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Tommie Goerz Meier

Bekannt geworden ist der Erlanger Schriftsteller Tommie Goerz durch seine fränkischen Krimis. Dazu kommen nun Sachbücher über Wirtshäuser sowie Krämerläden. Und ein Roman namens "Meier" – auch ein Krimi, aber ein untypischer.

Von: Thibaud Schremser

Stand: 10.03.2020

Buchcover "Meier" von Tommie Goerz | Bild: ars vivendi, Bearbeitung: BR

Unendlich viele Krimis laufen nach dem immer gleichen Schema ab: Am Anfang wird ein Verbrechen begangen, man weiß nicht von wem. Das rauszufinden ist die Aufgabe der Ermittelnden – und die Aufgabe der Lesenden. Am Ende des Buchs dann die Auflösung, erwartet oder überraschend, in jedem Fall triumphierend. Immer das gleiche Schema. Und – bitte nicht falsch verstehen – das muss nichts Schlechtes sein. Es gibt so viele gute Krimis, die nach Schema X ablaufen.

Ein Kriminalroman ohne Schema X

"Meier" von Tommie Goerz ist keins dieser Bücher. Auf dem Cover steht zwar "Kriminalroman", aber der Schuldige ist schon gefunden. Er hat seine Strafe sogar schon verbüßt.

"Beim Essen erzählte er, dass er erst vor ein paar Tagen entlassen worden war. Er war nicht überzeugt, dass es richtig war, aber er musste. Machte vielleicht alles kaputt, aber er war für offene Karten. Vielleicht erzählte er es auch, um Distanz zu schaffen, Verunsicherung zu streuen. Um sich zu schützen. Und sie.

Sie waren im Gefängnis? Sie schien eher neugierig und beeindruckt, nicht verunsichert. Sprach für sie.

Ja. Zehn Jahre. Wegen Mord.

Sie haben jemanden umgebracht?

Nein.

Warum wurden Sie dann verurteilt?

Weil ... – ach nein, das ist eine lange Geschichte. Lassen wir das."

Aus dem Kriminalroman "Meier" von Tommie Goerz

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

"Meier" von Tommie Goerz ist im Ars Vivendi Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

Meier saß unschuldig, für einen Mord, den er nicht begangen hat. Zehn Jahre lang, umgeben von Kriminellen. Da hat er seine Unschuld verloren. Er weiß jetzt, wie das organisierte Verbrechen arbeitet und er hat einen Plan. Wie der aussieht, was er überhaupt erreichen will – das wird beim Lesen erst häppchenweise klar. Darin besteht die Spannung in diesem Kriminalroman.

"In dem kleinen Karton waren seine paar Sachen, mehr hatte er nicht. Keine Kleider zum Wechseln. Keine Wohnung mehr, die hatten sie aufgelöst. Zahlte ja keiner die Miete, auch er nicht. Möbel, Schrankinhalte, Küchenzeugs? Irgendwo eingelagert, gegen Gebühr könne er das wiederholen. Sollte es doch verschimmeln. Er brauchte das Zeug nicht. Wohin auch damit?

Er hatte anderes vor. Ihr wollt mich kriminell? Ihr könnt mich kriminell haben. Ihr wart es doch, die mich zum Kriminellen gemacht haben. Und ich nehm viel mit aus den zehn Jahren, ich hab die Zeit gut genutzt. Zurück in die Gesellschaft kann ich sowieso nicht mehr, da müsste ich ganz bei Null wieder anfangen. Unter Null. Aber das geht auch anders."

Aus dem Kriminalroman "Meier" von Tommie Goerz

"Es ist ja in gewisser Weise ein Roadmovie, einfach die Lebensgeschichte eines ehemaligen Knastis, wie er versucht klarzukommen. Der natürlich auch bestimmte Pläne hat, die sich während der Zeit, in der er sitzt, entwickeln, und die er dann auch durchzieht."

Tommie Goerz, Schriftsteller

So beschreibt der Autor Tommie Goerz sein Buch. Klassische Krimis schreibt er auch, aber dieser Roman ist das Resultat eines Experiments, könnte man sagen.

"Ich muss auch dazusagen, der Meier ist ein Buch, den hab ich angefangen ohne echten Plan, wo er endet. Ich wollte nur mal diese harte, etwas raue Sprache ausprobieren. Ist ja viel mit verkürzten Sätzen gearbeitet, einfach eine schnelle Sprache. Und es hat mir Spaß gemacht und dann ist der losgegangen."

Tommie Goerz, Schriftsteller

"Am Tag darauf war er in dem kleinen Städtchen Hof an der Saale, zwischen Fichtelgebirge und Frankenwald. Hier kannte er niemanden, niemand kannte ihn, aber er kannte den Ort, war früher ein paarmal hier gewesen. Hatte ihm gefallen, so abseits. Oberfranken, in Bayern ganz oben. Huuf, sagen sie hier. Kalte Ecke. Dreihundert Tage im Jahr kalt, die restlichen nicht warm. Wer hier wohnt, ist hier geboren, freiwillig ziehen hier nur wenige hin."

Aus dem Kriminalroman "Meier" von Tommie Goerz

"Ich wusste am Anfang tatsächlich nicht, wo ich hinten rauskomme. Das hat sich dann zwangsläufig entwickelt, hinten."

Tommie Goerz, Schriftsteller

Eine präzise, scharfe Sprache

Es ist gar nicht so einfach, Tommie Goerz das zu glauben. Viel zu zielstrebig kommt diese Geschichte daher. Kein Wort wirkt zufällig im Roman. Die präzise, scharfe Sprache nimmt einen mit.

"Ich kann manchmal nicht so schnell schreiben, wie’s mir in den Kopf kommt."

Tommie Goerz, Schriftsteller

Freunde, die selbst einsaßen, haben Tommie Goerz inspiriert

Stark ist das Buch, weil es nicht nur den Aufbau eines klassischen Krimis auf den Kopf stellt, sondern auch die Verhältnisse. Normalerweise – das lernt der geneigte Krimikonsument schon in jungen Jahren – müssen die Täter in den Knast. Es ist gut, wenn sie dorthin kommen. Das Gefängnis soll bessere Menschen aus ihnen machen. Hier ist es umgekehrt: Meier kennt nach seiner Haftzeit eine Menge Groß- und Kleinkrimineller, er kennt ihre Tricks, arbeitet mit ihnen zusammen. Dieser "Wissenstransfer" und das "Netzwerken" hinter den Gefängnismauern werden in diesem Buch krimi-untypisch beleuchtet. So gesehen hat der Roman fast etwas Sozialkritisches und das kommt nicht von ungefähr. Tommie Goerz hat lange Gespräche mit zwei guten Freunden geführt, die selbst einsaßen. Von ihnen hat er sich für seine Geschichte inspirieren lassen.

"Es ist sicherlich überzeichnet, weil’s ja auch verkürzt ist, aber Elemente dessen finden sich alle im Knast."

Tommie Goerz, Schriftsteller

Überzeichnete Gangsterklischees

Überzeichnet sind wohl vor allem die Gangsterklischees. Ein Beispiel gefällig? Eine Unterweltsgröße heißt im Roman Wassiliy Suaschwili. Ein Ausländer, was sonst? Will man ihn besuchen, muss man erst an bewaffneten Aufpassern vorbei und ist man bei ihm, dann ist man eher kleinlaut. Genauso wie man sich einen Gangsterboss eben vorstellt. Hier hätte Goerz mutiger sein können, ein überraschenderes Bild der kriminellen Strukturen zeichnen können. Gut gelungen ist ihm allerdings das Porträt seines Protagonisten: Meier, der nichts verbrochen hat und aus der Haft dennoch nicht als gebrochener Mann kommt, sondern stärker und entschlossener denn je.

Für Wahrheiten sind Andere zuständig

"Zehn Jahre für nichts? Ja, waren sie gewesen. Und ungerecht. (...) Die Welt war nicht gerecht, warum sollte er es sein."

Aus dem Kriminalroman "Meier" von Tommie Goerz

"Die Krimiwelt ist gerechter, weil’s in der Krimiwelt immer eine Wahrheit gibt zum Schluss. In der echten Welt gibt’s keine Wahrheit."

Tommie Goerz, Schriftsteller

"Gegen die Lüge hat die Wahrheit keine Chance. Weil die Lüge stimmig ist, die Wahrheit oft voller Widersprüche."

Aus dem Kriminalroman "Meier" von Tommie Goerz

Wenn das mal nicht der Grund ist, weshalb erfundene Kriminalfälle so gerne gelesen werden. Sie sind stimmig. Für Wahrheiten sind Andere zuständig.


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