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Hundsfeld Der besondere Dialekt eines verschwundenen Dorfes

Bis 1938 lebten Menschen in dem unterfränkischen Dorf Hundsfeld. Dann mussten sie dem Truppenübungsplatz weichen. Nur einmal im Jahr dürfen die Bewohner zurückkommen – und pflegen dann auch ihren einzigartigen Hundsfelder Dialekt.

Von: Carolin Hasenauer

Stand: 22.10.2020

Nur ein Kreuz inmitten einer großen Wiese, ringsherum die alte Friedhofsmauer – das ist alles, was von Hundsfeld übriggeblieben ist. Fast 1.200 Jahre lang hat es das kleine Dorf bei Hammelburg in Unterfranken gegeben. Um 1900 dann wurden viele Hundsfelder abgesiedelt – das Bayerische Armeekorps brauchte hier einen Truppenübungsplatz. Nach und nach mussten die Einwohner ihre Höfe zurücklassen, dann wurden alle Häuser abgetragen, am Ende auch die Dorfkirche. Einmal im Jahr dürfen die ehemaligen Hundsfelder, ihre Kinder und Enkel in ihr Dorf zurückkehren. Organisiert werden die Treffen seit einigen Jahrzehnten von Pfarrer Franz Schmitt. Gebürtige Hundsfelder sind heuer nur noch zwei dabei – die meisten sind in den vergangenen Jahren im hohen Alter verstorben.

Verbundenheit zueinander machte Abschied schwer

Pfarrer Franz Schmitt

"Mein Vater war 14 Jahre alt, wie die Familie damals weg musste. Da war eine ganz starke Verbundenheit, durch die Landwirtschaft, auch durch die Familienzusammenhänge", erzählt Pfarrer Schmitt. Viele Hundsfelder sind damals nach Rothof gegangen, einem kleinen Weiler bei Rottendorf im Landkreis Würzburg. Sein Vater Otto aber kaufte einen Hof in Maidbronn bei Rimpar. Dort habe man aber nie wirklich dazugehört, sagt Schmitt. "Es war für meinen Vater eigentlich eine geraubte Jugend. Er gehörte zu den 'Reing'schmeckten'."

Zwangsweise Absiedelung und stiller Protest#

1938 waren die letzten Hundsfelder zwangsweise abgesiedelt und die Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht worden. Offenen Protest gab es keinen, sagt Schmitt. "Darüber ist unter den Hundsfeldern nicht wirklich gesprochen worden. Es gab einen Bürgermeister, der auf Parteilinie, also in der NSDAP, tätig war. Viele haben gesagt: 'Der hat uns verkäfft.' Es gab also schon Protest! Aber da war nichts mehr zu machen."

Erinnerungen der Sprache festhalten

Während Pfarrer Schmitt Fotos, Zeitungsartikel und Archivmaterial sammelt, konserviert die Germanistin Monika Fritz-Scheuplein von der Uni Würzburg die sprachlichen Erinnerungen an Hundsfeld. Denn der dortige Dialekt war ein ganz besonderer. "Hundsfeld liegt genau an so einer Schnittstelle wo verschiedene Merkmale aufeinandertreffen. Es ist also nicht verwunderlich, dass in hundsfelderisch Merkmale von Regionen außenrum stecken", erklärt Fritz-Scheuplein. Das hänge etwa mit früheren Herrschaftsgebieten, mit Konfessionsgrenzen und naturräumlichen Grenzen wie Bergen oder Flüssen zusammen.

Dialekt mit vielen Einflüssen

Ein historisches schwarz-weiß Bild von Hundsfeld.

Vor zwei Jahren hat sich die Germanistin mit ein paar ehemaligen Hundsfeldern in gemütlicher Runde getroffen. Mehrere hundert Fragen hat sie den Hochbetagten gestellt. "Wie etwa: 'Hundsfeld war früher mal ein kleines...' und dann sollten die Hundsfelder den Satz ergänzen." Mithilfe der Antworten konnte Fritz-Scheuplein nachweisen: Im Hundsfelder Dialekt findet sich von allem ein bisschen, Einflüsse aus Fulda und Mainz, sowie aus dem nördlichen und südlichen Würzburger Raum.

Merkmale aus Karlstadt und Ochsenfurt

"Also gerade bei Beere, da ist so ein Gleitlaut drin, klingt wie ein Jot. Das ist eigentlich typisch für Orte im Karlstädter Kreis. Und da stellt sich Hundsfeld jetzt eben dazu", erklärt die Germanistin. Gleichzeitig sagen die Hundsfelder statt Blümlein "Blümli", was eher typisch ist für den Ochsenfurter Gau. Ein sehr bunter Dialekt also. Das wusste schon der Volksschullehrer Carl Reinhard, der 1909 in seinem Büchlein über die Hundsfelder Geschichte geschrieben hat: "In der Vorsilbe ge- wird es vor einigen Buchstaben wie a gesprochen, vor anderen gar nicht: Also es heißt gatrunka und gawohnt, aber gschickt und ghöart."


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