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Helmut Haberkamm "Die warme Stube der Kindheit"

Der Erlanger Helmut Haberkamm hat sich literarisch dem Leben und der Sprache Frankens verschrieben. Sein neues Buch "Die warme Stube der Kindheit" erzählt in Einzelschicksalen vom lebendigen Landleben, aber auch von Enge, Leid und Trauer der Menschen in Franken.

Von: Tilla Schnickmann

Stand: 09.05.2019

Cover "Die warme Stube der Kindheit" | Bild: ars vivendi; Collage: BR

"Mein Lebtag lang habe ich gearbeitet von früh, wenn es hell wurde, bis spät in die Nacht. Immer gebunden an den Hof und die Arbeit, das Vieh und das Wetter. Fünfzig Jahre geplagt und gesorgt, das ganze Geld in den Betrieb gesteckt und der Agrarindustrie in den Hintern geschmiert, und heute steh ich da, krüppelkrumm und hundsteinmüd, mit einer Rente unter aller Sau. Bei den Schmarotzern dagegen macht schon lange nicht mehr der Schweiß das Kraut fett." Auszug aus 'Die warme Stube der Kindheit' von Helmut Haberkamm

Kein Loblied an die Vergangenheit

Wer bei dem Buchtitel "Die warme Stube der Kindheit" mit dem Coverbild eines Fachwerkhauses mit erleuchteten Fenstern ein Loblied an die Vergangenheit erwartet, der hat sich getäuscht. Kindheit, Erinnerung und Vergangenheit sind beileibe nicht immer von Zucker.

Helmut Haberkamm | Bild: Helmut Haberkamm

"Die gute alte Zeit hat es ja nicht gegeben. Die heile Welt, von der wir oft reden oder der Spruch 'Hier ist die Welt noch in Ordnung', wie es oft am Land heißt – das sind ja Blicke von außen auf eine Idylle, die nie einfach war für die Leute, die in der Idylle leben mussten. Und so ist es heute auch, wenn ich sage, ich hatte eine schöne Kindheit, dann habe ich viele Dinge vergessen und ausgegrenzt, die ich nicht mehr weiß, nicht mehr wissen will oder die ich Gott sei Dank bewältigt habe. Aber wenn man die Welt von früher anschaut, die wurde geprägt von Machtverhältnissen, Tragödien und Schicksalsschlägen, von Armut und Enge. Die Leute lebten mit vielen Personen in kleinen engen Häusern, in denen heute keiner von uns mehr drin leben möchte. Aber es gab auch Wärme und Nähe, es gab großen Reichtum, der uns heute in menschlicher und emotionaler Hinsicht fehlt. Es war eine Mischung."

Helmut Haberkamm, Schriftsteller

Die Heimat, die einen prägt

Zwölf Erzählungen aus 25 Jahren hat Helmut Haberkamm zusammengestellt. Sie alle berichten von Menschen, die durch ihre Heimat und ihre Kindheit geprägt sind, die aber ganz unterschiedlich sind: Da ist der Künstler, der an der Bigotterie der Heimatgemeinde scheitert, der Club-Fan, der am Krankenbett seines Bruders die Niederlage des Fußballvereins zu einer Erfolgsgeschichte umdichtet, oder die Frau, die auf der Hochzeit ihrer Tochter ihr eigenes Leben und ihre verpassten Chancen wehmütig durchlebt.

"'Weinst du, weil du heute was verloren hast?' Als Ernst seiner Frau Hannelore diese Frage stellte, war sie für einen Augenblick perplex. Es war der Tag, an dem Ihre Tochter Elke heiratete, und Hannelore hatte Tränen in den Augen. Ernst freute sich überschwänglich mit seiner Tochter, machte Scherze und Grimassen, lachte laut auf und schlug Bernd, seinem gutmütigen Schwiegersohn, kameradschaftlich auf die Schulter, als würde er einen Teppich ausklopfen. Hannelore fiel der Satz ihrer Mutter wieder ein, den sie schon beinahe wieder vergessen hatte: 'Wenn die Tochter heiratet, weint die Mutter.' Erst jetzt spürte sie, wie wahr dieser Spruch eigentlich ist." Auszug aus 'Die warme Stube der Kindheit' von Helmut Haberkamm

Es sind Geschichten, die mitten aus dem Leben gegriffen sind und überall in Franken spielen könnten. Menschliche Blitzlichter, die meist durch eine reale, persönliche Begegnung inspiriert und erzählerisch entwickelt wurden.

"Ich habe erst einmal eine Ausgangsfigur, einen Menschen, den ich getroffen habe, der mir nahe geht, der mich beschäftigt, über den ich nachdenke, der mir zu schaffen macht – im wörtlichen Sinne. Das heißt ich fange an, etwas zu schaffen, weil mich etwas beschäftigt."

Helmut Haberkamm, Schriftsteller

Info und Bewertung:

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Das Buch "Die warme Stube der Kindheit" von Helmut Haberkamm ist im ars vivendi Verlag erschienen. Es umfasst 200 Seiten und kostet 19,00 Euro.

Das Buch hat er größtenteils in Hochdeutsch geschrieben. Doch es wäre nicht Helmut Haberkamm, wenn es nicht auf allen Seiten dennoch "Fränkeln" würde. Seine Sprache ist vom Mündlichen geprägt und gespickt mit einer Vielzahl von Redewendungen, die Haberkamm ins Hochdeutsche übertragen hat. Zwei Beispiele: "Der Mund ist eine kleine Lucke, kann aber Haus und Hof verschlucken." Oder: "Wenn ich mein Küchlein in dem Schmalz backen darf, dann darfst du dein Fleisch in meinem Kraut kochen."

"So wie andere Leute Vogelstimmen oder Bierfilze sammeln, so fallen mir Redewendungen oder Worte auf."

Helmut Haberkamm, Schriftsteller

"Wo man gesprungen ist als Kind, da bleibt man auch gern sitzen. (…)
Die Großen haben die Pfeile geschnitzt, die Kleinen haben damit geschossen  (…)
Einmal wird jedem das letzte Brot gebacken."
Auszug aus 'Die warme Stube der Kindheit' von Helmut Haberkamm

"In den Redewendungen steckt unheimlich viel Psychologie, teilweise sehr viel Kulturgeschichte. Ich habe mir gedacht, das passt auch im Hochdeutschen, wenn ich es vom Dialekt ins Hochdeutsche hole. Denn erst mal hat man so einen Originalton, Atmosphäre drinnen und zum Zweiten man hat sofort die Menschentypen vor Augen."

Helmut Haberkamm, Schriftsteller

Die weibliche Sicht auf die Welt

In den Erzählungen treten ganz unterschiedliche Menschen auf – Männer und vor allem Frauen. Die weibliche Sicht auf die Welt reizt den Schriftsteller:

"'Da ist, ich weiß nicht wie ich es nennen soll, so eine Weichheit im Gemüt, die Frauen eher haben als Männer. Die ist eine große Stärke, aber sie ist auch eine Gefahr, denn man kann auch daran zerbrechen, an so einer Traurigkeit."

Helmut Haberkamm, Schriftsteller

Der Blick auf das Kleine zeigt das große Menschliche

"Die warme Stube der Kindheit" ist vielseitig und fränkisch. Haberkamm schafft es in den kleinen Episoden Bilder und Typen zu erschaffen, die wohl jeder, der in Franken großgeworden ist, mal getroffen hat. In seinem Blick auf das Kleine zeigt er das große Menschliche – in Franken und anderswo und zu allen Zeiten.  

"Ich glaube nicht, dass die Menschen zu anderen Zeiten glücklicher waren als heute. Worum es mir mehr geht ist eigentlich, die Augen zu öffnen für die Licht- und Schattenseiten jeder Gegenwart. Der Gegenwart vor 100 Jahren wie der Gegenwart von heute, um zu merken, was ist wichtig, was bereichert unser Leben, macht uns zufrieden oder glücklich und was fehlt uns heute, müssen wir missen."

Helmut Haberkamm, Schriftsteller


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