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Manfred Kern Die Preisrede

Manfred Kern wuchs im kleinen Dorf Wettringen im westlichen Mittelfranken auf. Seit einer schweren Krankheit in seiner Jugend wusste er, dass er Schriftsteller werden möchte. In seinem Roman Die Preisrede erzählt er die Vorgeschichte dazu.

Von: Thibaud Schremser

Stand: 19.09.2018

Buchcover von Manfred Kern, "Die Preisrede" | Bild: Königshausen & Neumann Verlag | Foto: BR-Studio Franken

Eine Kindheit am Land in den 1960er Jahren – Manfred Kern erinnert sich an die Kleeböcke, diese Holzgestänge zum Trocknen des Klees.

"Die ganzen zusammengeklappten Kleeböcke ergaben ein Zelt, wenn man sie aneinanderstellte und innen ergab sich ein kleiner Raum. Ich hab dann dieses Zelt immer benutzt als mein Refugium. Das war der Ort, in dem ich einfach frei war. Es war ein Ort, wo man abgeschirmt war einerseits, andererseits hat man auch einen Rundblick gehabt, weil durch die Ritzen konnte man ja auch schauen. Es war wie eine Burg. Man konnte jeden Feind schon von weitem erkennen und keiner wusste, wo man selber ist, aber ich hab – soweit ich mich erinnere – niemand jemals erzählt von diesem Zelt, weil sonst wär ich ja entdeckbar gewesen. Dadurch war ich unsichtbar und konnte selber sehen."

Manfred Kern

Ein stark autobiografisches Buch

Dieses Kleebockzelt ist auch im Roman ein fantastischer Ort für die Hauptfigur: den jungen Max – der vom jungen Manfred nicht weit entfernt ist. Max‘ Geschichte ist die des Autors.

"Mein Vater misst uns Kinder in größeren Zeitabständen in der Küche an der Holzverkleidung zwischen der Tür in den Flur und der Tür zum Bad. Dazu stellt er mich vor dieses kaum mehr als einen halben Meter breite Brett. Ich muss ganz gerade stehen, mich recken, aber nicht auf die Zehenspitzen stellen, auf den Fersen bleiben, die die Wand berühren. Dann nimmt er sein Metermaß und legt es waagrecht an meinen Scheitel, macht mit dem Kuli ein Zeichen in das lackierte Holz, schreibt das Datum daneben und dann vergleicht er es mit der Markierung, die er vor geraumer Zeit gemacht hat. Er zeigt es zwischen Daumen und Zeigefinger, wieviel ich seither gewachsen bin. Wieder fünf Zentimeter mehr aus dem Dorf hinaus, das ich verlassen werde, wenn ich groß genug bin."

Auszug aus 'Die Preisrede' von Manfred Kern

Kindheit war teilweise "die Hölle"

Eine Kindheit am Land – davon handelt dieser Roman. Doch es ist keine idyllische Kindheit. Die Preisrede ist ein drastischer, ein dramatischer Roman. Eine Geschichte, die traurig macht. Ein brutaler Vater, ein Kind, das sich verschließt vor dieser Welt – verständlicherweise.

"Ich hatte einerseits eine sehr schöne Kindheit und andererseits natürlich war sie auch – wie sie da drin beschrieben wird in meinem Buch – teilweise schon auch die Hölle. In meiner Kindheit waren die Häuser noch nicht abgeschlossen, abends, nachts und jeder kannte einen natürlich. Man ist einfach in die Häuser gegangen zu anderen Leuten und hat gespielt oder irgendwas gemacht. Man war schon relativ frei. Und mein Vater war ja jetzt auch nicht nur der Berserker, der da geschildert wird, sondern er hatte natürlich auch seine anderen Seiten. Ich bin heute noch viel in Gedanken in meinem Dorf."

Manfred Kern

Mundart verboten

Die Grundschullehrerin träumt von einer Stelle in der Kreisstadt, sie verachtet das Provinzielle. Sie verbietet ihren Schülerinnen und Schülern, in ihrer Mundart zu sprechen. Max hat damit schwer zu kämpfen und er kämpft stumm. Antwortet nicht auf Fragen oder haut aus dem Unterricht ab. Max und die Welt um ihn herum driften immer weiter auseinander.

"Beim Mittagessen hob der Vater etwas von seinem Teller hoch. 'Schau moll, dess bischd du.' Es gab die Reste vom gestrigen Sonntagsessen, Hühnchen. 'Der Birzl. Dess is dess, woss kanner mooch, dess wu hinde am Oarschloch weggsd.' Und er lachte auf und warf den Bürzel auf den Knochenteller. 'Birzl, genau. Sou haaßd ja aa as under Dorf, doa wu e weng di Ärmere wouhne. Dia wu nix hewwe. Aus denne wu nix reechds worre is. Und di Minderbemiddlede, waaschd schi, dia wu nidd so hell sinn. Und so anner wi derr Woochners Michl, bo demm a Schraiwle logger hoggd.' Dazu tippte er sich an die Stirn. 'Doa baschd du nou. Aus derr Schual davou laafe! Dia doa dund sinn bestimmd aa alli aus derr Schal davou gloffe, wuss in deim Alder woare, und doa hauses edz als Erwachseni – wemmers iwwerhaubd erwachse nenne kou – im undere Dorf, am Oarsch der Weld.'"

Auszug aus 'Die Preisrede' von Manfred Kern

Der Vater beschimpft, der Vater sperrt ein, schlägt zu, mit der Peitsche, mit einem Stromkabel.

"Die Sprachgewalt war teils noch schlimmer als die Schläge teilweise. Weil zum Beispiel des Birzl: Ein Vater, der seinen Sohn als Birzl als Spitznamen immer wieder heißt, das ist schon, das ist schon was, das das Selbstbild äußerst bestimmt. Also wenn man sich als den Oarsch der Welt selbst anschauen muss, wenn der Vater einen nicht aufbaut, sondern immer nur klein macht, daran hat man lange zu tragen. Vor allem das Selbstbewusstsein aufzubauen ist äußerst schwierig für so jemanden"

Manfred Kern

Erzählung einer Eskalation

"Die Preisrede" ist die beeindruckende Erzählung einer Eskalation. Ein bewegendes Zeitzeugnis einer Kindheit, die viele Menschen ähnlich erlebt haben dürften.

Info und Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

"Die Preisrede" von Manfred Kern ist bei Königshausen & Neumann erschienen, hat 153 Seiten und kostet 14,80 Euro.

Der Roman beginnt nicht mit Max‘ Kindheitsgeschichte, sondern – so heißt er ja auch – mit einer Preisrede. Der erwachsen gewordene Max wird für sein Werk als Schriftsteller ausgezeichnet und kommt ins Erzählen: von seinem Opus Magnum, das er nie schreiben konnte, von seiner Tochter und deren Baby, schließlich von seiner Schulzeit, von seinem Vater. Der Leser braucht diese Hinführung über die Rahmenerzählung eigentlich nicht. Aber der Autor hat sie gebraucht.

"Ich hab 30 Jahre lang versucht, den Ton zu finden und die Distanz zur Geschichte. Die Redeform, dass der Schriftsteller ein bekannter Mann ist, ein ausgezeichneter Mann, das heißt also er hat's geschafft. Das heißt also, dadurch dass ich durch den Mund dieses Schriftstellers spreche, hab ich einerseits als Sieger gesprochen und hab auch zeitlich ne Distanz zu der Kindheit geschafft. Also ich konnte immer wieder – wenn ich gemerkt hab 'Die Sache geht mir zu nah' – konnt ich mich rausziehen, als Schreiber. Das war unheimlich wichtig. Wenn ich jetzt angefangen hätt und hätt meine Kindheit einfach so beschrieben – Vater-Kindergeschichte – ich hätt keinen Ton rausgebracht. Diese Freiheit und diese Distanz hat mir vom ersten Moment an den Ton gegeben. Ich wusste sofort: Bei dieser Geschichte, wenn ich sie so schreib, kann überhaupt nichts schiefgehen."

Manfred Kern

Wie gut, dass Manfred Kern mit diesem Kniff seine Geschichte doch noch erzählen konnte. Denn solche Geschichten müssen erzählt werden.


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