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Gräfendorfer Seemühle Homeoffice im Baumhaushotel

Bislang war die Fahrt ins Büro die Normalität. In Pandemiezeiten ist nun aber Homeoffice in aller Munde. Das muss nicht immer Arbeiten zuhause heißen. Im Spessart gibt es beispielsweise ein Baumhaushotel, in das sich Geschäftsreisende einbuchen können.

Von: Klaus Rüfer

Stand: 21.04.2021

Das Baumhaushotel an der Gräfendorfer Seemühle | Bild: BR-Klaus Rüfer

Von Gemünden am Main aus, der Drei-Flüsse Stadt am Rande des Spessarts, geht es immer an der Saale entlang nach Gräfendorf, am Ortsende dann noch ein paar hundert Meter weiter. Links von der jetzt schon recht einsamen Landstraße öffnet sich unvermittelt ein bewaldetes Tal. Weit hinten steht dann ein altes Fachwerkhaus. Ein wassergespeistes Mühlrad dreht gemächlich seine Runden – man ist angekommen an der alten Seemühle im Waizenbachtal. Derzeit ist es ruhig hier, Corona hat auch im Baumhaushotel fast alles zum Erliegen gebracht.

Arbeiten im Grünen

Stephan Schulze hat vor fünf Jahren die Gräfendorfer Seemühle zum Baumhaushotel gemacht. Zwar sollte das Baumhaushotel immer ein ruhiger, stiller Ort sein. Aber so ruhig wie derzeit nun auch wieder nicht. Die üblichen Corona-Auflagen lassen keine Touristen zu. Und doch sitzt unter einem Baum eine Gästin auf einer Bank und blinzelt versonnen in den Himmel. Auch wenn man es der Berlinerin gerade nicht anmerkt – sie ist zum Arbeiten hier. Homeoffice im Hotel ist nämlich auch während der Pandemie erlaubt.

"Der perfekte Ort" – so hat Stephan Schulze die Seemühle im Waizenbachtal gesehen, als es vor über 20 Jahren zum ersten Mal hierherkam. Damals noch nicht ahnend, dass er hier einmal zum Hotelier werden sollte. Der erste Versuch, das Areal zu erwerben, verlief alles andere als erfolgreich, erinnert sich Schulze heute lachend. Denn damals war die Seemühle noch bewohnt. Und der ältere Herr und Eigentümer - er machte dem höfflich fragenden Schulze unmissverständlich und unterfränkisch direkt klar, was er von der Verkaufs-Anfrage hielt.

"Der hat mich vom Hof gejagt und gerufen: Mir vergebe nix, solange wir leb. Geh fort! Ich lass die Hund von der Kett! Das war kein gutes Zeichen und ich hab die Hacken in die Hand genommen."

Stephan Schulze, Hotelier

Doch trotz dieser drastischen Abfuhr – es sollte sich dann doch noch alles zum Guten wenden für Stephan Schulze. Auch wenn es noch rund 15 Jahren dauerte, bis er die Seemühle tatsächlich kaufen konnte. Nach zähen Verhandlungen hatte er sich gegen teils skurrile Konkurrenten durchgesetzt – Rotlichtbarone aus Frankfurt zum Beispiel, die einen Swingerclub daraus machen wollten.

Stephan Schulze hatte neben der Schönheit auch gleich das wirtschaftliche Potenzial des kleinen Tales erkannt. Der studierte Ingenieur, der früher Windkraftprojekte managte – er wollte die verfallene Seemühle aus dem Dornröschenschlaf holen. Dass er dann Baumhäuser ins Waizenbachtal stellen würde, diese Idee kam dem Hotelier in spe dann wie eine Eingebung.

Luxus-Baumhäuser mit Dusche, Heizung und Internetanschluss

Die zehn Holzhäuser, die sich jetzt in großen alten Bäumen im Abstand von jeweils etwa 40 Metern an einem Seitenhang des Tals aneinanderreihen, sie haben den Begriff "Haus" tatsächlich verdient. Denn es sind wahrlich keine Bretterbuden, sondern echte Luxus-Appartements, die hier in die Bäume gezimmert worden sind. Mit Dusche, WC, Heizung, TV und Internetanschluss. Und genau diese Ausstattung war dann auch die Voraussetzung, den Betrieb des Baumhaushotels auch während der Pandemie zumindest auf Sparflamme am Laufen halten zu können. Für Gäste wie die Berlinerin eben, die zum Arbeiten ins Waizenbachtal gekommen ist. Es genügt schon, einfach mal zwischendurch aus dem Fenster zu blicken oder einen Schritt vor die Tür zu machen – und schon ist man in einer ganz anderen Welt, gerade wenn man sonst in einer Großstadt wie Berlin lebt.

Und natürlich beginnt im Baumhaushotel auch ein Arbeitstag ganz anders als sonst im Büro. Homeoffice hin oder her – etwas Urlaubsstimmung darf schließlich doch auch aufkommen. Arbeitstage mitten im Grünen – zumindest auf Zeit hat sich die Berlinerin den Traum erfüllt. Mittlerweile schon zum dritten Mal ist sie an die Gräfendorfer Seemühle gekommen. Anfängliche Bedenken, heimlich aufkommende Urlaubstimmung könnte die Arbeitsmoral untergraben, die hat sie längst nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Das malerische Waizenbachtal fördert offenbar auf seine ganz eigene Weise die Produktivität.


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