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Steffen Radlmaier "Mein Song – Texte zum Soundtrack des Lebens"

Kann ein Song unser Leben verändern, gar Leben retten? Diese Frage stellt Steffen Radlmaier in seinem Buch "Mein Song – Texte zum Soundtrack des Lebens". Die Antwort geben rund 70 Autoren, Liedermacher und Künstler.

Von: Tilla Schnickmann

Stand: 04.12.2017

"Mit einem Song kann man sicherlich nicht die Welt verändern, auch wenn das so mancher in der Euphorie der Sixities, zu Beginn der Rock'n Roll-Ära, erhofft hat. Was aber wäre, wenn ein Song unser Leben verändern könnte? Würde sich alles zum Besseren wenden? Lösten sich nicht all unsere Probleme in Wohlgefallen auf? Oder wären sie zumindest erträglicher? Kann Musik etwa sogar Leben retten, wie der Discohit 'Last night a DJ saved my life' glaubhaft versichert?"

Steffen Radlmaier in seinem Vorwort zu 'Mein Song – Texte zum Soundtrack des Lebens'

Songs, die "das Leben verändert haben"

Diese Frage stellt Herausgeber Steffen Radlmaier, Feuilletonchef und Musikkritiker der Nürnberger Nachrichten, in seinem Vorwort. Die Antwort geben rund 70 Autoren, Liedermacher und Künstler. Herausgekommen ist dabei eine Anthologie aus kurzen Originaltexten über Songs, die salopp gesagt "das Leben verändert haben".

"Bob Dylan verfallen war ich in dem Augenblick, als ein Schulfreund 1980 in seinem Zimmer in Haren im Emsland die LP 'Live at Budokan' auflegte und die Nadel den Song 'I want You' erreicht hatte. So sehnsüchtig, verzweifelt und ergreifend hatte ich zuvor nie irgendwen seine Liebe gestehen hören. Es sollte eine fürs Leben werden."

Aus dem Buch 'Mein Song – Texte zum Soundtrack des Lebens'

Beatles, Bruce Springsteen und Bob Dylan

Ähnlich wie Gerhard Henschels Initiationsereignis beginnen viele der Geschichten mit dem Blick in die Vergangenheit: Der Leser taucht ein in die Zeit, als Jukeboxen in den Kneipen standen, Vinylplatten das Taschengeld auffraßen und im Ford Taunus das Radio röhrte. So stammen die Songs – bis auf wenige Ausnahmen – aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren und reichen von Klassikern wie den Beatles über Bruce Springsteen bis zu Janis Joplin und Tom Waits. Und immer wieder Bob Dylan.  

Bekannte und verkannte Autoren

Die Auswahl der Autoren ist beliebig, es sind bekannte und verkannte, lokale und überregionale Persönlichkeiten der analogen Musikgeneration dabei. Da sinniert Roger Willemsen über die Authentizität im Vortrag von "Nothing Compares 2 U" der Irin Sinéad O'Connor, wogegen sich Michael Augustin an den weniger verkopften Versuch erinnert, mit einem Hit der Kinks einen Weltrekord an der Jukebox zu schaffen, was mit einer Flasche Rum auf ex endete.

Info und Bewertung

Wertung: 3 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Steffen Radlmaier hat das Buch "Mein Song - Texte zum Soundtrack des Lebens" herausgebracht. Die gebundene Ausgabe umfasst 150 Seiten und ist im Ars Vivendi Verlag erschienen. Es kostet 25,00 Euro.

Martin Jankowski sieht sich bei "Hotel California" von den Eagles in die Jugendzeit in Ostdeutschland versetzt, wo Musik für ihn auch ein Kampfmittel gegen das System war. Während Annet Lousian erwartungsgemäß brav ihr Wolldeckenkuschelerlebnis mit Elvis' "In the Ghetto" beschreibt, geht Liedermacher Herman Van Veen sogar zu Musikerlebnissen bis in den Mutterleib zurück.

Dass ein Lied aber nicht nur eine Station in der Vergangenheit bedeutet, sondern immer wieder sichtbare Zeichen im Leben hinterlassen kann, verrät die Schriftstellerin Nina George:

"Ich besitze inzwischen 34 verschiedene Versionen von Sunny (…), habe meine erste Romanheldin Sunny genannt und mir selbst ein Pseudonym für Tageszeitungen verpasst: Sunny Davis."

Nina George, Schriftstellerin

Über allem viel Pathos

Die Pop- und Rocksongs dienen in den Miniaturen wahlweise als reißfestes Taschentuch, mit dem man sich den Rotz der Lebenskrise abwischt, oder als Schwert, das einen unsicheren Teenager zum starken Ritter schlägt. Sie sind Gleitmittel für die – meist enttäuschte – Liebe oder Stachel, den man im Pelz der Eltern versenkt. Und über allem: viel Pathos.

Ein Lied, das wirklich ein Leben rettete

Wahrhafte existenziell ist aber allein eine Geschichte, die nüchternste von allen, von Esther Bejarano. Sie erzählt, wie ihr im KZ Birkenau das Lied "Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami" das Leben rettete. Ein Rettungslied, kein Lieblingslied.

"Mein Überleben im Konzentrationslager verdanke ich einer Reihe von glücklichen Zufällen, aber fast immer spielt die Musik dabei eine große Rolle. Bis heute spendet sie mir Trost. Das Lied vom Bel Ami aber habe ich seither nie mehr gespielt."

Aus dem Buch 'Mein Song – Texte zum Soundtrack des Lebens'

Generell sind die über 70 Miniaturen mal überraschend, mal witzig, mal gnadenlos persönlich, doch bleiben die meisten trotz des überbordenden Gefühls im Kern irgendwie banal. Logisch, so Ralf Huwendik, das ist eben die Macht der Musik.

"Musik bringt alles durcheinander. Wenn jemand ein Bier aufmacht und ein Popsänger brüllt dazu 'Sail away', dann wird Bieraufmachen eine große Sache."

Aus dem Buch 'Mein Song – Texte zum Soundtrack des Lebens'

Dem erliegen wir alle und kein Song ist zu peinlich, um nicht Katalysator unserer Empfindungen zu werden. Neurologen haben uns längst bestätigt, dass besonders in der Jugend Emotionen noch wenig kontrolliert sind, und dass Musik im Hirn zu einem Überfluss des Glückshormons Dopamin führt. Die Kombination aus beidem ist voll durchschlagend. Sie hinterlässt Erinnerungen, die selbst bei Demenzkranken noch emotionale Höhenflühe oder ein verklärtes Lächeln hervorzaubern können. Jeder kennt also die Wirkung von Lieblingssongs – das Buch ist hierfür einmal mehr ein Beweis.

Nicht besonders originell

Aber warum will oder soll seit kurzem auch jeder sein Erleben mit einem großen Publikum teilen? Die Mixtapes der 80er verschenkte man doch auch an Auserwählte? Der amerikanische Erfolgsautor Nick Hornby hatte mit seinem lesenswerten Buch "31 Songs" Lieder mit seinen Fans geteilt. Das war kompetent und mitreißend. Auch die 3Sat-Sendung "Tonspur – der Soundtrack meines Lebens" war ein kluges Format, in dem Profiler aus der Liste der Lieblingslieder auf einen Prominenten schließen mussten. Mittlerweile bringt aber nahezu jede Zeitung mal eine Reihe zum Thema "Mein Liebelingslied" und auch in unzähligen Fernseh- und Castingformaten geben Menschen ihre Gedanken zu Song x oder y zum besten.

In diesem Kontext ist das Buch also nicht besonders originell. Schon allein der Titel klingt unglaublich abgegriffen. "Mein Song – Texte zum Soundtrack des Lebens." Einige Beiträge daraus stammen zudem aus einem zehn Jahre zuvor verlegten Vorgängerbuch.

Mitlesen – und mithören

Trotzdem habe ich für die Lektüre der 140 Seiten so lange gebraucht wie selten – allerdings nicht für das Lesen, sondern für das Hören. Dank der Playlist im Register und meinem digitalen Musikanbieter habe ich mitgehört. Ich habe gelauscht und gelesen, mitgefühlt, widersprochen, mich gewundert, gelangweilt und geärgert und dabei eine Reise quer durch die Musikgeschichte der Popmusik unternommen. Ich bin in Zeiten und Gefühle anderer Musikbegeisterter eingetaucht. Das war zwar selten erhellend – aber unterhaltsam und durchaus rauschhaft. Und automatisch stellte sich das ein, was Herausgeber Steffen Radlmaier auch fordert: "Jeder Leser, jede Leserin kann sie mit eigenen Hörerfahrungen vergleichen und ergänzen." Und genau das ist wohl der eigentliche Spaß an diesem Buch. Nicht mehr und nicht weniger.


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