf wegen der Coronamaßnahmen niemand in die Ausstellung. Bis Juni hofft das Tucherschloss noch darauf, die Pforten öffnen zu können. Wenn nicht, muss man nach Gunzenhausen zu den Pflasterscheißern oder Forchheim zu den Mauerscheißern fahren, die zeigen die Ausstellung als nächstes. Bis dahin ist das Buch von Martin Droschke ein guter Zeitvertreib. Dort finden sich neben den 14 gezeigten Schimpfwörtern noch 71 weitere – die im kleinen Museumsfoyer nicht mehr Platz nehmen konnten.


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