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Karl Corino Lebenslinien

Karl Corino aus Ehingen am Hesselberg gehört zu den großen Kulturschaffenden des Landes. Mit "Lebenslinien" legt der 76-Jährige einen über 200-seitigen Gedichtband vor, der eine Art Lebensbilanz ist.

Von: Dirk Kruse

Stand: 23.11.2018

Karl Corino ist promovierter Literaturwissenschaftler, gilt als der maßgebliche Biograph des Romanciers Robert Musil, über den er eine 2.000-seitige Biographie geschrieben hat, war jahrzehntelang leitender Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk und hat zahlreiche Bücher über Literatur veröffentlicht. Neben Sachbüchern hat Karl Corino immer aber auch selbst Literatur geschrieben, Essays, erzählende Texte und vor allem Lyrik.

Unveröffentlichtes Material

Karl Corino

Mit Mitte 70 hatte der Dichter, Autor und Literaturwissenschaftler das Gefühl, eine Lebensbilanz in Gedichten ziehen zu müssen. So wählte er aus bereits erschienen Lyrikbänden wie "Tür-Stürze", "In Bebons Tal" oder "Vademecum" autobiographische Gedichte aus und ergänzte sie mit unveröffentlichtem Material zu dem höchst beeindruckenden Band "Lebenslinien". Rund die Hälfte dieser Gedichte beschäftigt sich mit seiner Kindheit und Jugend auf dem Dorf im westlichen Mittelfranken. Mal beschreibt Corino seine Kämpfe mit bissigen Gantern, mal schwindelt er sich ins Kino, um einen Tarzan-Film anzuschauen, mal portraitiert er liebenswert Familienmitglieder.

Gott als innere Uhr

Ein Läutwerk hatte sie
nicht auf dem Nachttisch

Wenn sie schlafen ging
malte sie mit der großen
Zehe ein Zifferblatt auf das
Fußende des Betts murmelte

"In Gott Vater leg ich mich
in Gott Vater deck ich mich
und Gott Vater wecke mich
morcha früah um fünfa"

Manchmal schob sie die kleine
Verbesserung nach

"Halb sechsa langt a no"

und sank hinüber
erwachte zur Zeit

Mit der selben Gewissheit
glaubte sie an die Auferstehung des
Fleisches am Jüngsten Tag

"Mein Elternhaus ist ein Bauernhaus gewesen, Nummer 18 in Ehingen am Hesselberg. Aber es war ein Haus, in dem es Bücher gegeben hat. Es hat eine zweibändige Jugendstil-Goethe- Ausgabe gegeben und eine vierbändige Schiller-Ausgabe, die ich noch heute besitze. Also insofern waren die wichtigsten Klassiker der deutschen Sprache schon mal präsent. Daneben gab es natürlich Ganghofer und alles mögliche andere. Aber prinzipiell haben meine Eltern gelesen, sobald sie Zeit dazu hatten. Und meine Mutter ist eine ausgezeichnete Kennerin der Literatur des 19. Jahrhunderts, speziell der Lyrik, gewesen. Also wenn ich im Hessischen Rundfunk manchmal Anfragen bekam nach bestimmten Texten, die ich nicht identifizieren konnte, die unsere Bibliothek nicht identifizieren konnte, dann hatte ich die Erlaubnis, meine Mutter anzurufen. Die hat es dann meistens gewusst."

Karl Corino, Autor 'Lebenslinien'

Literatur und Musik, Bildung überhaupt, hatten eine große Bedeutung in Cornios bäuerlichem Elternhaus. So besucht er in den 1950er-Jahren das Gymnasium in Dinkelsbühl, studierte nach dem Abitur in Erlangen, Tübingen und Rom und promovierte Ende der 1960er-Jahre zum Dr. phil. Partikel abendländische Kultur finden sich häufig in seinen Gedichten. Sei es dass er in dem Gedicht "Septembermorgen 1952" Mörikes berühmtes Herbstgedicht paraphrasiert, in "Meier Helmbrecht" mittelalterliche Versepen zitiert oder Früchte des Lateinunterrichts präsentiert. Immer wirkt das Ganze aber unangestrengt, harmonisch und selbstironisch.

"Es ist mir zumindest nicht möglich, die Bildungserlebnisse, die man im Laufe eines Lebens hatte, zu verdrängen und auszuschließen. Warum sollte man auch. Ich glaube, es geht um eine Versöhnung dieser verschiedenen Welten. Wobei ich auch beschriebe, wie es einem zehnjährigen Bauernkind geht, das plötzlich mit der antiken Bildung - ich bin auf ein humanistisches Gymnasium gegangen - konfrontiert wird. Das gab manchmal ganz komische Effekte, wenn da an der Schulhauswand stand: Per aspera ad astra. Und ich kannte nur unsere Kuh Astra. Da habe ich mir natürlich etwas zusammengereimt, was sich nicht unbedingt als wahr und richtig herausgestellt hat. Aber die Literatur der vergangenen Jahrhunderte, um nicht zu sagen Jahrtausende, ist ein Fundus, aus dem man schöpfen kann, aus dem man Beispiele zitieren kann und parallele Welten sehen kann. Also das möchte ich nicht missen."

Karl Corino, Autor 'Lebenslinien'

Devise

PER ASPERA AD ASTRA
stand über dem Eingang zum
Anbau

Astra kannte ich so hieß
unsere großrahmige gelbe
Kuh mit dem Stufeneuter

Sie konnte die Milch so zurück-
halten dass man als Stall-Schweizer
schier verzweifelte und meine
Mutter ihr einmal drohte

"Wart nor du Hutta bis mei
Maschina do is nocht
melk di dass di der Deifel hollt"

Das erste Bullenkalb das sie
brachte wurde unter dem Namen
Preller gekört weil das Vatertier
Presto Plato oder Perikles hieß

Astra war also klar aber was
wusste man hier von ihr und was
sollte der Rest

Später begriffen wir noch
eh wir den Kalauer kannten als
Form der Rede es müsse zu
Ehren eines astralen Giftzwergs
heißen
PER KASPERA AD ASTRA

Lateinische Sinnsprüche wie "Durch das Raue zu den Sternen" gepaart mit fränkischem Dialekt? Eine eigenwillige Melange. Aber Karl Corino beweist, dass Bildungsslang und Heimatsound durchaus eine fruchtbare Allianz eingehen können.

"Der Dialekt ist meine erste Sprache gewesen. Als Bauernkind der vierziger Jahre hat man natürlich als erste Sprache den Dialekt des Heimatortes gelernt. Und alle anderen Sprachen, die später hinzukamen, sind sozusagen auf Reserveplätzen des Sprachzentrums eingelagert worden. Deswegen habe ich ein wenig überspitzt gesagt: Im Grunde muss alles, was später für mich hinzukam aus der zweiten, dritten, vierten Sprache in den Dialekt rückübersetzt werden. Wobei der Dialekt ein großes Problem hat. Er hat keinen Sinn für Abstrakta. Deswegen muss man da in Bildern sprechen. Und das macht auf der anderen Seite die Lyrik ja auch sehr lebendig."

Karl Corino, Autor 'Lebenslinien'

Info und Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

"Lebenslinien" von Karl Corino ist bei PalmArtPress erschienen, hat 260 Seiten und kostet 24,00 Euro.

Was Corinos bildungsgesättigte, aber keineswegs bildungshubernde Lyrik auszeichnet ist, dass sie kleine Geschichten erzählt, mal balladenhaft, mal pointiert, und immer mit überraschenden Bildern aufwartet. Und sie ist mit einem gesunden Humor untergelegt, selbst dort, wo sie rühren will und ans Eingemachte geht. Etwa bei den außergewöhnlich schönen Erinnerungsgedichten an seinen Vater und seine Mutter. Berührend ehrlich und oftmals humorvoll sind auch Karl Corinos bislang unveröffentlichte Altersgedichte, die sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

Glans

Der prophetische Apparat lässt sich
nicht abstellen

"Wenn du noch eine Nuss
findest im kniehohen Laub
wirst du gesund"

Dann sind's gar fünf als gäbs
fünffach Gesundheit

Es ist so verlässlich wie
einem verlorenen Gegenstand
einen anderen blind nachzuwerfen
mit dem Befehl ihn zu
suchen

Ach wie verspottet der
Garten mich alten
Mann mit seinen Eicheln

Wie schnell sie
keimen den ersten
Trieb in den Boden schicken

Es ist Mastjahr

Schweinehirt könnt ich
Werden

Ich hör es schon
Grunzen

NEUF NEUF
du wirst
(leeres Versprechen)
Neunundneunzig

"Da kann ich nur mit dem Zitat antworten: Dichten selbst ist schon Verrat. Also man verrät vieles von seiner Befindlichkeit, was einen bedrückt und was vielleicht auch andere bedrückt. Aber es gehört zur Vollständigkeit eines Lebenslaufs und eines Bildes von sich selbst, dass man diese Dinge nicht verschweigt."

Karl Corino, Autor 'Lebenslinien'

Ein Menschenleben in Literatur zu fassen, dafür muss man keinen dicken Entwicklungsroman schreiben. Dem Autor ist das in seinem Gedichtband "Lebenslinien" aufs Vorzüglichste gelungen. Mit diesen Gedichten stellt Karl Corino sich an die Seite von Altmeistern der Poesie wie Peter Härtling, Günter Kunert und Rainer Kunze.


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