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Lucas Fassnacht "#Kill the Rich"

Ein achtloser Online-Post stürzt die ganze Welt ins Chaos. Die Armen erheben sich gegen die Reichen, überall kommt es zu Demos und Straßenschlachten. Und das ist erst der Anfang des Politthrillers "#Kill the Rich" von Lucas Fassnacht.

Von: Ilona Hörath

Stand: 05.11.2019

"Kassim starrte auf das Display seines iPhones. Er hatte Netz."

Auszug aus '#Kill the Rich'

Mit diesen Worten beginnt Lucas Fassnachts Roman "#KillTheRich". Das Internet gab es nun auch bei ihm, Kassim in Malawi. Zeit also, seinen ersten Twitter-Beitrag – eher achtlos – abzusetzen: "Africa wakes up. #killtherich" Binnen kurzer Zeit wird der Aufruf von den Usern geteilt. Millionenfach, weltweit. Und schon bald kommt die Facebookseite auf mehr als 15 Millionen Likes. Im Buch heißt es:

"Zum Vergleich: Die Fanpage von Trump hat fünfundzwanzig Millionen. Und es geht nicht nur um diese eine Seite, es gibt Ableger für jeden Kontinent. killtherich in Europe, killtherich in Africa und so weiter – bis auf Asien finden sich Millionen Supporter. Und sie vernetzen sich. Sie planen Treffen, sie posten Bilder von Polizeigewalt, rufen zu Demos auf, geben einander juristische Ratschläge. Es organisiert sich gerade eine neue Internationale der Wütenden."

Auszug aus '#Kill the Rich'

Soziale Medien dienen nur als Vehikel

"#KillTheRich - Wer Neid sät, wird Hass ernten", so heißt der gerade erschienene Roman von Lucas Fassnacht, es ist sein erster Thriller. Die Sozialen Medien dienen lediglich als Vehikel, sagt Lucas Fassnacht.

"Mir ging's bei dem Buch gar nicht so sehr um die digitale Komponente, sondern nur darum, dass durch das Digitale die Konflikte, die eh da sind, schneller hochkochen und eskalieren können. Wie beim Arabischen Frühling oder Occupy Wallstreet. Da ging's ja dann auch nicht mehr ums Digitale. Aber durch die Vernetzung ist es möglich, dass ein Funke das Pulverfass in die Luft jagt."

Lucas Fassnacht

Eine Welt am Abgrund

In dem Buch hat Brasilien längst den Aufstand geprobt, auf der Straße ruft das Volk nach Anarchie, Botschaften werden geplündert, Menschen kommen ums Leben. Eines der ersten Opfer: der brasilianische Staatspräsident Bolsonaro. Der Flächenbrand nimmt immer größere Ausmaße an. An allen Ecken und Enden der Welt lodert der Hass; Krawalle, Gewalt und Brutalität scheinen grenzenlos. Der Autor entwirft ein Szenario, in dem die Welt am Abgrund zu stehen scheint. Aber warum? Was in dem Roman verhandelt wird, ist eine zentrale gesellschaftspolitische Frage.

"Wenn man die Vermögenskonzentration, die gerade herrscht und auch zunimmt, nicht aufbricht, nicht umverteilt, dann gibt es einen Konflikt, der gewalttätig sein wird. Wenn die Mächtigen nicht anfangen, ihr Vermögen zu verteilen, dann werden die weniger Mächtigen dafür sorgen, dass sie es tun. Also das Buch ist eigentlich eher ein Weckruf, dass man alles tun sollte, um das zu verhindern. Mir geht's darum, den Diskurs zu befeuern, wir müssen irgendwie das Vermögen anders verteilen, sonst gibt's diesen großen Clash und den will ich nicht haben und meine Protagonistin Conrada von Pauli versucht ja mit allen Mitteln, die Gewalt einzudämmen und eine Lösung zu finden."

Lucas Fassnacht

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Der Politthriller "#Kill the Rich - Wer Neid sät, wird Hass ernten" von Lucas Fassnacht ist im Blanvalet Verlag erschienen. Das Buch kostet 22 Euro.

Angesichts der globalen Unruhen haben, wie der Autor schreibt, "einige in Brüssel mächtig Muffensausen". Mittendrin im Sturm: die Niederländerin Conrada von Pauli, EU-Diplomatin und Abteilungsleiterin für Südamerika. Eine Frau, die in Brasilien einen Skandal aufgedeckt und demzufolge sich nicht überall Freunde gemacht hat. Kann sie einen globalen Bürgerkrieg verhindern? Mit Bimal Kapoor bringt Lucas Fassacht einen zweiten Hauptprotagonisten ins Spiel. Der indische Starjournalist, "altersbedingt" aufs Abstellgleis gesetzt und zu Mangoschnaps greifend, folgt seinerseits Spuren und recherchiert auf gefährlichem Terrain.

"'Du willst sagen', meinte Bimal, 'die Banken haben Toyota und Merkel unter Druck gesetzt?' 'Nein. Die Banken sind nur ein Rädchen der Maschinerie. Ich will sagen, dass es sich nicht um unabhängige Ereignisse handelt. Die Fäden laufen zusammen. Und zwar in den Händen einiger Hundert Personen, viele weiß, aber nicht nur, viele männlich, aber nicht alle. Was sie vereint, ist das Geld. Ich nenne sie die Geißeln. Die Geißeln der Menschheit. Sie kontrollieren alles.'"

Auszug aus '#Kill the Rich'

Lucas Fassnacht – vom Poetry Slammer zum Romanautor

Die Macht der Mächtigen und die Ohnmacht der Bevölkerung, Arm gegen Reich. Ein Klima sozialer Ungleichheit, in dem ein Anwalt das Geschäft mit der Korruption zur Dienstleistung gemacht hat. Lucas Fassnacht interessiert sich, wie er sagt, dafür, wie die Gesellschaft funktioniert, vor allem aber wie sie nicht funktioniert. Seine ersten Schreibversuche unternahm Fassnacht, einer der Stars der fränkischen Poetry-Slam-Szene, bereits vor einigen Jahren.

"Ich glaube, ich habe beim Slam viel gelernt: wie ich pointiert schreibe, wie ich mein Publikum nicht verliere. Aber nach ein paar Jahren habe ich gemerkt, ich entwickle mich nicht weiter, weil ich nur wenige Minuten habe und mit der Zeit gewinnt auch die Pointe über die Dramaturgie, weil ich in der kurzen Zeit gar nicht so viel aufbauen kann an Spannung. Und wenn ich das noch ein paar Jahre gemacht hätte, hätte ich gedacht, ok, in den Jahren entwickle ich meinen Stil nicht weiter und deswegen war auch klar, ich muss einen Roman schreiben, das war zwangsläufig der nächste Schritt."

Lucas Fassnacht

Merkel, Putin, Trump – sie alle sind "fiktionale" Figuren

Entstanden ist "#Kill the rich" in Erlangen, gleich nach Abschluss seines Studiums Altgriechisch, Germanistik und Linguistik – im Winter 2016/2017 und in der Rekordzeit von gut sechs Monaten. Derartig umfangreich ist die Anzahl der Romanfiguren, dass der Autor am Ende des Buches sogar ein Personenverzeichnis angehängt hat. Zum Glück, denn man erwischt sich dabei, hin und wieder nachschlagen zu müssen, wer in Diensten der EU welche Funktion bekleidet, wer in den USA welchen Konzern lenkt oder wer genau noch mal Gerard, Geraldo, Theresa oder Winston sind. Leichter ist es da schon, wenn Namen fallen, die man aus den täglichen Nachrichten "im echten Leben" kennt: Merkel, Bolsonaro, Putin oder Trump.  

"Die Geschichte, die ich erzähle, könnte auch in unserer Welt vorkommen, deshalb verwende ich auch Klarnamen, es kommen Präsidenten vor, Politikerinnen, die es auch in der echten Welt gibt, natürlich fiktional verwendet, aber dadurch wollte ich noch klarer machen, was ich da beschreibe."

Lucas Fassnacht

700 lesenswerte Seiten

Was Lucas Fassnacht in dem knapp 700 Seiten dicken Wälzer entwirft, ist ein lesenswerter Politthriller mit gesellschaftskritischem Anspruch und mit dem Zeug, verfilmt zu werden. Unaufgeregt im Ton, präzise beobachtet, hervorragend recherchiert. Und hoch aktuell: Ist das wirklich Fiktion oder klickt man sich gerade durch die aktuelle Nachrichtenlage? Bis die Spannung so richtig zu knistern beginnt, nimmt Fassnacht allerdings rund 350 Seiten Anlauf. Eilig hat der Autor es also nicht. Dennoch ist das Erzähltempo zügig.

Fassnacht erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, verwebt die Erzählstränge geschickt miteinander. Brasilien, Moskau, Brüssel, Argentinien, Frankreich, Indien, Tschetschenien oder die USA: Trotz zahlreicher Schauplätze verliert man nicht die Übersicht. Köstlich: ein kurzes Kapitel über die Pressekonferenz eines aktuellen US-amerikanischen Präsidenten, das gänzlich ohne die Nennung dessen Namens auskommt, weil allein schon dessen Vokabular ihn entlarvt. Ganz wie im richtigen Leben.


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