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Meike Bianchi-Königstein Kleidungswirklichkeiten

Wie haben sich die Menschen in Oberfranken zwischen 1780 und 1910 gekleidet? Das hat Meike Bianchi-Königstein in mühevoller Kleinarbeit erforscht. Herausgekommen ist ein prächtiges Buch über die Kleidungsgewohnheiten der Menschen von damals.

Von: Susanne Roßbach

Stand: 05.11.2019

Meike Bianchi-Königstein muss eine sehr geduldige Frau sein. Insgesamt fünf Jahre lang hat sie sich im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes mit Mode und Tracht in Oberfranken beschäftigt. Sie hat rund 5.000 historische Textilien untersucht; sowie zahlreiche Text- und Bildquellen.

"Die Forschung war eine richtige Schatzsuche. Wir waren in 17 verschiedenen Museen und auch bei Privatpersonen, die manchmal ganz überraschende Stücke in ihren Kellern oder auf Dachböden gefunden haben, und wir haben die verschiedenen Informationen, die diese Kleidungsstücke uns bieten, wie ein Puzzle hinterher zusammensetzen können."

Meike Bianchi-Königstein

Info und Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Meike Bianchi-Königsteins Buch "Kleidungswirklichkeiten. Mode und Tracht zwischen 1780 und 1910 in Oberfranken" ist im Pustet Verlag erschienen. Es umfasst 248 Seiten mit vielen, zum Teil farbigen Bildern und kostet 29,95 Euro. Das Buch ist auch als E-Book erhältlich, für 23,99 Euro.

Das Buch ist die Doktorarbeit von Meike Bianchi-Königstein. Sie ist auch für interessierte Laien eine wahre Fundgrube und gut lesbar. Detailliert werden die verschiedenen Kleidungsstücke von Frauen und Männern beschrieben. Durchweg farbige Fotos vermitteln einen Eindruck von der Schönheit der Stücke. Die Kapitel sind unterteilt in die Kleidung der Frauen, da gibt es zum Beispiel feine Schoßjacken, Spenzer und bunte Mieder, sowie die Kleidung der Männer wie Dreispitz, aufwändig gearbeitete Röcke mit wunderschönen Knöpfen und zum Teil kunstvoll verzierte Lederhosen.

Am Beginn ihrer Forschungen war die Autorin so manches Mal unsicher, was sie da eigentlich in Händen hielt.

"Erst im späteren Verlauf, als ich schriftliche Quellen erhoben habe, das heißt als ich in Zeitschriften aus der Zeit gelesen habe oder Reisebeschreibungen, konnten wir erkennen, was das eigentlich ist. Zu den schriftlichen Quellen gehörten auch die sogenannten Physikatsberichte. Das sind die Berichte, die Ärzte im 19. Jahrhundert anfertigen mussten. Und die Ärzte haben über ganz viele Dinge aus den Orten, in denen sie gearbeitet haben, berichtet. Auch über die Einzelheiten der Kultur. Wie hat man sich ernährt? Wie hat man sich eben auch gekleidet?"

Meike Bianchi-Königstein

So schrieb ein Arzt aus Forchheim im Jahr 1861 über die Kopfbedeckung der Frauen: "Im Markte Eggolsheim, wie in dem großen Dorfe Kirchehrenbach wird bei höchst feierlichen Gelegenheiten eine monströse Haube aus Fußbreiten, gewassertem schwarzen Seidenband, eine große Masche mit Flügeln nach beiden Seiten bildend, und mit hinten herabhängender Schleife sehr einem mit ausgebreiteten Flügeln schwebenden Adler gleichend, auf den Hinterkopf gesetzt. Es war dies früher die allgemeine Tracht der Bürgersfrauen und Töchter im ganzen Bamberger Land. In Städten, wie auch in hiesiger, wird sie jedoch nur noch bei einigen sehr alten Frauen beim Kirchgang und da sehr ausnahmsweise gesehen."

Begeisterung für textile Schätze

Eine weitere Quelle waren Steckbriefe. So wird in einem Steckbrief aus der Zeit um 1800 beschrieben, dass die Frauen einer Räuberbande eine "sammtene Schnippe" trugen. Das ist eine Haube mit einer in die Stirn ragenden Spitze. Vielen Fotos der Originale sind historische Bilder gegenübergestellt, auf denen man sehen kann, wie die Teile getragen wurden. Dem Buch ist die Begeisterung der Autorin für die textilen Schätze anzumerken, die sie in Händen halten durfte. Mit der Zeit ist sie auch Expertin für die verschiedensten Materialien geworden.

"Ich wollte ursprünglich Schneiderin werden und habe nach dem Abitur verschiedene Praktika gemacht, unter anderem auch in der Staatsoper Hannover, wo ich sehr viel über historische Nähtechniken gelernt habe. Nach meinem Studium der Volkskunde im Bauernmuseum Bamberger Land und in der Trachtenberatung Oberfranken habe ich dann mein Volontariat absolviert und hatte die große Chance, von einer sehr erfahrenen Textilrestauratorin lernen zu dürfen: Frau Sibylle Ruß. Daher hatten wir auch immer den Rat der Textilrestauratorin zur Verfügung."

Meike Bianchi-Königstein

Gab es damals überhaupt so etwas wie Tracht?

Nach der eingehenden Beschäftigung mit allen Quellen konnte Meike Bianchi-Königstein ihre Ausgangsfrage – Gab es sowas wie Tracht überhaupt? – schließlich beantworten.

"Tatsächlich kann ich die Frage mit 'ja' beantworten. Es ist aber ein 'Ja, aber', denn es ist sehr komplex über Tracht zu forschen, denn es überlagern sich verschiedene Wirklichkeiten, weswegen mein Buch auch 'Kleidungswirklichkeiten' heißt. Wir haben da zum einen das, was die Menschen tatsächlich im Alltag getragen haben, und auf der anderen Seite haben wir das, was Menschen auf Veranstaltungen mit folkloristischem Charakter, zum Beispiel auf den Umzügen des Münchner Oktoberfestes, angezogen haben, um sich selbst und auch ihre Region zu repräsentieren. Das war ein ganz bewusstes Kleidungsverhalten, das aber nicht dem Alltag entsprach."

Meike Bianchi-Königstein

Verhältnis zwischen Tracht und Mode

Und wie ist nun das Verhältnis zwischen Tracht und Mode?

"Das Hauptergebnis meiner Forschung ist, dass Tracht, was wir als eine Art Sonderkleidung wahrnehmen, ein Teil von Mode ist. Ein Beispiel dafür wäre die Bayreuther Spitzenhaube, eine Haube aus feinen weißen Geweben und eben Spitzen, die sich ausgehend vom Bayreuther Bürgertum bis auf das Land verbreitete. Und dann schließlich auch von den Mistelgauern für ihre Tracht verwendet wurde und auf dem Oktoberfest vorgeführt wurde. So können wir sehen, dass, was ursprünglich hochmodisch war, zu einer ganz typischen Tracht wird."

Meike Bianchi-Königstein


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