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Historische Kulturlandschaften Wie ein EU-Projekt unentdeckte Schätze heben will

Ein Hohlweg im Wald oder ein Felsenkeller am Ortsrand – Franken ist voll von historischen Kulturlandschaftselementen. Ein EU-Projekt will diese oft unentdeckten Schätze heben und das Wissen darüber für künftige Generationen bewahren.

Von: Tanja Oppelt

Stand: 17.12.2020

Erfassung historischer Kulturlandschaften | Bild: BR-Studio Franken/Tanja Oppelt

Am Wegrand mitten im Wald zwischen Litzendorf und Geisfeld im Landkreis Bamberg steht ein etwa 1,20 Meter hoher Stein, grob in Form gehauen wie ein Grabstein, verwittert und mit Moos überzogen. Auf der Vorderseite ist ein Kreuz eingemeißelt, auf der Rückseite eine rätselhafte Buchstabenkombination. Sabine Denzlein aus dem benachbarten Roßdorf hat ihn gefunden.

"Ich habe eine Karte von der Gemeinde – so eine Touristenkarte – in die Hand genommen, und da habe ich den Eintrag Kreuzstein gefunden. Da war ich verwundert, denn ich kenne hier in der Gegend zwei Kreuzsteine, und die sind als Denkmal eingetragen, und ich weiß, wo die stehen. Das hier war mir völlig neu. Dann habe ich mich aufgemacht und gesucht und auch gefunden."

Sabine Denzlein, Architektin

Mörder mussten ein Sühnekreuz aufstellen

Wann der Kreuzstein aufgestellt wurde und warum – niemand weiß es mehr genau. Er steht an einem alten aufgegebenen Wirtschaftsweg, der einst das Dörfchen Melkendorf mit der Bischofsstadt Bamberg verband. Und: Es rankt sich eine Legende um den Stein.

"Der Legende nach wurde hier ein Maurer auf dem Nachhauseweg erschlagen. Früher war es so, dass der Täter dann als Strafe so ein Sühnekreuz aufstellen musste."

Sabine Denzlein, Architektin

80 Ehrenamtliche in Franken und der Oberpfalz

Ehrenamtliche Sabine Denzlein (links) und Projektmanagerin Johanna Kemmler neben einem Kreuzstein.

Sabine Denzlein macht Fotos von dem Kreuzstein, sammelt das Wissen, das bei den Dorfbewohnern über Weg, Stein und Legende noch vorhanden ist, und trägt alles in eine Datenbank ein. Sie ist eine von rund 80 Ehrenamtlichen in Franken und der Oberpfalz, die bei dem EU-Projekt zur Erfassung historischer Kulturlandschaften mitmachen - und findet es total interessant, was es alles zu entdecken gibt.

"Ich bin sehr heimatverbunden und hab mir schon immer überlegt, wie haben die Leute früher gelebt, wie sah es aus, was ist da noch da. Von den Dörfern gibt’s Bilder und Berichte. Aber die Landschaft drum herum, die sah ja auch ganz anders aus, aber da gibt’s wenig Aufzeichnungen. Dann las ich von dem Projekt und habe gedacht, das ist ja interessant. Da gibt’s ja mehr als man denkt – und dann habe ich mich gemeldet."

Sabine Denzlein, Architektin

In einer Schulung lernen die Ehrenamtlichen, worauf sie bei der Suche achten müssen, welche Informationen wichtig sind und wie die Datenbank bestückt wird.  Sabine Denzlein, im Hauptberuf Architektin, macht sich an die Arbeit.

"Man muss mit sehendem Auge durch die Landschaft gehen. Es wird einem dann auch bewusst, was kulturgeschaffen ist und was nicht. Man lernt es mit der Zeit. Was bei uns typisch ist, sind diese Kelleranlagen. Wir sind am Wochenende viel mit dem Fahrrad unterwegs. Und in jedem zweiten Ort fährt man am Ortsrand an verdeckten Kelleranlagen vorbei und denkt sich, wie hat das wohl ausgesehen, schade, dass es verfällt. Oder die vielen Hohlwege – jetzt weiß man plötzlich, wie die entstanden sind, in dem sie einfach viel benutzt wurden mit schweren Fuhrwerken, und je tiefer, desto älter."

Sabine Denzlein, Architektin

EU fördert die professionelle Erfassung der Kulturlandschaft

Das Projekt zur Erfassung historischer Kulturlandschaft ist vor drei Jahren ins Leben gerufen worden. EU-Fördergelder ermöglichen eine professionelle, hauptamtliche Projektleitung. Zwei Projektmanager kümmern sich um die Schulung und die Koordination der Ehrenamtlichen und pflegen die Datenbank. Projektmanagerin und Historikerin Johanna Kemmler formuliert die Ziele so.

"Vor allem möchten wir Bürger anregen, sich mit ihrer Heimat zu beschäftigen. Und auch, dass dieses Wissen, das viele haben, gewahrt bleibt und vermittelt wird. Indem man das publik macht, können solche Elemente auch in irgendwelche Konzepte mit aufgenommen werden – wenn da eh ein Wanderweg verläuft oder einer geplant ist, dass man die Elemente mit aufnimmt mit einem Schild. Wenn dann jemand vorbei spaziert, weiß er, was es ist. Vieles sieht man und nimmt es gar nicht richtig wahr, weil man nicht weiß, worum es sich handelt."

Johanna Kemmler, Historikerin

Zum Ende des Jahres laufen die Fördergelder der Europäischen Union aus. Um die Datenbank wird sich künftig der Bayerische Landesverein für Heimatpflege kümmern. Architektin Sabine Denzlein will sich auf jeden Fall weiter ehrenamtlich engagieren. In ihrer Heimat, sagt sie, gebe es noch so viel zu entdecken.

Info zur Erfassung historischer Kulturlandschaften

Wer Ausschau halten und historische Kulturlandschaften in seiner Heimat entdecken möchte: Auf der Homepage des Projekts "Erfassung historischer Kulturlandschaften" gibt es eine interaktive Landkarte. Einfach auf einen der bunten Kreise tippen und schauen, was sich dahinter verbirgt: https://erfassung.historische-kulturlandschaft.net/


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