BR Heimat


17

A. Hessenauer / C. Moennsad "Menschen am Fluss – Eine Reise entlang der Pegnitz"

Andreas Hessenauer und Chandra Moennsad bereisten die Pegnitz – von der Quelle bis zur Mündung. Auf den mehr als 100 Flusskilometern trafen sie viele interessante Menschen und sehenswerte Orte – und machten daraus ein wunderschönes Buch.

Von: Susanne Roßbach

Stand: 04.12.2017

"Der Ausgangspunkt war, dass ich mit meinem Sohn vier Tage lang die Pegnitz mit dem Kanu runter gepaddelt bin, von der Quelle bis zur Mündung. Ich hab eigentlich vorher gedacht, ich kenne meine Umgebung, ich bin da groß geworden, aber ich habe so viele Neuentdeckungen gemacht. Und es gab dann auch spontane Begegnungen mit Menschen. Und diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich gesagt habe: Das muss ich nochmal machen. Ich muss ganz gezielt auch die Menschen suchen, die am Fluss leben, und ich möchte diese Reise wiederholen und ein Buch daraus machen – und so ist es dann gekommen."

Andreas Hessenauer, Autor

22 Geschichten über die unterschiedlichsten Menschen

Zweiundzwanzig Geschichten hat Andreas Hessenauer geschrieben. Geschichten über Menschen, die an der Pegnitz leben, arbeiten oder ihre Freizeit am Fluss verbringen. Der Autor und der Fotograf Chandra Moennsad haben sich auf die Gesprächspartner eingelassen und Zeit mit ihnen verbracht, um ihnen näher zu kommen, um zu verstehen, was sie antreibt.

"Es gab verschiedene Kriterien. Manche Leute hab ich ganz spontan durch Zufall getroffen, zum Beispiel in Nürnberg an der Liebesinsel gab es mal eine Aktion von Mitarbeitern der Kläranlage Nürnberg, die haben eine Fahrt in den dunklen Hochwasser-Entlastungstunnel angeboten, und da hab ich gedacht: Oh, das ist interessant. Und da hat sich herausgestellt, dass das ein Ingenieur ist, der bei den Klärwerken in Nürnberg arbeitet. Wasserentsorgung gehört auch mit zur Pegnitz dazu, und der größte Zufluss entlang des ganzen Flusses ist einfach der Zufluss, der die Kläranlage an der Stadtgrenze von Nürnberg verlässt, und dann hab ich ihn spontan einfach gefragt."

Andreas Hessenauer, Autor

Thema sauberes Trinkwasser

Aus der spontanen Begegnung wurde eine Geschichte über den Kampf um sauberes Trinkwasser, den der Ingenieur Sven Blackholm führt. Unterhaltsam beschreibt Hessenauer den komplizierten Weg, den die Abwasserbrühe nimmt, bevor sie geklärt wieder in die Pegnitz fließen darf. Nebenbei erfährt der Leser jede Menge Wissenswertes über die Abwasserentsorgung – und das alles in einem leichten, oft witzigen Tonfall.

"Wer Zuhause die Klospülung drückt, verschwendet keinen Gedanken daran, welch verschlungene Wege das Wasser von da an nimmt. Ein mitgerissenes Bakterium könnte einen Abenteuerroman schreiben. Das schmutzige Wasser findet sich im Gewirr der Gänge (in Nürnbergs Unterwelt) gut zurecht. Faustregel: Einfach nur dem Gefälle folgen. Am Klärwerk wird die Brühe von einem riesigen Rechen empfangen. In ihm bleibt einiges hängen: Putzlappen, Kondome, Tampons, Schmuck, Gebisse, Klöße, Einkaufstaschen und Unterhosen, vom Liebestöter bis zum String-Tanga. Hier kommt alles an, was durch Toilette oder Gully passt."

Aus dem Buch 'Menschen am Fluss – Eine Reise entlang der Pegnitz'

Große Neugier auf Menschen

Andreas Hessenauer erklärt, ohne zu belehren. Ihn treibt eine große Neugier an, eine Neugier auf Wissen und auf Menschen. Einige Begegnungen kamen zustande, weil Hessenauer bestimmte Themen besetzen wollte, wie das Fischen im Fluss oder das Klettern in der Nähe des Flusses. Da hat er dann erstmal recherchiert, um Menschen zu diesen Themen zu finden. Und natürlich musste die Mischung stimmen.

"Mir war es schon wichtig, entlang des Flusslaufes das einigermaßen geographisch verteilt zu haben, also wirklich Leute von ganz oben, aber auch viel Leute hier aus dem städtischen Ballungsraum. Das waren so die Kriterien, und so hat sich das dann ergeben."

Andreas Hessenauer, Autor

Info und Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Das Buch "Menschen am Fluss – Eine Reise entlang der Pegnitz" von Andreas Hessenauer und Chandra Moennsad ist im Fahner Verlag erschienen. Die Buchgestaltung übernahm Ralf Brendjes. Es hat 217 Seiten, einige Schwarzweißbilder und viele farbige Fotos. Das Buch kostet 29,95 Euro.

Die Bandbreite der Themen ist groß: Es geht um Mundart mit dem Schriftsteller Walter Tausendpfund, um die Schönheit der Natur in den Pegnitzauen mit dem Naturfilmer Georg Bock. Es geht um das, was war, wenn Herrmann Hollfelder und Martin Rost über ihre Dörfer erzählen, die es nicht mehr gibt – Fischstein und Oberbrand. Mit der Vergangenheit beschäftigt sich auch Klaus Wiedemann, der an das Konzentrationslager Hersbruck erinnert. Ausschnitte aus der Geschichte der Region werden zudem immer wieder in kleinen Exkursen erzählt.

Es geht in dem Buch aber nur zum Teil um das, was war. Viele Kapitel erzählen von dem, was ist: Der Biber ist wieder da und beschäftigt den Biberberater Horst Schwemmer. Der letzte Wanderschäfer im Pegnitzgrund Fritz Imsch zieht mit seinen Tieren durch die schöne Landschaft.

Durchweg Farbfotos – und ein großartiges Schwarzweißbild

Ach ja, die Landschaft, die hat es Andreas Hessenauer angetan. Der Nürnberger Fotograf Chandra Moennsad hat sie für das Buch ins rechte Licht gerückt. Die Fotos in dem Buch "Menschen am Fluss“ sind durchweg farbig – bis auf die Bilder von Kletterer Michael Mürschenberger. Ihn zeigt eine großformatige Aufnahme am Fels hängend in schwarz-weiß. Die Struktur des Felsens ist klar erkennbar, ebenso wie jeder Muskel des Sportlers. Ein großartiges Bild.

"Ja, der Michael Mürschberger, Mürschi, das war einfach eine ganz tolle Begegnung mit ihm. Wir waren bestimmt sechs Stunden dort in Velden an seinem Felsen. Diese Kraft und dieser harte Fels – war einfach klar, dass man das nicht mehr so in Farbe darstellen kann, diese Verbundenheit auch zwischen Mensch und Natur, und dass es sich hier angeboten hat, es in schwarz-weiß darzustellen. Das ist so ein kleiner Solitär in diesem Buch, aber er passt an der Stelle auch gut."

Chandra Moennsad, Fotograf

Kalt und ungemütlich

Sich auf die Menschen einzulassen, war nicht immer bequem. So stieg Chandra Moennsad an einem Novembertag bei strömendem Regen in die kalte Pegnitz, um Taucher Christian Farnbauer zu begleiten. Entstanden sind dabei Bilder, die genauso kalt und ungemütlich aussehen, wie es wohl an dem Morgen gewesen ist. In fahlem Licht stehen drei Taucher in ihren schwarzen Taucheranzügen vor dem Wasser.

"Farnbauer gibt letzte Anweisungen und buchstabiert die wichtigsten Zeichen des Taucheralphabets. Daumen hoch: Auftauchen. Daumen runter: Abtauchen. Gekreuzte Finger: Ich muss auf's Klo! Alles klar? Dann ab ins Wasser. Das schwerelose Gleiten, dem Lauf des Flusses folgend, ist ein Abenteuer, ein Ausflug in eine unbekannte Welt. Üppiges Wassergras überzieht Totholz und Steine. Wasserpest, das unbeliebte, grüne Gespenst, wiegt sich sanft in der Strömung wie Kornähren im Sommerwind. Zwielicht – Trübnis – Flimmern. Wie ein Wunder unter Wasser: der Steinkrebs. Sein Anblick ist ein Glücksmoment. Hier muss sie sein: die Mitte des Flusses. Fische flitzen, huschen und verschwinden. Es gibt Forellen, die beim Anblick des Außerirdischen vollkommen lässig bleiben. Sie lassen sich streicheln."

Aus dem Buch 'Menschen am Fluss – Eine Reise entlang der Pegnitz'

"Die Geschichten gab es immer schon vorab. Mancher Aspekt hat sich durch die Begegnung des Fotografen mit dem Portraitierten nochmal erweitert: Es gab immer wieder Mal Momente, wo der Andreas gesagt hat: Mensch, da hab ich jetzt nochmal 'was gehört, das muss ich unbedingt noch mit einflechten in das Bestehende."

Chandra Moennsad, Fotograf

Heimat neu entdecken

Es ist das erste Buch, das Andreas Hessenauer geschrieben hat. Eigentlich arbeitet er in der IT-Branche, hatte aber immer schon ein Faible fürs Schreiben, sagt er. Er ist in der Region groß geworden und lebt in Rückersdorf. Es ist ein schönes Buch geworden. Ein Buch für Einheimische, die ihre Heimat neu entdecken wollen. Jeder der Portraitierten gibt am Ende des Kapitels einen Tipp, wo es an der Pegnitz besonders schön ist. Es ist ein Buch für Zugezogene, die sich begeistern lassen möchten von der Schönheit und Vielfalt der Region. Und es ist ein Buch, das dazu ermutigt, einfach mal auf Menschen zuzugehen.

"Eine der für mich ganz schönen Erfahrungen bei der Entstehung des Buches waren einfach diese herzlichen Begegnungen mit den Menschen. Für mich war am Anfang völlig unklar, wie wird das sein, wenn ich auf Leute zugehe, die anspreche, die kennen mich nicht. Ich kann nicht erzählen, ich bin ein Autor, und weiß auch nicht, wie ich auf die Menschen wirke. Und habe von vorne herein eine Offenheit und Herzlichkeit erlebt, die mich überrascht hat."

Andreas Hessenauer, Autor


17